18.01.2018, 2°C
  • 10.01.2018
  • von Bernhard Schulz

ZDF-Serie "Tannbach": Geschichte? Meine Geschichte!

von Bernhard Schulz

Gescheitert. Georg von Striesow (Heiner Lauterbach) verbietet seiner Frau Rosemarie (Anna Loos), ihren Liebhaber zu sehen. Foto: ZDF und Julie Vrabelova

Kein Zerrbild der Kalten-Kriegs-Propaganda: Die ZDF-Serie „Tannbach“ organisiert auch in der Fortsetzung die Erinnerung des Einzelnen.

In der letzten Folge von „Tannbach“ geht es noch einmal hoch her. So hoch wie in allen Folgen dieser Serie, die mit der dritten Folge ihrer zweiten Staffel am Donnerstag zu Ende geht. Knapp zehn Stunden bester Sendezeit liegen dann hinter den Zuschauern, die von Anfang an dabei waren oder aber, um der Vielzahl der Personen und Handlungsstränge einigermaßen folgen zu können, dieser Tage alles noch einmal kompakt gesehen haben. Was für ein gefundenes Fressen für Kritiker, die sich daran hochziehen, dass die Kamera womöglich bieder ist und die Regie mutlos, alles konstruiert und vorhersehbar und sowieso unglaubwürdig.

Gewiss – doch gerade so unglaubwürdig wie die deutsche Geschichte, deren Ausschnitt zwischen 1945 und 1968 hier erzählt wird. Gespiegelt in Figuren, die ebenso Zu- wie Abneigung erzeugen, den Zuschauer emotional engagieren sollen in Mitfiebern und Mitleiden. Geschichte in Geschichten auflösen, all das, was an großen Fernsehvorbildern amerikanischer Herkunft immer so gelobt wurde, wir brauchen die Titel der betreffenden Serien hier nicht aufzurufen.

Und dann unternimmt es das deutsche Fernsehen in Gestalt des ZDF, seinem Stammpublikum – denn genau dafür ist es gemacht –, das einen Teil der beleuchteten Geschichte noch selbst erlebt hat und den vorangehenden von seinen Eltern her kennt, deutsche Geschichte so nahezubringen, dass es ins Grübeln gerät darüber, wozu Menschen imstande sind und dass sie nicht nur gut sind oder böse, sondern alle Graustufen dazwischen. Das allein schon ist eine Leistung.

Ein Scheitern, das aller Ehren wert ist

Es ist eine große Leistung, dass die wohl überwiegend im Westen Deutschlands beheimateten Zuschauer dessen Osten kennenlernen und nicht das Zerrbild der Kalten-Kriegs-Propaganda, sondern den von Menschen be- und gelebten – komme er auch so holzschnittartig daher wie in dieser Tannbacher Muster-LPG mit der Mater dDlorosa an der Spitze, der allzu guten Anna. Die aber hervorragend gespielt wird, wie überhaupt in „Tannbach“ einige vorzügliche Schauspielerleistungen zu bewundern sind.

Und der Westen, der genauso verwaschen aussieht wie der Osten – Kompliment an Ausstattung, Szenenbild und Kostüme! –, lässt auch keine Wehmut aufkommen. In diesem Westen wollte man ebenso wenig gern gelebt haben – und hat es, in der Mehrzahl der Zuschauer, eben doch. Darüber darf man sich dann schon verwundert die Augen reiben.

Geschichte kommt zur Darstellung, auch wenn „Tannbach“ seine Figuren mit tausendundeinem Thema überfrachtet, von den Heimkindern bis zum §175, und auch noch eine Spionage-Klamotte dranhängt, dass ein John Le Carré die Augen verdrehen müsste. Doch vorm Bildschirm werden sich Diskussionen entsponnen haben, ob das denn alles so gestimmt hat – hat es nicht, wie denn auch – und wie es „in Wahrheit“ gewesen ist, wo doch die Wahrheit für jeden Einzelnen eine andere war und bleibt. Und das ist eine große Leistung, die am Anfang stehen kann einer tieferen, einer emotionalen, scham- und angst- und wutbesetzten Auseinandersetzung mit der Geschichte und was sie mit uns und unseren Eltern und Vorfahren gemacht hat.

Vielleicht ist „Tannbach“ als Fernsehserie gescheitert. Aber es ist ein Scheitern, das aller Ehren wert ist. Immerhin.

„Tannbach“, Donnerstag, ZDF, 20 Uhr 15

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