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  • 02.06.2018
  • von Joachim Huber

Interview mit Peter Limbourg: „Wir machen Journalismus – nicht PR“

von Joachim Huber

Reden, was Sache ist. Der „Shababtalk“ der Deutschen Welle mit Moderator Jaafar Abdul Karim (Mitte) findet quer durch die arabische Welt statt – wie hier in Bagdad. Foto: DW

Deutsche-Welle-Intendant Peter Limbourg über Russia Today, Glaubwürdigkeit, neue türkische Fernsehangebote und Flüchtlings-TV.

Herr Limbourg, die Deutsche Welle wird 65. Ein Datum, das eher nach Abschied, nach Aufhören klingt. Warum nimmt die Welle das Datum als Anlass zum Feiern?

Weil wir frisch und munter sind, gerade mit Blick auf die Mitbewerber. Die BBC beispielsweise ist 96. Und die Leistungen der Deutschen Welle, insbesondere ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sind wahrhaft ein Grund zu feiern. Wir standen noch nie so gut da wie heute, was Reichweite und Budget anlangt.

Das ging und geht manchmal durcheinander. Was ist der aktuelle Auftrag Ihres Senders?

Der wichtigste Auftrag der Welle ist, Menschen zu informieren, rund um die Welt und ganz besonders dort, wo Informationen blockiert oder zensiert werden. Zudem sollen wir deutsche und europäische Sichtweisen in den Diskurs zu bringen, uns für Demokratie, Toleranz, Menschenrechte und Pressefreiheit einsetzen.

Alle Welt zu informieren, das wird nicht gehen. Was sind die Schwerpunkte?

Wir haben eine klare Vorstellung unserer Zielgruppen. Das sind Menschen, die in ihren Ländern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aktiv sind. Unsere Schwerpunkte sind tatsächlich weltumspannend. Afrika, Asien und Lateinamerika sind wichtig, aber wir können uns nicht auf einzelne Regionen konzentrieren, was Sie schon daran sehen, dass wir in 30 Sprachen senden.

Was sind die blinden Flecken?

Länder wie Schweden oder Norwegen sind jetzt nicht im Fokus unseres Tuns, also weite Teile der Europäischen Union, wo die Pressefreiheit gesichert ist und das Wissen über Deutschland groß.

Senden Sie überhaupt noch auf Deutsch für Deutsche wie zum Sendestart vor 65 Jahren?

Ja, wir senden weiter im TV und online auf Deutsch, hauptsächlich für Menschen, die sich für die deutsche Sprache interessieren, natürlich auch für Deutsche im Ausland, aber sie stehen nicht mehr im Zentrum unserer Anstrengungen. Heutzutage sind eben fast alle deutschen Inlandsmedien via Internet in fast der ganzen Welt verfügbar. Wir wollen die Menschen in ihrer jeweiligen Region in ihrer Sprache erreichen.

Die Deutsche Welle wird aus Steuergeldern finanziert wie übrigens auch Russia Today. Was macht die Welle unabhängig, wo Russia Today doch als die Stimme des Kremls gilt?

Wir sind unabhängig qua Gesetz, nicht kontrolliert vom Staat, sondern von öffentlich-rechtlichen Gremien - und wir verstehen uns nicht als Stimme der Regierung oder als Schwert im Informationskrieg. Wir verstehen uns als Stimme von ganz Deutschland, wir transportieren immer die Ansichten von Regierung und Opposition - wir sind vielseitig, nicht einseitig in unserer Berichterstattung.

Na ja, von Russia Today aus gesehen ist die Deutsche Welle durchaus ein Informationskrieger aus Deutschland. Dagegen kann sich kaum wehren, oder?

Doch, indem man überzeugend und in der täglichen Arbeit nachweist, dass man Journalismus macht und nicht PR oder Propaganda.

Wird das Informationsgeschäft nicht zunehmend schwieriger? Jeder Auslandssender wird behaupten, er liefere saubere Information und nichts als die Wahrheit.

Bei Sendern in autokratischen Staaten finden Interviews mit Oppositionspolitikern oder Dissidenten kaum bis gar nicht statt. Das ist der Unterschied zur Deutschen Welle.

Sie senden auf Russisch und Ukrainisch, den Sprachen der beiden Konfliktparteien nicht nur auf der Krim. Sie sagen, die Deutsche Welle liefere objektive Informationen. Wer garantiert die Objektivität?

Die Objektivität liegt natürlich immer auch im Auge des Betrachters. Es ist immer ein Bemühen um die Wahrheit, im ukrainischen wie im russischen Dienst. Wir haben eine enorm hohe Glaubwürdigkeit bei unseren Nutzern. 96 Prozent unserer Nutzer halten die DW für glaubwürdig oder sehr glaubwürdig. Das ist fast noch wichtiger als die Reichweite. Der Deutschen Welle wird vertraut, vor allem in Ländern mit autokratischen Regimen. Das ist, so glaube ich, auch eine Folge unserer klaren Haltung.

