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  • 22.11.2017
  • von Joachim Huber

Französische Serie, die mit Netflix mithalten kann: Wo der Hund „Jean Gabin“ heißt

von Joachim Huber

„Call My Agent!“ ist der Titel, unter dem Sony Channel die Serie „Dix pour cent“ in Deutschland ausstrahlt. Nicht zu Unrecht, denn die Schauspielagenten Gabriel Sarda (Grégory Montel, v. l. n. r.), Andréa Martel (Camille Cottin) und Mathias Barneville (Thibault de Montalembert) warten ständig auf den Anruf, der ein Engagement bestätigt. Nur Arlette Azémar (Liliane Rovère) bleibt cool. Foto: Sony Channel

Die französische Serie „Dix pour cent“ erzählt vom Wahnsinn einer Schauspielagentur in Paris. Und Juliette Binoche und Isabelle Adjani spielen sich selbst

Es muss nicht immer original Netflix sein, auch wenn die Serie den Titel „Call My Agent!“ heißt. Darunter verbreitet der US-Streamingdienst die französische Produktion „Dix pour cent“ im englischsprachigen Raum. Sony Channel hat für die Ausstrahlung in Deutschland den Titel „Call my agent!“ übernommen, er ist wohl griffiger und eingängiger. „Dix pour cent“, zehn Prozent, das ist der Anteil, den Schauspielagenten von den Gagen ihrer Klienten bekommen.

Also auch die Agenten der Agentur ASK im Herzen von Paris. Das sind vier Partner, vier sehr unterschiedliche Partner: Andréa Martel (Camille Cottin), atemberaubend und atemlos, eine Lesbe, die jede Frau angräbt und nicht zurückschreckt, Intimes und Professionelles zu mischen; Mathias Barneville (Thibault de Montalembert), ein Elegant, der mehr fürs Geschäft als für die Kunst schwärmt und sich nach dem Tod des Agenturgründers als künftiger Eigentümer sieht; Gabriel Sarda (Grégory Montel), den Herzenswärme und Mitmenschlichkeit antreiben, darf durchaus als verpeilt gelten; Arlette Azémar (Liliane Rovère), Grande Dame bei ASK, die sich nicht nur durch ihren Hund „Jean Gabin“ an legendäre Partys, Torheiten und Sünden früherer Jahre erinnert. Und hinter den Agenten stehen wieder Assistentinnen und Assistenten, eine davon, Fanny Sidney (Camille Valentini), steht wohl mit dem ASK-Anchor Mathias Barneville in mehr als nur professioneller Beziehung.

Höhen und Tiefen des Daily Business

ASK funktioniert wie eine dysfunktionale Familie. Denn genau das will Serienschöpferin Fanny Herrero: das Daily Business, die Höhen und Tiefen um die (lukrativen) Engagements der Schauspielerinnen und Schauspieler mit den kleinen Nöten und großen Sorgen des Quartetts hinterfangen. Drama trifft auf Dramolett, Kurioses auf Kitschiges, Ernsthaftes auf noch Ernsthafteres, und irgendwie müssen Privat- und Berufsleben zur Deckung gebracht werden. In der Produktion von France Télévisions wird Comedy zu Charme, Spaß wird Zuschauerlust, hinter die Kulissen des Filmbusiness geführt zu werden.

Der nie alltägliche Alltag der Agentur ist die Storyline, mancher Strang wird ausgerollt, um sehr viel später wieder aufgenommen zu werden. Die Drehbücher von Fanny Herrero und ihrem Autorenteam zeugen von überlegter und überlegener Dramaturgie. Cédric Klapisch hat als Showrunner die Autorität, Ensemble und Regie, Script und Gewerke auf gemeinsamen Erfolg zu verpflichten. „Call My Agent!“ ist feinverfugtes Serienfernsehen.

Jede der sechs Episoden einer Staffel, zwei fertig, dritte in Vorbereitung, erfährt ihre besondere Aufladung durch die Stargäste, die als Klienten der Agentur auftreten. Clou dabei ist, dass sich Cécile de France („Barcelona für ein Jahr“) oder Françoise Fabian („Meine Nacht bei Maude“) selbst spielen. Übrigens hat der außerordentliche Erfolg von „Call My Agent!“ bei der Ausstrahlung im französischen Fernsehen dazu geführt, dass sich schon in Staffel zwei Größen wie Juliette Binoche, Christopher Lambert oder Isabelle Adjani in durchaus selbstironischer Manier am Set einfanden.

Feier eines Künstlerberufs

Der Blick auf die Branche ist zuweilen bissig bis zynisch, so brüchig sind die Versprechen, Zusagen, die Freund- und Feindschaften, zugleich ist er die Feier eines Künstlerberufs. Wenn Arlette sagt, „Schauspieler sind zerbrechliche, unberechenbare, leicht beeinflussbare Wesen. Deshalb bekommt der Großteil der Agenten keine eigenen Kinder. Das wäre sonst zu viel“, dann steckt in diesem Satz mindestens so viel Lebenspragmatismus wie warmherziger Respekt vor einer Profession, die mit Angestelltenmaßstäben nicht zu fassen ist. Endlich mal ein Wahnsinn, der nicht nur Methode, sondern auch Erfolg hat. Im Kern zögert die Serie nicht, die Liebe der Franzosen zum französischen Film und seinen Stars zu zelebrieren.

In der zweiten Episode beispielsweise geraten Françoise Fabian und Line Renaud in eine unauflösbare Rivalität um eine Rolle. Bei der Trauerfeier für den plötzlich verstorbenen Agentur-Doyen Samuel Kerr greifen beide Diven zum Mikrofon. Textzeile für Textzeile wechseln sie sich ab, um im Finale ein Duett, ein tränendrückendes Requiem für den alten Freund zu zaubern. Auch die Besetzungsfrage ist gelöst: In der Neuinterpretation von „Bonnie & Clyde“ wird die männliche Figur gestrichen, dafür gehen zwei Frauen auf Raubzug. Die Fäden im Hintergrund haben die Agenten Andréa und Gabriel gezogen.

Intrigen, Sich-gegenseitiges-Hintergehen, Konflikte werden nach Möglichkeit mit Menschlichkeit gelöst. „Call My Agent!“ nimmt die Szenerie nicht zum bloßen Spielball für Humoresken, Lächerliches ist lächerlich, aber kein Grund, Figuren zu verraten. Okay, Kalkül muss immer sein, wenn der Zehnt aufs Konto kommen soll, wer aber sagt, dass ein Geschäft nicht zwei und mehr Gewinner kennen soll?

„Call My Agent!“, immer donnerstags eine neue Folge bei Sony Channel um 21 Uhr 10. Alle Empfangsmöglichkeiten unter www.sonychannel.de/Empfang

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