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  • 04.09.2017
  • von Nikolaus von Festenberg

Fiktionales Fernsehen: Aktualität kennt keine Sommerpause

von Nikolaus von Festenberg

Die Diesel-Manipulationen wären einen vertieften Fernsehfilm wert gewesen. Foto: dpa

Gewalt-Eskalation in Hamburg, Betrug in der Automobilwirtschaft, doch die TV-Fiktion in ARD und ZDF schweigt. Dabei hätte man sich auf manche Themen durchaus vorbereiten können.

Herrje, der öffentlich-rechtliche Fernsehsommer war alles andere als sehr groß. Nichts für Rilke. Viel Loch, viel Wiederholung und die übliche Rechtfertigungsleier: Die Talkmeister und Talkmeisterinnen brauchen doch auch mal Urlaub. Unsere Eigenproduktionen die winterliche Dunkelheit, um vor größerem Publikum zu strahlen. Und wartet doch erst mal ab, bis die Programmherren von ARD und ZDF die großen Winde über die Fluren loslassen. Dann wird alle sommerliche Löchrigkeit vergessen sein.

Wer will das glauben? Wer wüsste es nicht besser. Zu peinlich war das Sommerloch 2017 bei den Öffis: Unersättlich wichtigtuerisch wie nie griente der Fußballrasen, auf dem Flachware zur Hauptabendsendezeit zelebriert wurde. Ein Wort reicht: „Audi-Cup“. Dazu der wacklige Spagat über ethischem Dilemma: Geldgier und Neymar-Wahnsinn-Beklagen und selbst mit Übertragungsgeldern die Reichen reicher füttern. Oder die Schizophrenie, die Drogenhintergründe aufzuklären und gleichzeitig neben der Tartanbahn den Sportlern kuschelige „Wie sehr sind Sie mit Ihrer Leistung zufrieden?“-Fragen zu stellen. Die Leibesübungen sind für ARD und ZDF und ihrem moralischen Anspruch immer auch Leidensübungen.

Am kläglichsten aber war das fiktionale Schweigen. Die Aktualität tat den Kreativitätshamstern der Öffentlichen nicht den Gefallen und stand still. Die schockierenden Geschehnisse um den G-20-Gipfel in Hamburg und die anschließende, überall entstehende Erklärungsnot erwischten diejenigen, die bei ARD und ZDF für Erklärung jugendlicher Abgründe in Form von Fiktion zuständig sind, mit leerem Beutel. Nichts war da, nichts vorbereitet. Nichts kam da, was zum aktuellen Erschrecken auch nur entfernt gepasst hätte.

Programmplaner sind keine Hellseher, aber wie Gewalt Situationen entgleisen lässt, wie auch linkes Selbstverständnis in Irrationalem endet, dieses Thema ist seit Jahren virulent und einen fiktionalen Film wert. Und: Die Berufsgruppe der Polizei lebt nicht erst heute unter großem Stress. Ihre internen Konflikte und Belastungen müssen auch in 90-Minuten-Einzelgeschichten erzählt werden, nicht nur im „Tatort“. Es geht da um Themen, die nicht nur der Unterhaltung dienen, sondern auch im Zentrum des demokratischen Zusammenlebens stehen.

Mangelt es nur an Masse oder auch an Klasse?

Das Gebührenfernsehen aber lässt dieses Thema mangels Masse (und Klasse?) den Relevanz- und Wirklichkeitsfresser Krimi abarbeiten. So meuchelt es als beliebige Pausenfüllware vor sich hin. Das wirkt hilflos und träge, die immer gleiche Leier von Kommissars-Sonderlingen, Leichenöffnungslust und dramaturgisch vorgegebenen Strukturen abzuspulen, wenn in der Hamburger Schanze die wirkliche Polizei wirklich an die Grenze kommt.

Das andere große Sommerthema, der Automobilskandal, die Unterwerfung deutscher Ingenieure unter betrügerische Manipulationen, könnte längst Bein vom Bein fiktionalen Erzählens sein. Der Druck Erdogans auf andersdenkende Türken in Deutschland ebenso. Wann war eigentlich mal wieder von Lehrern im TV-Spiel die Rede, den Nachfahren von Dr. Specht? Wann landet das fiktionale Fernsehen mal wieder mit neuer Energie im Kinderzimmer? Bei Helikopter-Eltern, beim Elitedenken, bei jugendlicher Überforderung? Im Prekariat?

Im Sommerloch sind die Austrocknungen der öffentlich-rechtlichen Qualitätsansprüche besonders zu spüren. ARD und ZDF verlieren dann im Bereich der Fiktion ihre treuen Seherstämme. Auf den seriösen Medienseiten ist zurzeit mehr von Pensionslasten und Einnahmensängsten der Anstalten als von den Pfunden der Qualität die Rede.

Lass fahren dahin – soll das die Fernsehspiel-Devise für die öffentlich-rechtlichen Anstalten sein? Hinein in die fiktionale Beliebigkeit? In ein ganzjähriges Sommerloch, jenseits der Aktualität? Ins ewig winterliche Auf-den-Alleen-Wandeln und Protest-E-Mails-Schreiben?

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