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  • 12.05.2018
  • von Jan Freitag

ZDF-Komödie zum Nahost-Konflikt: „Was haben wir je mit Töten gewonnen?“

von Jan Freitag

Showdown im Stadion. Der israelische Verbandsfunktionär Ozon (Moshe Ivgy, links) gibt dem deutschen Coach (Detlev Buck) einen Crashkurs in israelischer Geschichte an der Klagemauer in Jerusalem. Und dann muss ja auch noch die heikle Frage beantwortet werden, wer das Fußballspiel gegen die Palästinenser leiten soll. Foto: ZDF und Daniel Kedem

Fußball als Ultima Ratio zwischen Israel und Palästinensern: Die Komödie „Der 90-Minuten-Krieg" ist der beste Kommentar zum 70. Geburtstag des Staates Israel.

Feuer mit Öl zu bekämpfen, ist bekanntlich fast ebenso nutzlos wie Gewalt mit Gewalt. Andererseits: Mancher Brandherd ist einfach zu heiß für klares Löschwasser. Der Nahostkonflikt zum Beispiel, besonders im Heiligen Land, das Palästinenser wie Israelis gleichermaßen für sich beanspruchen, und zwar vorwiegend für sich allein – wie bitte soll man dieses Stellungsgefecht 70 Jahre nach Gründung des jüdischen Staates auf arabisch besiedeltem Land lösen?

Itay Meirson hätte da eine Idee. In seinem Roman „Milchemet Tisheem Hadako“ schlägt der Autor vor, den Streit für ein Fußballspiel vom Wüstensand aufs grüne Gras zu verlegen. Israel vs. Palästina, elf gegen elf, die endlose Schlacht als „90-Minuten Krieg“, so lautet der Titel von Ayal Halfons famoser Verfilmung, die Montagnacht im ZDF zu sehen ist. Statt Pokal und Konfettiregen kriegt der Sieger darin das ganze Land, von Jerusalem bis Jaffa, von Galiläa bis Eilat. Klingt irre? Ist es auch! Und doch von so luftiger Wahrhaftigkeit, dass man den bizarren Plan vielleicht doch nicht abschließend für verrückt erklären sollte.

Am Ende ist er es bei allem Charme aber doch, weshalb die deutsch-israelische Koproduktion mit freundlicher Unterstützung von Portugal, wo das fiktive Match stattfinden soll, den bestmöglichen Weg geht, um ihn zu illustrieren: die Mockumentary. Von Orson Welles’ invasiven Radio-Aliens in „Krieg der Welten“ bis Tom Toelles glaubhafter Fernsehdystopie „Millionenspiel“, von der Serienkillergroteske „Mann beißt Hund“ bis zum Found-Footage-Klassiker „Blair Witch Project“, von „Stromberg“ über „Fraktus“ bis zu Olli Dittrichs Beckenbauer-Double „Schorsch Aigner“ – Filmemacher bedienen sich der inszenierten Dokumentation gerne, wenn Wirklichkeit und Wahnsinn genügend Bezugspunkte haben, um ihre Unterscheidbarkeit ernstlich, oft aber auch humorvoll auf die Probe zu stellen.

Protagonisten von ausgesprochen versponnener Authentizität

Genau das gelingt dem Regisseur in einer leichtfüßigen Dringlichkeit, die aus der Perspektive eines Filmteams im Film stets beides ist: zum Lachen, zum Heulen, nicht selten im selben Moment. Ohne dass der Entstehungsprozess dieses wirkmächtigsten aller denkbaren Sportereignisse erklärt würde, steuern die zwei Erbfeinde darin auf einen Showdown im Stadion zu, der nur oberflächlich betrachtet friedvoller wirkt als die Wüste Negev. Dafür sorgen vor allem zwei Protagonisten von ausgesprochen versponnener Authentizität. Virtuos graben sie sich unter den Grenzzäunen des Schauspiels hindurch ins Unterbewusstsein der Realität und sorgen dort 80 Minuten für Verwirrung.

Erstaunlich plausibel feilscht der palästinensische Verbandschef Barghuti mit Amtskollege Ozon um Abstammungsfragen (reichen zwei Wochen Aufenthalt im Land zur Spielberechtigung?), Schiedsrichter (war dessen Tochter nicht im Kibbuz?) und Spielort (lieber Portugal als die Schweiz). Letzterer ein echter Schmock mit Herz und Zigarre, Ersterer ein wahrer Heißsporn mit Herz und Schnauze, liefern sich beide einen hinreißenden Wettstreit um die schmierigste Strategie. Das wirft die Frage auf: Sind Norman Issa und Moshe Igvy auf diesem Basar schwindender Verachtung vielleicht doch nicht bloß Darsteller?

Dass es welche sind, ist trotz der sorgsam gestalteten Kulisse zwar bisweilen an ihrem Umfeld erkennbar. Dem seltsam gewissenhaften Weltfußballverband IFA fehlt nicht nur ein F im Kürzel, sondern auch der Gauner im Chefsessel. Als Israels deutscher Trainer namens Müller gibt Detlef Buck eine Karikatur seiner selbst ab. Alle anderen aber, vom überforderten Clubchef am portugiesischen Austragungsort bis zum israelisch-palästinensischen Linksverteidiger zwischen den Fronten, kommen fast ohne Überzeichnung aus. Die Ausgangslage ist einfach schlicht zu bizarr, um ihre Inszenierung noch weiter zu dramatisieren. Genau hierin besteht der besondere Reiz einer Fake-Doku, die sich ihrer Fiktionalität gar nicht mal dauernd durch die übliche Wackelkamera versichern muss.

Der Nahostkonflikt wird zu keiner Zeit verharmlost, sondern in seiner Absurdität komprimiert. Ob man Ahmed Hany nicht umbringen könne, fragt ein israelischer Funktionär, als sein Boss den Einsatz des Torschützenkönigs für Palästina beklagt. „Schluss mit dem Töten“, entgegnet Ozon, als ginge es nicht um Mord, sondern Ablösesummen, und fragt zurück: „Was haben wir je damit gewonnen?“ Die Antwort gibt ein Schweigen, eine Stille, die laut herausbrüllt, wie irre ein 70-Jahre-Krieg ist. „Der 90-Minuten-Krieg“, dieser wunderbare, gottlob nicht synchronisierte, vom ZDF schon deshalb nach Mitternacht versendete Film, bedarf halt keiner Lautstärke, um Krach zu schlagen. Es ist der beste Kommentar zum 70. Geburtstag des Staates Israel. Und der lustigste.

„Der 90-Minuten-Krieg“, Montag, ZDF, 0 Uhr 10

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