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  • 14.01.2018
  • von Markus Ehrenberg

Wiener "Tatort": Killer ohne Serie

von Markus Ehrenberg

War das etwa die CIA? Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) haben einen Verdacht. Foto: ARD Degeto/ORF/E&A Film/Hubert M

Die können kaum etwas verkehrt machen: Der Wiener „Tatort“ spielt wieder ein bisschen „Der dritte Mann“, liegt aber immer noch über Durchschnitt.

Ein tätowierter Mann, tot in einer leer stehenden Wohnung an die Wand genagelt, quasi gekreuzigt, ein anderer in einer öffentlichen WC-Anlage über wertvollen Talern am Haken an der Decke hängend, eine Frau tot über die Spitze eines Boots gekettet und drapiert, alle drei Osteuropäer, alle drei post mortem vergewaltigt – willkommen im neuen „Tatort“ aus Wien, willkommen im rätselhaften Serienkillergenre, dem sich die Autoren der ARD-Krimireihe mit Vorliebe annehmen. Wer denkt sich die zirzensischste Tötungstechnik aus? Machte es der Serienkiller den Ermittlern im Münsteraner „Tatort“ zuletzt noch relativ leicht, tappt das Austria-Duo Moritz Eisner und Bibi Fellner hier lange im Dunkeln.

Man wird als „Tatort“-Zuschauer ja eh’ immer schon recht depressiv im nassgrauen Wien, dazu die notorisch schlechte Laune von Moritz Eisner alias Harald Krassnitzer, der auch Kollegin Fellner (Adele Neuhauser) kaum beikommt. Diesmal ist es besonders bedrückend. Ein Königreich für einen Sonnenstrahl in diesem Krimi, der eine reichlich überladene Geschichte aus Verrat, Idealen, Enttäuschung, kleinen persönlichen Freundschaften und großen Geheimdiensten erzählt, wobei sich herausstellt, dass das – so hübsch verrätselt inszeniert die Morde auch sein mögen – mit der Serienkillerschaft nur Attitüde, nur Camouflage ist.

Ein schwer verdächtiger Professor

Wer sind diese toten Osteuropäer und wie stehen sie in Verbindung zueinander? „Da spielt uns einer den perversen Serientäter nur vor“, glaubt Eisner. Recht hat er. Spätestens als die beiden Ermittler dem serbischen Uni-Professor Nenad Ljubik gegenüberstehen, der Verbindungen zu allen drei Opfern hatte, dürfte klar sein: Hinter den Ritualmorden steckt kein kranker Kopf. Hintergrund sind die Revolutionsbewegungen in Osteuropa, in Serbien, Georgien, der Ukraine. Das ist keine Überraschung, die jüngeren Umwälzungen in der osteuropäischen Geschichte und ihre Auswirkungen auf Nachbarländer wie Österreich waren schon öfters Thema im Wiener „Tatort“.

Noch unüberraschender wird es, wenn man sich die Besetzung dieses Professor Ljubik anschaut. Bei aller schauspielerischen Klasse (die gerade als „Armenier“ in „Babylon Berlin“ auf Sky zu rühmen ist) – sobald Grimme-Preisträger Mišel Matičević im Fernsehkrimi auftaucht, engt sich die Verdächtigenschar rasch ein.

Für die Wiener Polizei kann es nur noch darum gehen, das Puzzle aus frühen Revolutionswirren und persönlicher Freundschaft, die zu Feindschaft wird, zu entwirren. Hintenraus kommen auch noch der russische Geheimdienst sowie die CIA ins Spiel, mit ihren etwaigen Interessen am revolutionären Geschehen in Osteuropa. Wien, ewige Spionagestadt, Großmächte unter sich, weltweites Verschwörungsszenario. Klingt nach „Der dritte Mann“. Da wird es dann doch etwas zu wild, da helfen auch expressionistische Kameramotive nichts.

Immerhin: Neben großer Weltpolitik und Erweiterung der Serienkillerschublade verhandelt der gewohnt sarkastische Ösi-„Tatort“ – der zweite Fall für den österreichischen Regisseur Christopher Schier (Buch: Mischa Zickler) – noch das Thema ProQuote. Moritz Eisner soll eine zweite Mordkommission zur Seite gestellt werden. Auf deren Leitungsstelle hat sich Eisners treue Kollegin Fellner beworben. Ein junger Konkurrent scheint an ihr vorbeizuziehen.

Ach ja, Karriereplanung bei der Polizei, auch hier: immer die Männer. Fellners Kommentar dazu: „Passt doch. Keine Ahnung, keine Skrupel, keine Titten.“ So kräftig lieben wir sie dann doch und verzeihen ihnen auch mal eine schwächere Ausgabe, dem Oberstleutnant und der Majorin im Österreich-„Tatort“.
„Tatort: Die Faust“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

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