19.11.2017, 7°C
  • 07.09.2017
  • von Thomas Gehringer

Arte-Film zur "Hunger-Euthanasie": Mutter Courage

von Thomas Gehringer

Kontinuitäten der Nazizeit. Die Enge jener Jahre werden wirkungsvoll geschildert, auch dank einiger prägnanter Nebenrollen wie hier mit Martin Wuttke. Foto: ZDF/Václav Sadílek

„Ich werde nicht schweigen“: Nadja Uhl kämpft im Arte-Fernsehfilm gegen die Vertuschung der „Hunger-Euthanasie“.

Oldenburg, 1948: Margarethe Oelkers (Nadja Uhl) bringt sich und ihre beiden Söhne mit Schneiderarbeiten über die Runden. Ihr im Krieg gefallener Mann arbeitete im Gesundheitsamt, das wie schon in der Nazi-Zeit von Paul Ahrens (Rudolf Kowalski) geleitet wird. Margarethe, die für Ahrens’ Frau (Katja Flint) die schicken Kleider näht, bittet ihn um Mithilfe, denn ihr Antrag auf Witwenrente wird aus unerfindlichen Gründen nicht bearbeitet. Doch Ahrens tut das Gegenteil: Als die aufgebrachte Margarethe im Amt versehentlich eine Glasscheibe einschlägt, wird sie von Ahrens in die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen eingewiesen. Ein Krankenwagen fährt vor, und Pfleger verfrachten die zweifache Mutter gewaltsam ins Auto.

Der Film, der unaufgeregt an einem sonnigen, frühlingshaften Nachkriegstag beginnt, wird unwillkürlich zu einem Drama um himmelschreiendes Unrecht. Eine Montage aus albtraumhaften Bildern erzählt, wie die Frauen der Heilanstalt fixiert, unter Drogen gesetzt, mit Elektroschocks und Tauchbädern gequält werden. „Ich werde nicht schweigen“ fußt auf wahren Begebenheiten, wie es zu Beginn auf einer eingeblendeten Tafel heißt.

Dies bezieht sich zum einen auf die Hauptfigur, denn Autorin und Regisseurin Esther Gronenborn erzählt die Geschichte ihrer eigenen Großmutter. Und zum anderen erinnert Gronenborn an die realen Zustände in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen vor und nach dem Krieg. Dort seien während der Nazizeit 1500 Patientinnen und Patienten durch „Hunger-Euthanasie“ getötet worden, wie im Abspann erläutert wird. Jahrzehntelang waren die Vorgänge vertuscht und tabuisiert worden.

Zu den Opfern zählten auch ausländische Zwangsarbeiter

Wehnen war nicht Teil des offiziellen Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten, dennoch war auch hier „unwertes Leben“ ganz im Sinne der Ideologie ausgelöscht worden. Erst seit Mitte der 1990er Jahre bringen Historiker und Familienangehörige der Opfer die Wahrheit nach und nach ans Licht. Zu den Opfern zählten auch ausländische Zwangsarbeiter, was im Film nur am Rande erwähnt wird.

In der Anstalt erhält Margarethe Oelkers Hinweise von anderen Patientinnen (Eleonore Weisgerber in einer überdrehten Nebenrolle als „blödsinnige Erna“) und findet namenlose Gräber. Sie reimt sich nach der Entlassung dank der Aufzeichnungen ihres Mannes einiges zusammen. Und als sie später zur Nachuntersuchung nach Wehnen zurückkehrt, stolpert sie, überwältigt von den bösen Erinnerungen, übers Gelände und landet prompt im Archivraum, wo sie flugs die Mappe mit den Todeslisten findet – ein bisschen viel Zufall auf einmal.

Auch wenn nicht jedes Drehbuchdetail in diesem Fernsehfilm stimmig erscheint, manche Dialoge doch sehr plakativ geraten sind und die synchronisierten Passagen der tschechischen Darsteller – der Film wurde in Prag gedreht – gelegentlich auffallen, gelingt Gronenborn eine packende und beklemmende Filmerzählung.

Weder bemüht sie das Trümmerfrau-Klischee noch weicht sie mit einer erbaulichen Liebesgeschichte dem Sujet aus. Dafür werden die Enge jener Zeit und die Kontinuitäten der Nazizeit wirkungsvoll geschildert, auch dank einiger prägnanter Nebenrollen (Barbara Philipp, Martin Wuttke).

Das Gerede der Leute offenbart Mitwisserschaft: „Sie sind Auswurf. Unter Hitler hätten Sie die Irrenanstalt nicht mehr verlassen.“ Margarethe kämpft nach der Entlassung gegen ihre Stigmatisierung als Verrückte und vor allem für die Chance, ihre bei der Schwester untergebrachten Kinder wieder zu sich zurückzuholen. Eine Verbündete findet sie in der jungen Antje (Janina Fautz), deren Mutter in Wehnen ums Leben kam. Nicht zuletzt geht es in diesem Film um ein allgemeingültiges Motiv: um die Courage, für unbequeme Wahrheiten offen einzutreten.

„Ich werde nicht schweigen“, Arte, Freitag, 20 Uhr 15

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