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  • 10.09.2017
  • von Susanne Güsten

Unterstützer für verfolgte Journalisten in der Türkei: „Wir kommen zu spät“

von Susanne Güsten

Andrew Finkel hat vor vier Jahren mit einigen führenden türkischen Journalisten die Plattform 24 gegründet. Foto: promo

Wieder stehen Journalisten in der Türkei vor Gericht. Die Plattform P 24 kümmert sich um sie.

An diesem Montag wird der Prozess gegen Redakteure der türkischen Oppositionszeitung „Cumhuriyet“ fortgesetzt, in der Woche darauf beginnt der Prozess gegen Kolumnisten der Zeitung „Zaman“. Insgesamt sitzen mehr als 160 Journalisten in der Türkei in Untersuchungshaft, der „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel, am Sonntag 44 Jahre alt geworden, befindet sich seit über 200 Tagen im Gefängnis.

Wer sorgt dafür, dass sie nicht von der Welt vergessen werden? Der türkische Verein „Plattform 24“ hat sich das zur Aufgabe gemacht. Doch die Arbeit der Helfer ist schwierig und frustrierend.

Als die „Cumhuriyet“-Journalisten im Juli erstmals vor dem Richter standen, um sich gegen den Vorwurf staatsfeindlicher Umtriebe zu verteidigen, saßen auch die Prozessbeobachter von „Plattform 24“ im Gerichtssaal. P24, wie sich der Verein kurz nennt, ist zur zentralen Anlaufstelle zur Verteidigung verfolgter Journalisten geworden. Von einem Büro in der Istanbuler Innenstadt aus koordiniert Mitbegründer Andrew Finkel – ein amerikanischer Journalist, der seit seiner Kindheit in der Türkei lebt – die Arbeit des Vereins.

P24 hat dem inhaftierten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel einen Anwalt besorgt und auch vielen anderen Journalisten einen Rechtsbeistand gesichert. P24 führt Buch über Festnahmen und Verhaftungen, protokolliert Gerichtsverhandlungen und veröffentlicht Verteidigungsreden der angeklagten Journalisten. Gleichzeitig machen Finkel und seine Leute mittels sozialer Medien auf das Schicksal der Inhaftierten aufmerksam.

Andrew Finkel wurde von seiner Zeitung fallen gelassen

Finkel hat den Druck auf Journalisten in der Türkei am eigenen Leib erlebt. Als Kolumnist für die türkische Zeitung „Sabah“ wurde er 1999 wegen Beleidigung des Militärs angeklagt und von seiner Zeitung fallen gelassen – ein altes Problem der türkischen Medien. Viele Zeitungen gehören zu Mischkonzernen, deren Eigentümer mit gefälliger Medienberichterstattung ihre Chancen bei staatlichen Auftragsvergaben verbessern wollen. Seit einigen Jahren verschärft sich der Druck auf die Journalisten noch weiter. „Statt indirekten Druck auf die Medien durch die Zeitungsbesitzer gibt es jetzt direkten Druck von der Regierung“, sagt Finkel.

Vor vier Jahren gründete Finkel deshalb mit einigen führenden türkischen Journalisten die Plattform 24. Eigentlich wollte der Verein, der sich aus Spenden und Zuschüssen internationaler Organisationen finanziert, den unabhängigen Journalismus fördern, alternative Medien unterstützen und Fortbildung betreiben. Aber die Zeiten sind nicht mehr so. „Unsere Idee der Unterstützung für unabhängigen Journalismus in der Türkei kam ungefähr zehn Jahre zu spät“, sagt Andrew Finkel. Statt freie Berichterstattung zu fördern, muss der Verein die Kollegen im Gefängnis versorgen.

Auch P24-Mitglieder haben wegen ihrer journalistischen Arbeit Scherereien mit der Justiz. Einer der Mitbegründer sitzt hinter Gittern, ein weiterer ist im Exil und ein Vorstandmitglied seit über einem Jahr in Untersuchunghaft. Andrew Finkel macht weiter, nicht nur aus Sorge um die Kollegen, sondern auch, weil er sich der Türkei tief verbunden fühlt. Als Kind spielte Finkel mit dem späteren Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk in der Schule Basketball: „Er kann besser Romane schreiben als Basketball spielen.“

Heute kann sich Andrew Finkel nicht vorstellen, dem Land in schwerer Zeit den Rücken zu kehren. „Dies ist ein Land, in dem ich schon sehr lange lebe und meine Nachbarn kenne und Freunde habe und meine Familie und mein Leben“, sagt er. „Warum sollte ich mich nicht darum sorgen?“ Susanne Güsten, Istanbul

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