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  • 06.11.2017
  • von Joachim Huber

Kikeriki-Kritik: Was "Babylon Berlin" verdient - und was nicht

von Joachim Huber

Der britische Songwriter und Sänger Bryan Ferry macht Stimmung im "Babylon Berlin" Foto: Frédéric Batier/ X Filme/obs

Joachim Huber empört sich über empörte "Babylon Berlin"-Kritiker. Weil Fernsehkritik eben mehr ist als Empörung. Ein Kommentar

Zuweilen müssen Zitate aus ihrem Zusammenhang gerissen werden, wenn sie wirklich wirken und wehtun sollen. Kurt Scheel also schrieb im Blog „Das Schema“: „Dass solch teurer Scheißdreck, in mancher Hinsicht durchaus state of the art, von der deutschen Vorab-Kritik gefeiert und gehätschelt wurde, sollte ihr das Rückgrat brechen, wenn sie eines hätte. Aber sie versteht sich ja seit Jahrzehnten als Promotor und Mentor dieser deutschen Scheiße, deren Ursünde die volkspädagogische Gutgemeintheit ist.“ Also schrieb Matthias Kalle in seinem Facebook-Account: „Diese Serie ist so dummdämlich deutsch, so klein und so spießig, wie man es das letzte Mal bei den ,Wicherts von nebenan’ gesehen hat.“ Also schrieb Alexander Osang im „Spiegel“: „Ich finde, dass das Fernseh-Berlin aussieht wie eine kolorierte Postkarte aus den Zwanzigerjahren. Eine Stadt, die man sich im Museum anschaut, keine Stadt, in der irgendjemand lebt.“

Es geht um „Babylon Berlin“, die bislang teuerste Serie im deutschen Fernsehen. In der ersten Welle fanden Fernsehkritiker (wie Joachim Huber) die Produktion bemerkenswert geglückt, in der zweiten Welle meldet sich die Opposition.

„Allet schick“, wie Charlotte Ritter sagt? Gar nicht. Die Positivkritiker suchten nach Ausdruck unter dem Eindruck der gebotenen Qualität, die Negativkritiker suchen nach Ausdrücken. Wut und Empörung sind Affekte der Kritik, zweifellos, zugleich agieren sie im Kikeriki-Habitus, wo das große Wort das gewichtige Argument plattmachen soll. Die Kunst der Fernsehkritik ist keine Unterkategorie der erregten Zuschauerhaltung. Fernsehen kann jeder, also kann jeder Fernsehkritik – welch grandioser Irrtum ist das denn? Die Anstrengungen der „Babylon Berlin“-Kritiker bewegen sich nicht auf dem Niveau der Anstrengungen, die in „BB“ stecken.

Wer sich die Clickraten auf den Plattformen vergegenwärtigt, der weiß, welches Potenzial in der Fernsehkritik steckt. Ein lange vernachlässigtes (und verachtetes Genre) hat die Chance auf Respekt, vielleicht Wirksamkeit. „Es ist alles im Schaufenster. Aber im Laden ist gar nichts“, schrieb Matthias Kalle. Wie auch anders, wenn Elefanten durchs Porzellan toben.

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