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  • 10.09.2017
  • von Joachim Huber

Neue Heufer-Umlauf Show bei ProSieben: Big Bang Democracy

von Joachim Huber

„Es muss ein Arschtritt durch Deutschland gehen.“ FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner (links) lässt sich von Klaas Heufer-Umlauf in einem PS-Monster durch Berlin fahren und zu wesentlichen Positionen seiner Partei befragen. Screenshot: ProSieben Screenshot: ProSieben

Kein Halligalli: Klaas Heufer-Umlauf macht Wahlfernsehen bei ProSieben. Für den Erfolg von "Ein Mann, eine Wahl" gibt es sogar drei Heufer-Umlaufs.

Im Christian Lindner steckt auch ein Guido Westerwelle. Also lässt sich der FDP-Spitzenmann von Klaas Heufer-Umlauf von der Parteizentrale in Berlin-Mitte zum Flughafen Tegel kutschieren. Nicht in einer No-Name-Mittelklasse, sondern in einem Cheverolet Camaro im schwarz-gelben Design. Das sind 500 PS gebändigt in einem Athletendesign, eine First-Class-Angeberkarre für Männer mit zu viel Geld und zu wenig Geschmack. Heufer-Umlauf fährt und fragt, auch durch eine Waschanlage, weil noch Zeit und Fragen übrig sind. Lindner antwortet, frei und frank, fordernd und freiheitlich, zum Schluss in bester Stimmung, als Heufer-Umlauf resümiert: „Durch Deutschland muss ein Arschtritt gehen.“ Hätte Camaro-Lindner trefflicher nicht formulieren können.

Fraglich, ob sich der FDP-Spitzenmann bei einem anderen Programm auf diese Spritzfahrt eingelassen hätte. Aber dieses Programm heißt ProSieben, ein Lustig-Programm, in dem Politik nur alle vier Jahr vorkommt, sprich kurz vor jeder Bundestagswahl. Was früher die Aufgabe von Stefan Raab war, übernimmt jetzt Klaas Heufer-Umlauf. Sein Format heißt „Ein Mann, eine Wahl“, an diesem und am nächsten Montag um 22 Uhr 05 bei ProSieben. Das Konzept erklärte er bei der Pressevorführung in Berlin so: „Ne Politiksendung, die trotzdem auch ein bisschen lustig ist.“

Irgendwas mit Politik

Klaas Heufer-Umlauf, 33, hat mit seinem Dauerpartner Joko Winterscheidt, 38, gerade den „Circus Halligalli“ zugesperrt und sich mit ihm am Samstag gerade wieder um die Welt duelliert. Jetzt, also diesen und kommenden Montag macht Heufer-Umlauf was mit Politik. Er hat sich für die zwei Mal 45 Minuten folgendes Setting ausgedacht: Er teilt sich in drei Ichs auf, ein linkes, ein liberales und ein konservatives. Klaas mal drei lebt in einer WG und bekommt vom Privatsender den Auftrag, mal Polit-Journalist zu spielen. ProSieben und Politik und Journalismus, da muss das Trio laut prusten. Dann ist Schluss mit lustig, SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, Grünen-Vorsitzender Cem Özdemir, Linken-Frontfrau Katja Kipping, Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD), AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel warten schon. Die Anfrage bei der CDU endete mit Jens Spahn, „der hat immer Bock“. Der bekommt zur Belohnung die Frage: „Was wäre die CDU ohne Angela Merkel?“

Die drei Heufer-Umlaufs diskutieren nun vor jeder Interviewrunde, welcher von ihnen auf welchen Politiker trifft. Der Konservative auf Schulz, der Linke auf Weidel?

Hier hat das Format seinen Schwachpunkt: Die drei Heufer-Umlaufs tragen verschiedenfarbige Sweatshirts, einer isst permanent, einer raucht Kette, der dritte trägt grau – aber mehr Trennschärfe wird nicht geboten. Der Zuschauer wird bei den Politiker-Begegnungen nicht wirklich erkennen können, welcher Klaas nun die Pole Position eingenommen hat.

Martin Schulz ist der einzige Gesprächspartner von Klaas Heufer-Umlauf, der im wirklichen Leben erklärte Sympathien für die SPD hat, der dank Ich-muss-mal-auf-die-Toilette-Dramaturgie auf drei Fragesteller trifft. Die Rotation drei Heufer-Umlaufs scheint er nicht wirklich zu bemerken, was eben auch an Klaas mal drei liegt – die Fragen wirken wie aus einem Mund. Was bei den Schulzschen Antworten umgekehrt zeigt, dass Politiker im Wahlkampfmodus dazu neigen, zu Stanzen zu greifen, egal, wer und was gefragt wird.

Speed-Dating mit Politikern

Die Schizophrenie der Wiedergänger bleibt mehr interessantes Konzept als gewinnbringende Inszenierung. Ist nicht entscheidend, so wenig entscheidend, wie die zuweilen bemühten Zwischenstücke in der WG, wenn die drei Heufer-Umlaufs sich zum Debattieren, zum Albern, zum Pro-Sieben-Sein treffen. Bisschen „Big Bang Theory“, nur ohne Frauen, ohne Sheldon.

Also, der Erzählrahmen von „Ein Mann, eine Wahl“ ist ein wenig sofaweich geraten. Nicht zu schlimm, weil der Inhalt stimmt, nein, mehr als, weil das Einschalten beider Folgen sich lohnt. Schnell und eindringlich ergibt sich, dass für den politischen Menschen Klaas Heufer-Umlauf die anstehende Bundestagswahl, die wesentlichen Parteien und Protagonisten eine Herzens- und Hirnangelegenheit sind. Er will, wie er bei der Pressevorführung in Berlin sagte, „den Politikern nicht die Maske von Gesicht reißen“. Es geht um die Kenntlichmachung der unterschiedlichen Positionen, um die Überzeugungskraft von Politikerin und Politiker. Klaas Heufer-Umlauf könnte dabei die Ironiekarte spielen, die Augenbrauen auf Habacht stellen – tut er alles nicht. In seinem Einführungskurs für politischen Pluralismus fragt er konzentriert, mit Ernst, er ist höflich. Katja Kipping darf über Gut und Böse des Kapitalismus räsonnieren, Alice Weidel soll sich an der AfD-Vokabel „völkisch“ abarbeiten, beide wie alle anderen bekommen eine Frage zum Finale gestellt: „Wie soll Deutschland in zehn Jahren aussehen?“ Manche Antwort überrascht, manche ist Blabla, eine dritte visionär. Die Penetration hat zudem einen besonderen Effekt: Der Zuschauer sucht nach seiner eigenen Anwort.

Quasi zum Resümee seines Politiker-Speed-Datings fängt Klaas Heufer-Umlauf seine drei Ichs ein, schaut dem Publikum tief in die Augen, spricht von der Wichtigkeit politischer Teilnahme, wenigstens Interesses und von der zukunftswichtigen Notwendigkeit, am 24. September zur Wahl zu gehen. Wenn er könnte, würde er drei Stimmen abgeben. Mindestens.

„Ein Mann, eine Wahl“, ProSieben, Montag und 18. September, 22 Uhr 05

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