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  • 05.11.2017
  • von Joachim Huber

"Tatort" mit Maria Furtwängler: Antiheldin steigt hinab ins Menschenelend

von Joachim Huber

Angegriffen. Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) muss trotzdem fahnden. Foto: dpa

„Der Fall Holdt“: In ihrem 25. „Tatort“ gerät Kommissarin Charlotte Lindholm erst an #MeToo-Männer und dann außer sich.

Bei einem Konzert-Tanz-Balz-Abend geht Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) zwischen Autos in Deckung, um sich zu erleichtern. Höchste Zeit, höchste Not, böse Überraschung. Drei Männer machen Fotos von der Kommissarin in der Hocke, Lindholm geht auf die Kerle zu, sie sollen verdammt noch mal die Fotos löschen. Eine gegen drei, das wird nichts, die Polizistin wird zusammengeschlagen, und gedemütigt wird sie auch. Charlotte Lindholm hätte allen Grund, sich in die #metoo-Liste einzutragen.

Und dann kommt der Anruf, der die LKA-Beamtin endgültig in die Achterbahn beamt. Die Bankiersfrau Julia Holdt (Annika Martens) ist entführt worden. Entweder überbringt ihr Mann (Aljoscha Stadelmann) 300 000 Euro zum Treffpunkt, oder...

Da hat sich die Szenerie schon entscheidend verändert. Die Holdts wohnen tief im Wald, in einem Haus, das kalt, feucht, wie ein Amphibienhaus wirkt. Und die kerzengeraden Tannen verdunkeln, sie stehen da wie die Zeugen der Anklage.

Eltern informieren Polizei über Entführung

Die Eltern der Entführten, das Ehepaar Christian (Ernst Stötzner) und Gudrun Rebenow (Hedi Kriegeskotte), sind beim Schwiegersohn eingetroffen. Gegen den ausdrücklichen Willen von Holdt informiert Rebenow die Polizei, diese und Charlotte Lindholm übernehmen die Ermittlungen und Taktik des Vorgehens. Die Zeit läuft, die Handlung wird kanalisiert auf das Auffinden von Julia Holdt, denn trotz des ausgehändigten Lösegeldes bleibt das Entführungsopfer verschwunden. Erinnert alles an den realen Fall Maria Bögerl von 2010.

Lindholm, die sonst so beherrschte, überlegte Kommissarin, ist nicht in Bestform. Gesundheitlich angeschlagen, von der Gewalterfahrung durchgerüttelt, unfähig, über die erlittene Erniedrigung und die eigenen Schamgefühle zu sprechen, macht sie einen Spurensucher zur Sau. Von der ehrgeizigen Ko-Ermittlerin Frauke Schäfer (Susanne Bormann), die zudem wie ihr jüngeres Alter Ego aussieht und gekleidet ist, und dem LKAChef Marc Kohlund (Stephan Grossmann) fühlt sie sich im Stich gelassen. Holdt und Schwiegereltern fordern rasche Ergebnisse.

Jan Braren hatte für den viel prämierten Film „Homevideo“ das Drehbuch geschrieben. Er ist einer, der Enge in den Räumen, zwischen Personen, Druckverhältnisse zwischen und in Menschen formulieren kann. Er hat sich der neuen „Tatort“-Masche widersetzt, lustige Dialoge, die nicht komische Menschen sagen, und komische Menschen, die nicht lustige Sachen sagen, zu kombinieren. Er will die Tragödie von Menschen freilegen.

Hat Holdt, hochverschuldet, Ehe am Ende, Frau mit Liebhaber, wie Lindholm und Schäfer herausfinden, die Entführung selbst inszeniert? Frank Holdt gräbt sich in Widersprüche ein, sein TV-Appell an die Entführer hat etwas Fischiges.

Fahndung scheitert katastrophal

Der „Tatort: Der Fall Holdt“ rückt von den Betroffenen weg und näher zur polizeilichen Ermittlung hin. Sie scheitert katastrophal. Lindholm macht Fehler, sie lässt ihre professionelle Distanz fahren, die Kommissarin wird zur Antiheldin, ihre Ermittlung gleicht einem Rachefeldzug an dem brutalen Ehemann, der sie so sehr an ihr eigenes Überfallkommando erinnert.

Es war eine vielleicht riskante, im Resultat kluge Entscheidung der NDR-Redaktion, die Regie Anne Zohra Berrached zu geben. So jung, so erfahren, so erfolgreich mit „24 Wochen“ und „Zwei Mütter“ – noch keine „Tatort“-Inszenierung. Sie scheint sich der beliebtesten TV-Kommissarin in deren 25. Fall unbefangen genähert zu haben. Mit Lindholm geht es erst sublim, dann auf klarer Linie abwärts, und wenn ihr dabei von Buch und Regie auch Empathie fürs Versagen zugestanden wird, so verletzt die verletzte Frau andere Menschen.

Maria Furtwängler spielt das straight. Sie stellt nicht vom Status „Scham und Opfer männlicher Gewalt“ auf „Business as usual“ um. Muss man eine solche Veränderung, das zunehmend Unsympathische annehmen wollen und ausdrücken können? Die Furtwängler macht das.

Es gilt, auf Aljoscha Stadelmann alias Frank Holdt aufmerksam zu machen. Er schafft es, eine Äquidistanz zwischen möglichem Opfer und möglichem Täter herzustellen. Seine schwer greifbare, verschwommene Figur lässt er in permanenter Spannung schwingen. Er spielt ein Geheimnis. Sein, der Fall Holdt ist düster. Dieser „Tatort“ ist ein November-Film, er steigt, heftig sekundiert von bedrückender Musik, tief hinunter ins Menschenelend.

„Tatort: Der Fall Holdt“, ARD, Sonntag, um 20 Uhr 15

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