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  • 11.02.2018
  • von Joachim Huber

Der "Tatort" aus Weimar: Goethe goes Puff

von Joachim Huber

Schluss mit lustig. Lessing (Christian Ulmen) zieht die Waffe blank, als er mit Kira Dorn (Nora Tschirner) in den Puff „Chez Chériechen“ geht. Foto: MDR/Wiedemann & Berg/

Bordellbesuch inklusive: Im "Tatort“ aus Weimar muss diesmal Nora Tschirner an die Stange.

Dieser Verdacht muss jetzt mal raus. Dass die Arbeitsteilung zwischen Andreas Pflüger und Murmel Clausen bei den bisher fünf Weimar-„Tatorten“ so ausgesehen hat: Clausen war mehr für die Dialoge zuständig und Pflüger mehr für die Story. Jetzt, beim sechsten Fall, musste Clausen alleine ran, Pflüger hatte irgendwie keine Zeit. Und das hat Wirkungen und Nebenwirkungen.

Was das Kommissarsduo Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) sich und dem Kreis der Verdächtigen zu sagen hat, das perlt wunderbar trocken. Da mischt sich schierer Spaß mit ordentlich Esprit, der Witz wird nicht ohne Erbarmen umzingelt, er kullert Tschirner und Ulmen quasi aus dem Ärmel. Große Pointenkunst.

Das ist der Zuschauer vom „Tatort“ in Weimar gewohnt, diese besondere Sorgfalt von Sprache und Dialog. Auch, und jetzt kommt ein Gran Kritik hinein, muss er sich durch eine komplexe Handlung winden. Clausen und, ich nehme mal an, Pflüger nehmen zu gerne (zu) viele Erzählfäden in die Hand. Das wird ein wildes, wirres Knäuel, das Dorn und Lessing mühsam entwirren müssen. Der Weimarer „Tatort“ gehört zu den am schwersten zu durchschauenden Krimis im deutschen Fernsehen. Glückwunsch an jeden, dem da die Nacherzählung gelingt!

Beim „Kalten Fritten“ geht es im Kern um eine Kain-und-Abel-Sory. Das wird nicht gleich offenbar, zunächst wird der Milliardär Alonzo Sassen ermordet. Seine junge Frau Lollo (Ruby O. Fee), gerade noch mit Schuhkauf im Internet beschäftigt, stellt den Täter und leert den Sechsschüssigen, bis er auch wirklich mausetot ist. Das ruft die Weimarer Kriminalistik auf den Plan.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist das geplante „Goethe-Geomuseum“. Es wird ein Standort gesucht. Einen hatte Milliardär Sassen der Stadt vorgeschlagen, er wollte Weimar das Grundstück für ein Museum sogar schenken. War das sein Todesurteil?

Es läuft ein explosives Finale zu

Martin Schröder (Sascha Alexander Gerfiak) betreibt mit seiner Frau Cleo (Elisabeth Baulitz) einen Steinbruch, das Paar steht vor der Insolvenz. Wird der Steinbruch aber Standort für das „Goethe-Geomuseum“, dann wendet sich das Schicksal für die Schröders. Cleo hält wenig von den Himmelsmächten, sondern wärmt ihre Beziehung zu Ilja Bock (Niels Bormann) auf. Der Architekturprofessor spielt bei der Vergabe eine entscheidende Rolle. Dass er erschlagen wird, ändert die Sachlage nicht wesentlich. Fritjof „Fritte“ Schröder (Andreas Döhler) sitzt auch mit am Grundstücksroulette. Der Betreiber des Bordells „Chez Chériechen“ ist Martins Bruder. Die Brüder hassen sich, was den Fall auf ein explosives Finale hintreibt.

Am Rande gibt es noch einen sehr schönen, poetischen Erzählstrang. Der Vater von Kommissariatsleiter Kurt Stich (Thorsten Merten), Udo Stich (Hermann Beyer) ist ein wahrer Betrüger, selbst seinen Sohn verschont er nicht. Stich ist auch Charmeur und Lebemann, allem Anschein nach wird er mit Milliardärswitwe Lollo glücklich. Ihr Ehevertrag besagte, dass sie pro Ehetag nur zehn Euro bekommt. Nun ist der Ehemann tot, kein Einkommen nirgends, und die Rückkehr an die Stange im „Chez Chériechen“ verspricht keine goldene Zukunft. Da kommt Udo Stich gerade recht. Hermann Beyer macht aus der Rolle eine Miniatur. Eigentlich eine sehr verkrachte Existenz, aber mit welchem Geschmack und mit welchem Stil tritt Udo Stich auf. Wirklich glänzend, der soignierte Hermann Beyer. Der „Tatort“ profitiert davon, dass die Episodenrollen nicht so prominent besetzt sind. Ob Sascha Alexander Gerfiak oder Elisabeth Baulitz, sie formen ihre Figuren nach ihrem Vermögen, eine beachtliche Authentizität geht von ihnen aus. Andreas Döhler als Bordellbetreiber Fritjof „Fritte“ Schröder ist da schon scharfkantiger. Als sich Kira Dorn im „Chez Chériechen“ als neue Stangen-Kraft vorstellt, damit Mann und Kollege Lessing ungestört die Büros durchforsten kann, wird Fritte deutlich: „So, Mutti, jetzt zeig’ mal, was für ’ne Sau du bist. Sonst geht’s zurück ans Bügelbrett.“ So spricht er, so handelt er, ein wahrer Grobian.

Regisseur Titus Selge hat mächtig und prächtig viele Ideen. Er hat nicht den einen Inszenierungsstil, schnell wechselt mit sehr langsam, fast jede Situation hat ihre eigene Farbe. Was doch ein wenig fehlt: Der Sinn für die Einzelszene konterkariert den Erzählfluss. Es gibt Momente der Langeweile, weil Meister Selge seine Regie zu dehnen weiß. Für einen Krimi eine gefährliche Herangehensweise.

Nora Tschirner, Christian Ulmen? Die beiden wissen, was Kira Dorn und Lessing sein wollen und sein sollen. Konzentriertes, bewusst abirrendes Spiel, das stereotype Krimisituationen aufbricht.

„Tatort: Der kalte Fritte“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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