21.08.2018, 23°C
  • 13.05.2018
  • von Thomas Gehringer

"Tatort" aus dem Schwarzwald: Ein unheimliches Idyll

von Thomas Gehringer

Entrückt und rätselhaft. Die Ausgestaltung der nächtlichen Trauerfeier für Sonnhild Böttger bringt Kommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) ins Grübeln. Foto: SWR/Benoît Linder

Die Verbindung von Ökologie und Rassenwahn: Im „Tatort - Sonnenwende“ wird das gute Bio im Schwarzwald faulig braun.

„Wurzelecht“ müssen sie sein, die angebauten Pflanzen. Unverändert das Erbgut, „seit keltischer Zeit“. Die heimischen Arten zu schützen, das sei eine Lebensaufgabe, sagt Öko-Bauer Volkmar Böttger (Nicki von Tempelhoff), der hofft, in seinem alten Freund Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) einen Mitstreiter gefunden zu haben.

Kommissar Berg ist durchaus Fachmann, was in dieser zweiten „Tatort“-Folge des neuen Schwarzwälder Teams sorgsam sinnlich erzählt wird: Man sieht, wie er eine Zibarte pflückt, kritisch betrachtet, daran riecht, in den Mund steckt und probiert. Berg brennt im Nebenberuf Zibärtle und setzt damit die Familien-Tradition seit Großvaterzeiten fort. Von der Arbeit der Böttgers auf dem „Sonnenhof“ ist er durchaus angetan. „Was die da machen, das ist wirklich Bio“, erklärt er seiner Kollegin Franziska Tobler (Eva Löbau), der die „Hardcore-Ökos“ eher suspekt sind.

Das Opfer, das jede „Tatort“-Folge braucht, ist Böttgers Tochter Sonnhild (Gro Swantje Kohlhof), die zu Beginn so entrückt und rätselhaft aus dem Leben scheidet. Wir sehen sie auf einem Handyvideo, verliebt am Mummelsee mit dem unbekannten Freund hinter der Linse flirtend. Dazu in einer Parallelmontage ihr inbrünstiger Vortrag vor der Schulklasse. Das Nibelungenlied, Kriemhild befragt ihre Mutter Ute: „Was sagt ihr mir vom Manne, vielliebe Mutter mein?“

Dann bricht Sonnhild zusammen, als würde ihr der Spagat zwischen dem 13. und 21. Jahrhundert sämtliche Kräfte rauben. Wenig später stirbt sie in ihrem Zimmer auf dem „Sonnenhof“. Ihr Freund Torsten (David Zimmerschied) macht ihr, am Sterbebett sitzend, Vorwürfe – und durchsucht nach ihrem Tod das Zimmer. Die offizielle Diagnose lautet Diabetes, Sonnhild wurde nicht mit dem nötigen Insulin versorgt.

Das verdächtige Verhalten Torstens haben die Zuschauer den Kommissaren voraus, doch Drehbuch und Regie setzen weniger auf vordergründige Spannung, sondern auf ein nach und nach entwickeltes Geflecht aus Beziehungen, Motiven und Konflikten. Warum bittet Mechthild Böttger (Janina Fautz) ihre sterbende Schwester Sonnhild um Verzeihung? Welche Rolle spielt Torsten in der Familie? Was verrät das von Sonnhild versteckte Handy noch?

Wo Wikinger und Nazis ein Stelldichein feiern

Meist folgt die Erzählung der Perspektive der Kommissare, ab und zu gibt Autor Patrick Brunken dem Publikum einen kleinen Vorsprung, ohne zu früh zu viel zu verraten. Kommissarin Tobler, die treibende Kraft, fallen als Erste die Parallelen zu einem anderen Fall auf. Der Kronzeuge, der vor dem V-Mann-Untersuchungsausschuss in Stuttgart gegen die rechtsextreme Heimatschutz-Staffel aussagen sollte, starb auch an Diabetes. Und trug wie Torsten dasselbe Tattoo auf dem Arm: Zwei gekreuzte Äxte im Kreis aus Stacheldraht.

Der Fall „Sonnenwende“ thematisiert die Verbindung von Ökologie und Rassenwahn, erzählt von fremdenfeindlichen „Wehrbauern“, die den Artenschutz als „Krieg gegen die Umvolkung“ verstehen. Das gute Bio wird faulig braun, der sympathische Traum von einem in den heimatlichen Traditionen fest verwurzelten Leben mündet in eine krude Weltanschauung, in der Wikinger und Nazis ein Stelldichein feiern.

Der Fall um die verhängnisvolle Liebe Sonnhilds wirkt etwas konstruiert, doch mehr noch als im ersten Film „Goldbach“ spielt die – mal wunderschön, mal düster fotografierte – Landschaft (Kamera: Stefan Sommer) eine tragende Rolle. Ein unheimliches Schauspiel in vermeintlich unschuldiger Idylle. Klingt es nicht herrlich, wenn die Frauen bei der Ernte singen: „Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit“? Allerdings ist es ein von Hans Baumann verfasstes Lied für die Hitlerjugend.

Bilder, Stimmung, Tempo, Figuren – die Verortung gelingt in der Inszenierung von Umut Dag. Immerhin bringen die Darsteller Hans-Jochen Wagner (geboren in Tübingen) und Eva Löbau (in Waiblingen) den regionalen Dialekt ab und zu zur Geltung. Erfreulich außerdem, dass man Gelegenheit hat, den versierten Bühnen-Darsteller von Tempelhoff in einer kraftvollen Fernseh-Rolle zu sehen. Volkmar Böttger ist das Familienoberhaupt, ein stattlicher Mann mit Rauschebart und klaren Vorstellungen. Von Tempelhoff spielt ihn keineswegs als brutalen Tyrann. Auch nachdem sich Böttgers verquaste Blut-und-Boden-Ideologie offenbart hat, bleibt er eine Figur jenseits von Klischees. Eine Verharmlosung? Nein, einfach eine interessante Type, anziehend und abstoßend zugleich.

„Tatort – Sonnenwende“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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