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  • 13.05.2018
  • von Markus Ehrenberg

Serientod bei der "Lindenstraße": Der Tag, als Vater Beimer starb

von Markus Ehrenberg

Schwere Zeiten. Erst starb Erich Schiller (Bill Mockridge, l.), der Mann von Helga Beimer (Marie-Luise Marjan), nun geht auch ihr Exmann Hans (Joachim H. Luger). Foto: imago/Horst Galuschka

Fans sind fassungslos: Die „Lindenstraße“ verliert mit Joachim H. Luger alias Hans Beimer eine ihrer treuesten Figuren. Macht eine Fortsetzung noch Sinn?

Es ist das Ur-Bild der „Lindenstraße“: Weihnachten in einer der ersten Folgen der ARD-Serie im Dezember 1985. Drei Kinder, Vater und Mutter Beimer, gemeinsam musizierend vorm Tannenbaum, eine tiefe Form des Zusammengehörens vorm Bildschirm. Da kann die Welt draußen noch so finster werden – was soll passieren? Nun hat sich das mit der Familie als Zuflucht, dem Nest der Geborgenheit, in den vergangenen 30 Jahren leicht überholt.

Vater Hans Beimer zum Beispiel hat sich in der Serie längst eine jüngere Frau samt Patchworkfamilie gesucht. Trotzdem hat die „Lindenstraßen“-Nachricht dieser Woche nicht nur für „Lindenstraßen“-Fans symptomatischen, wenn nicht alarmierenden Charakter: Der Schauspieler Joachim H. Luger alias Hans Beimer verlässt die „Lindenstraße“. Er stirbt im September den Serientod.

Fassungslose Fans. „Das habe ich nicht erwartet. Ich bin vollkommen überrascht von der Unzahl von Reaktionen in den sozialen Netzwerken“, sagte der 74-Jährige dem „Express“: „Schade! Wie traurig, dass wieder ein Urgestein geht!“ „Was wäre die Lindenstraße-Serie ohne Sie. Bitte bleiben Sie.“ Nun gehören Kommen und Gehen in einer Dauerserie wie „GZSZ“ oder eben „Lindenstraße“ zum Geschäft.

Der Abschied dieser Figur, des treuen, liebevollen Hans Beimer, nach 32 Jahren ist nach dem dramatischen Ende von Bill Mockridge 2016 allerdings der nächste Ausstieg einer zentralen Rolle in der Sonntagssoap. Dazu der Abschied von Autor Michael Meisheit im Februar, der neben Produzent und Erfinder Hans W. Geißendörfer jahrzehntelang die Strippen in der „Lindenstraße“ gezogen hat.

Was immer jemand in der „Lindenstraße“ tut, falsch ist es sowieso

Joachim H. Luger hat sich selbst für dieses Finale entschieden. „Für mich war es eine ganz klare Kiste. Ich habe Anfang Mai die Produktion darüber informiert, dass ich meinen Vertrag nicht verlängern werde.“ Hans W. Geißendörfer und seine Tochter Hana waren vollkommen überrascht: „Sie wollten mich überreden, weiterzumachen. Ich hatte mich klar entschieden.“ So etwas mache man nicht so schnell nach 32 Jahren mit fast 75. „Es gärte schon lange in mir. Ich wollte mehr Freiheit, wieder mehr Theater spielen.“ Luger wird der 48. Serientote aus der „Lindenstraße“ sein. Es werde ein „überraschender Tod“, sagt die ARD, zu sehen am 2. September.

Zählen wir mal durch: Aus der ersten „Lindenstraße“-Folge sind noch Andrea Spatzek (als Gaby Zenker) und Hermes Hodolidis (Vasily Sarikakis) dabei, dazu natürlich Helga (Marie Luise Marjan) und Klaus Beimer (Moritz A. Sachs) aus der Weihnachtssängerfamilie, die ja längst keine Familie mehr ist. Für die – von anfangs fünf Millionen – auf knapp drei Millionen geschrumpfte Zuschauermasse ist das immer noch elektronisches Lagerfeuer, Woche für Woche. Man mag sich kaum vorstellen, ob und wie das Herz der „Lindenstraße“ schlägt, sollten auch Marjan und Sachs gehen.

Die Tatsache, dass die ARD der Serie im vergangenen Sommer erstmals eine fünfwöchige Pause einräumte (ob nun „Kreativpause“, wie der WDR sagt, oder Sparmaßnahme), sowie das längere Ausblieben beliebter Figuren wie Enzo Buchstab (derzeit auf „Weltreise“) zeugen nicht davon, dass die Kultserie zum Durchstarten ansetzt. Da hat das Refresh des Formats (neue Gesichter, mehr Schnitte, noch mehr gesellschaftliche Themen wie Migration, Asyl, Transgender) mit Hana Geißendörfer nur bedingt geholfen.

Die „Lindenstraße“ vermochte es in guten Zeiten, ein Bild unserer Zeit und gleichzeitig eine Kritik daran abzugeben. Kritisch wurde es zuletzt, als sich eine Protagonistin aus der Ärzte-Schmonzette „In aller Freundschaft“ in die Lindenstraße 3 verirrte und Doktor Dressler reinlegen wollte. Er scheint ausgezerrt zu sein, dieser im Grunde interessante Gedanke: Was immer jemand in der „Lindenstraße“ tut, falsch ist es sowieso.

Und jetzt stirbt noch Hans Beimer. Gerade bei ihm, dem „Hansemann“, der mit seiner Frau in der „Lindenstraße“ einen Asylsuchenden bei sich aufnahm, lange bevor es die Flüchtlingswelle gab, lag das Pfund dieser Serie: mit Gesten der Solidarität, moralischen Standards. Vielleicht ist es falsch, weiterzumachen. Vielleicht ist es Zeit, die Kerzenlichter auszublasen, dem allwöchentlichen Untergang der Kleinbürgerklasse nicht mehr beizuwohnen. Sagt ein Zuschauer, dessen Lebenszeit eng mit der Erzählzeit der Serie verknüpft ist, seit 32 Jahren. Und da von alleine nicht runterkommt.

„Lindenstraße“, Sonntag, ARD, 18 Uhr 50

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