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  • 05.09.2017
  • von Kurt Sagatz

"Hart aber fair" zum TV-Duell: Im Land des Lächelns

von Kurt Sagatz

Kommt jetzt die ewige Kanzlerin? fragte Plasberg seine Gäste am Tag nach dem TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz. Screenshot: sag

Kommt jetzt die ewige Kanzlerin? Das wollte Gastgeber Plasberg wissen. Der Talk mit Julia Klöckner und Thomas Oppermann spricht jedenfalls für eine Fortsetzung der großen Koalition.

Bereits der anfangs gewählte Titel des „hart aber fair“-Talks an diesem Montag war eigentlich schon ein Affront: „Punktsieg im Duell oder schon K.o. – hat Schulz noch eine Chance?“ wollte Frank Plasberg zunächst von seinen Gästen wissen. Dabei fand der Montagstalk direkt im Anschluss an den sogenannten Fünfkampf der kleineren Parteien Linke, Grüne, CSU, FDP und AfD statt, den 4,5 Millionen Zuschauer in der ARD sahen.

Doch anstatt bei „hart aber fair“ genauso wie am Vortag bei „Anne Will“ darüber zu reden, wie sich die Diskutanten des Abends geschlagen haben, sollte es bei Plasberg erneut darum gehen, was das Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz für Auswirkungen auf den Wahlkampf haben würde. Daran änderte auch die spätere Änderung des Sendungstitels nichts. Im Gegenteil. Der neue Titel „Nach dem Duell, vor der Wahl - kommt jetzt die ewige Kanzlerin?“ machte die Angelegenheit eher noch schlimmer, denn nun wurden nicht nur die kleinen Parteien vor den Kopf geschlagen, sondern auch noch dem SPD-Herausforderer Schulz jegliche Siegchancen abgesprochen. Das mochte den Realitäten entsprechen, neutral formuliert war das jedoch nicht. Den Talk schalteten 3,8 Millionen Zuschauer ein.

Neutral waren auch die meisten Gäste bei Frank Plasberg nicht. Thomas Oppermann, der Fraktionsvorsitzende der SPD, sah Martin Schulz selbstverständlich ebenso als Gewinner des TV-Duells, wie dies die stellvertretende CDU-Parteivorsitzende Julia Klöckner für Angela Merkel reklamierte. Für sie war Merkels Schlagabtausch mit Schulz sogar ihr bestes Fernsehduell überhaupt. Merkel sei die Staatsfrau, Schulz nur der Wahlkämpfer gewesen.

Die größten Huldigungen der Kanzlerin steuerte jedoch Sigmund Gottlieb, der ehemalige Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens, bei. Merkel habe die Intelligenz der Physikerin, sie denke Dinge vom Ende her, überhaupt habe sie die Ruhe und Besonnenheit, das Richtige zu tun. Maß und Mitte, sozusagen. Schulz dagegen sei angezählt und angeschlagen, er habe Beißhemmungen am laufenden Band und im Duell seine Grenzen gezeigt bekommen.

Beißhemmungen auch bei den "hart aber fair"-Gästen

Auf Attacke eingestellt waren allerdings auch Klöckner und Oppermann nicht. Statt dessen übten sie sich in der Kunst des Lächelns. Besonders ausgeprägt wurde dies bei der Diskussion um die im TV-Duell angesprochene Beendigung der Beitragsverhandlungen mit der Türkei. In einem Einspieler konnten die Zuschauer noch einmal verfolgen, wie Merkel zunächst Schulz Forderung nach dem Ende der Gespräche ablehnte, um einige Minuten später in die gleiche Richtung zu steuern.

Klöckners wissendes Lächeln änderte sich auch nicht, als Oppermann sagte, „anderen Politikern würde bei solchen Meinungsschwankungen Prinzipienlosigkeit, Opportunismus und Gewissenlosigkeit vorgeworfen“. Flugs holte sie einen Zettel aus der Tasche mit einer Passage aus dem Wahlprogramm der SPD, in der auf die Bedeutung von Gesprächen mit der Türkei verwiesen wurde. Oppermann hatte jedoch sein süffisantes Lächeln zu diesem Zeitpunkt bereits so weit perfektioniert, dass ihm diese Retourkutsche nichts anhaben konnte.

Mit am Tisch saß auch die Studentin Lisa Sophie, die mit anderen Youtube-Bloggern die Kanzlerin interviewt hat und an diesem Dienstag den SPD-Herausforderer interviewen wird. Für Lisa Sophie ist es eher ein Zeichen von Stärke, nicht überstürzt zu agieren, solange dies nicht zum Aussitzen führt. „Ich sehe bei beiden ein schwankendes Verhalten“, sagte die junge Frau, die sich durchaus vorstellen kann, selbst in die Politik zu gehen, überaus diplomatisch. Zwischen den Groko-Politikern schien sie sich jedenfalls sehr wohl zu fühlen.

Wechsel kein Wert an sich

Und dann war da noch der Schauspieler Walter Sittler. Der Halb-Amerikaner engagiert sich in der Initiative „Bock auf Wahl" und plädiert zudem dafür, auch in Deutschland die Länge der Kanzlerschaft auf zwei Amtszeiten zu begrenzen. Für Julia Klöckner ist der Wechsel kein Wert an sich, es komme darauf an, wer im Angebot ist, sagte sie und ergänzte: „Ich habe nichts dagegen, wenn unser Koalitionspartner wechselt“. Man kann den Moment zum Wechsel verpassen, wenn es gerade so gut läuft, erwiderte Oppermann in Richtung CDU, ohne auf Klöckners Spitze direkt einzugehen.

Vielleicht wäre es für die SPD aber ohnehin besser, die Große Koalition zu verlassen, um sich als Oppositionspartei zu regenerieren – und damit es wieder eine echte Opposition gibt, regte Plasberg an. Das würde er sich für die CDU wünschen, erwidert Oppermann, „dann könnte sie die ganzen heimatlosen Konservativen integrieren“. Eine harte Konfrontation zwischen zwei konträren Parteien hat der Zuschauer auch bei „hart aber fair“ nicht erlebt, vielmehr einige kleine Scharmützel am Familientisch.

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