Eine Haltung, die sich eng an die Haltung der Bundesregierung anschließt?

Anschließen kann - aber nicht zwingend. Wir beurteilen die Ereignisse in der Welt schon selbst.

Was können Sie zu den Reichweiten in Russland und in der Ukraine sagen?

Wir haben unsere Reichweiten in den vergangenen Jahren deutlich gesteigert. In Russland erreichen wir um die 13 Millionen Haushalte mit unserem TV-Programm auf Deutsch, in dem wir inzwischen auch russische Programmfenster haben. In der Ukraine sind es um die 10 Millionen Haushalte. Zusammen mit der Nutzung unserer Online-Angebote auf Russisch und Ukrainisch, die auf rund 20 Millionen Kontakte im Monat kommt, ist das schon eine gute Reichweite. Dazu kommen sehr erfolgreiche einzelne Formate, wie das Satiremagazin Zapovednik mit 1,2 Millionen Videoabrufen pro Folge oder die vielbeachtete Interviewsendung von Zhanna Nemzova.

In Ländern wie China, Iran oder einigen afrikanischen Staaten wird der Empfang der Deutschen Welle aktiv gestört. Wird das hingenommen oder wird etwas dagegen unternommen?

Wir versuchen, das zu umgehen, indem wir mit Umgehungssoftware oder VPNs, also über direkte, verschlüsselte Internetzugänge, arbeiten. Das ist in China zunehmend schwieriger geworden, weil die Chinesen sich radikal abschotten wollen. Auch die deutsche Politik, gerade waren es die Bundeskanzlerin und der Bundesaußenminister, spricht immer wieder den Zugang zu freien Medien an. Es ist eine Mischung an Maßnahmen, wie wir an eine größere Zahl von Nutzern herankommen wollen. Schwierig in einer Zeit zunehmender Blockaden und Sperren. Man darf da aber nicht resignieren, man muss es immer wieder ansprechen bei den Verantwortlichen in China, Iran, Ägypten oder Äthiopien. Diese Form von Zensur ist ja auch ein Zeichen des Misstrauens gegenüber der eigenen Bevölkerung und ein unfreundlicher Akt gegenüber Deutschland.

Der Etat der DW soll auf 350 Millionen Euro steigen. Reicht das, um mit den Global Playern - BBC, CNN, Russia Today, France Médias Monde - Schritt halten zu können?

Wir sind auf einem guten Weg, Bundestag und Bundesregierung unterstützen uns. Es ist im Koalitionsvertrag vereinbart, uns finanziell auf das Niveau der vergleichbaren europäischen Auslandssender anzuheben. France Médias Monde und die BBC liegen noch deutlich über uns. Da ist also noch etwas Luft.

Die Deutsche Welle will ihre Aktivitäten in den USA ausbauen. Warum das? Brauchen die USA des Donald Trump ein Korrektiv aus Deutschland?

Damit haben wir schon in den vergangenen Jahren begonnen, im Netz, wie im Fernsehen mit unserem englischsprachigen Newssender. Das Interesse an Deutschland ist groß und gerade in Zeiten transatlantischer Spannungen ist es gut, ein Angebot aus Deutschland zu bekommen. Wir wollen zum gegenseitigen Verständnis beitragen.

Müssen die USA gerettet werden, wo sich Norwegen und Schweden schon gerettet haben?

Wir sind nicht zum Retten da, und die USA werden sich schon selber wieder korrigieren.

Hat nicht auch die Deutsche Welle mit ihrem transportierten Deutschland-Bild dazu beigetragen, dass potenzielle Flüchtlinge gesagt haben: Da wollen, da müssen wir hin?

Das Image Deutschlands in der Welt ist nun mal hervorragend. Daran mussten und müssen wir nicht herumschrauben. Sicherlich wurden auch falsche Erwartungen geweckt - aber nicht von uns - weswegen wir es verstärkt als unsere Aufgabe sehen, darüber zu informieren, wie die Verhältnisse für Flüchtlinge heute tatsächlich sind. Wir müssen Deutschland nicht in düsteren, sondern in realistischen Farben zeigen.

Stichwort Türkei. Eines der Länder mit einem autokratischen Regime. Was will die Deutsche Welle unternehmen?

Wir möchten mit anderen westlichen internationalen Fernsehsendern in naher Zukunft ein türkisches Fernsehangebot an den Start bringen. In einer Zeit, in der die Pressefreiheit nahezu zerstört ist und Journalisten eingesperrt werden, braucht es ein zusätzliches Angebot. Jetzt wollen wir mit der Politik wegen der Finanzierung ins Gespräch kommen. Benötigt wird jährlich eine niedrige zweistellige Millionensumme. Start des Projektes sollte 2019 sein.

Peter Limbourg ist seit 2013 Intendant der Deutschen Welle mit den Standorten in Berlin und Bonn. Davor arbeitete der Journalist und Jurist als Informationsdirektor von ProSiebenSat1TV.

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