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  • 11.02.2018
  • von Joachim Huber

Das Wesen des Feierns: Raus aus dem Alltag

von Joachim Huber

Auch Fußballfans können Karneval friedlich und fröhlich feiern. Foto: dpa

Ein Feierdurchführungsgesetz wird nicht gebraucht. Was gebraucht wird: Feiern als Ergänzung und Alternative zum täglichen Funktionieren.

Jetzt schleichen sie wieder durch Berlins Straßen, die SUVs mit Kölner und Düsseldorfer Autokennzeichen. Fahrer und Beifahrer sind in der Regel Karnevalsflüchtlinge. Menschen, die dem Ballermann am Rhein entkommen wollen, kommen nach Berlin. Sie haben sich die Klage von Kölns Oberbürgermeisterin zu Herzen genommen. Henriette Reker sagte, der Karneval sei zu einem allgemeinen Besäufnis geworden.

Willkommen in Berlin, wo es wahrlich keinen Karneval braucht, damit Hauptstädter und Gäste zu Alkohol und anderen Drogen greifen. Der Gebrauch bis zum Exzess ist mehr Alltag als Festtag. Das zu erkennen, muss sich keiner erst in die Simon-Dach-Straße verirren.

Des einen Freud ist des anderen Leid, sagt eine Binse. Der Brechreiz ist nur eine Kneipe, einen Club, eine Straßenecke entfernt. Wenn aber Vergnügen und Missvergnügen die zwei Seiten eines Bierdeckels sind, braucht es dann nicht Einkehr und Eingriffe?

Hinter jeder Feier liegt ein Wunsch, ein Bedürfnis, eine Notwendigkeit, im Sammelbegriff Eskapismus präzise verortet. Also Flucht, Flucht aus dem Alltag. High sein, Freiheit muss dabei sein. Die Freiheit, die Arbeit und Alltag seltener und manchmal gar nicht bringen. Planwirtschaft, verbunden mit Leistungsdruck und Zwängen, mit Vorschriften und Stress. Da funktioniert der Mensch, weil er funktionieren muss.

Dringend geboten sind Ergänzung und Alternative, wenn ein Leben einigermaßen ins Gleichgewicht kommen soll. Als Transportmittel ins austarierte Dasein bieten sich an: Fernsehen, Familie, Freunde, um nur die gängigsten „Drogen“ zu nennen. Das reicht nicht aus. Das Besondere, das Unkonventionelle, das Übermäßige muss dazukommen. Mal nicht der sein, der einem vom Personalausweis aus anguckt, ernst, gefasst, aber eben vom Rahmen her bestimmt. Ich will zuweilen ein anderer sein – der Komparativ des eigenen Lebens. Im Eskapismus liegt auch eine Menge Erlösung.

In die Partyzone rein und wieder raus

Der Wechsel von der Alltags- in die Partyzone und zurück gelingt den allermeisten. Jeder im Feiermodus weiß doch selbst, dass er wieder zurückfinden muss ins 24/7-Verhalten. Der andauernde Ausnahmezustand ist kein Ausnahmezustand, das ist kein Spaß mehr, das ist eine ernste, beunruhigende Sache. Als wollte sich jemand aus seiner Lebenslaufbahn herausschießen, sich selbst durch Dauerflucht entkommen.

Die sogenannte Spaßgesellschaft ist aber eine Minderheit, ein kleiner Teil, der sein Feierbiest-Ego zur Lebensform radikalisiert hat. Die Hardcore-Fraktion trennt und unterscheidet sich von den vielen, die im Feiertag die temporäre Abkehr vom Alltag suchen.

Am anderen Pol von Fest und Freud lauern die Spaßsheriffs. Täuscht das oder wächst gerade ihre Zahl? Selbsternannt oder gar beauftragt, arbeiten die Spaßsheriffs an den Regeln, wer wann wo und wie feiern kann und darf. Freundlich gesprochen machen sie sich Sorgen um die Volksgesundheit. Unfreundlich formuliert übersteigt es ihre Vorstellungskraft, dass die Ausnahme von der Regel mehr die Regel stabilisiert als die Ausnahme. Ein Feierdurchführungsgesetz wird nicht gebraucht.

Wer keine Sehnsüchte kennt, der kennt auch keine Süchte. Und wer beides nicht kennt, die Sehnsüchte nicht und nicht die Süchte, der verweigert seinem Leben die Chance auf Mehrwert.

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