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  • 09.11.2017
  • von Felix Hackenbruch, Joachim Huber

Höheres Zeichenlimit bei Twitter: Zwitscherst du noch oder laberst du schon?

von Felix Hackenbruch, Joachim Huber

Zwitschern Sie noch oder labern Sie schon? Foto: REUTERS

Der Kurznachrichtendienst Twitter wird zum Mittellangnachrichtendienst. 280 Zeichen, statt 140. Gedanken über (zu) lange Tweets.

Diese Bastion ist gefallen. Der Kurznachrichtendienst Twitter hat seine Zeichenbegrenzung von 140 Zeichen je Tweet aufgegeben. 280 Zeichen stehen dem User jetzt zur Verfügung, ein Mittellangnachrichtendienst also? Wer es kurz haben möchte, kann nur noch den Fernsehapparat anmachen, den Ton runterdrehen und in den Videotext schalten. 25 Zeilen à 40 Zeichen gibt es dort in Pixeloptik. Dann ist technisch Schluss.

Einer der ersten, der das neue XL-Twitter nutzte, war US-Präsident Donald Trump. Sein Tweet hatte 216 Zeichen. „Ich bereite mich für eine der Hauptreden auf der Nationalversammlung hier in Südkorea vor, dann werde ich nach China weiterreisen. Ich freue mich sehr, dort Präsident Xi zu treffen, der gerade erst seinen großen politischen Sieg eingefahren hat.“ Kannste vergessen. Aber der nächste Schritt von Potus wird nur logisch sein: Dekrete per Twitter, Regieren und Handeln direkt vom Smartphone aus. Seien wir ehrlich, die 140 Zeichen waren der wirkliche Grund dafür, warum wir diesen US-Präsidenten immer missverstanden haben. Künftig werden die Trump-Tweets inklusive Gebrauchsanweisung geliefert. Die Welt wird wieder ein bisschen besser – dank Twitter.

Poesie und Philosophie geht auch auf 140 Zeichen

Jack Dorsey, Chef des sozialen Netzwerks, meint, dass gerade Deutsch eine Sprache sei, für die das seit Gründung des Dienstes 2004 geltende Limit von 140 Zeichen zu knapp gewesen sei. Ob er wohl Begriffe wie Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung, Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung oder das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz im Blick hatte? Die passen jetzt in jeden Tweet – was zeigt, dass mancher Fortschritt nur angeblich ist.

Dass man auch auf 140 Zeichen Poesie, Philosophie und Phantasie entfalten kann, bewies Florian Meimberg, früher Werbetexter und heute Regisseur, bereits vor Jahren. In seinen „Tiny Tales“ kam es immer nur auf die Länge an. Den Geschichten tat das keinen Abbruch – im Gegenteil:

Meimberg gründete die Textgattung der „Bierdeckelgeschichte“ und erhielt 2010 für seinen Twitter-Account den Grimme Online Award. Getwittert wird über den Kanal übrigens schon seit Anfang 2012 nicht mehr, auch hier war Meimberg seiner Zeit voraus. Er veröffentlichte ein Buch mit den besten Kurzgeschichten-Tweets. Echte Twitter-Fans müssen künftig vielleicht zum Buch statt zum Smartphone greifen.

Der Asiate wiederum war Twitter gar um Jahrhunderte voraus, als er sich komplexe Schriftzeichen zulegte. „Es hat sich gezeigt, dass in den Ländern aktiver getwittert wird, in denen die Twitter-Nutzer nicht so schnell an eine Zeichen-Obergrenze stoßen“, betonte Twitter. In China, Korea und Japan bleibe das bisherige Limit von 140 Zeichen bestehen, weil die Schriftzeichen den Nutzern die Möglichkeit böten, ihre Gedanken auf weniger Raum auszudrücken.

Kein Gedanke wird auch mit 280 Zeichen keiner

Was aber passiert in Deutschland mit der sonntäglichen „Tatort“-Twitterei? Noch weniger „Tatort“, noch mehr Twitter? Wer soll das alles lesen? Die Zeit für Mediennutzung bleibt begrenzt, also wird der soziale Netzwerker mit sich selbst in scharfe Konkurrenz treten, wem er seine Aufmerksamkeit spendiert. Fest steht: Kein Gedanke wird auch mit 280 Zeichen keiner werden. Die besten Grabinschriften waren immer schon die sehr kurzen. Wenn da „Warum?“ steht, fängt sofort die große Grübelei an.

280 Zeichen, das nur am Rand, muss natürlich niemand nutzen. So ist das mit den Obergrenzen. Erst 140, dann 280 Zeichen. Pure Willkür, neue Freiheit, verschärfte Ungerechtigkeit? Statt über Obergrenzen sollten sich die Jamaika-Verhandler nun andere Gedanken machen. Deutschland braucht jetzt dringend und überall und morgen Glasfasernetze. Sonst breitet sich diese schlimme Krankheit der Tweet-Verstopfung aus. Die ist noch schlimmer als Sprech-Durchfall.

Und was sagt Konfuzius?

Bisher kannte Twitter nur „Headlineritis“. Die wird bleiben, dazu kommt jetzt noch die „Unterzeileneritis“. Auch der Nebensatz war Twitter lange fremd, nun kommt er wohl wieder. Deutschlehrer jubeln, doch ist das wirklich neuer Reichtum oder doch neue Armut?

Viele Fragen, wenig Antworten. Das Schlusswort soll Konfuzius haben, der chinesische Altmeister des Tweets: „Wer Geist hat, hat sicher auch das rechte Wort, aber wer Worte hat, hat darum noch nicht notwendig Geist.“

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