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  • 21.01.2016

Potsdam – ein Themenpark der Erinnerung?

Kann das weg? Oder gehört es dazu? Die Meinungen gehen auseinander.Foto: A. Klaer

Zur Berichterstattung vom 12. Januar über die Pläne der Stadt, das Mercure langfristig zu kaufen und abzureißen

Weder der, der am lautesten brüllt, hat recht, noch der es immer wieder aus gehobener Position tut. Es besteht kein wirtschaftlicher Zwang zum Abriss – im Gegenteil! Die Touristenzahlen sind am steigen und sollen es weiter tun; Hotels an Verkehrsknoten sind immer gefragter und ökologisch erste Klasse! Auch Wohnraum ist knapp und teuer. Zum dritten werden kriegs- und absehbar klimabedingt weitere Massen kommen, letztere ohne Chance auf Rückkehr. Ein intaktes (Wohn-)Gebäude abzureißen, verbietet sich da wohl komplett. Wer nicht so global zu denken vermag – für den 'ne Nummer kleiner: Unter Finanzierungsvorbehalt zu beschließen, hieße, irgendwann Geld zu erwarten, das man nicht für Wichtigeres als eine Sichtachse, und zwar die von kaum einem bemerkte und vermisste vom Neptunbecken zum Landtag, benötigt. Da wird es wohl unschwer immer was Wichtigeres geben. Solange man zum Beispiel Grundsteuern erhöht, um neue Schulen – auch im Zentrum – bauen zu können, kann der Sanierungsträger wohl kaum – uns vermittelbar – was von unserem (!) Geld zum Abriss übrig haben können. Und das Ganze für eine weitere Wiese (ersatzweise für den Brauhausberg?) und Demonstrantenaufstellfläche!? Dem Hotel einfach den Hahn abzudrehen, erhöht kaum die Dringlichkeit. Ruinen stehen oft ewig, weil dann doch niemand mehr zahlen will und kann. Im Übrigen ist das Hotel aktuell passabel ausgestattet, muss Gesetze zur Bauzustandserhaltung einhalten und hat Anspruch auf den Gleichbehandlungsgrundsatz sowie die Sternevergabe, für die es Bedingungen zu erfüllen gilt. Durch die Stadt vorsätzlich verursachte Wettbewerbsnachteile: einmalig und berichtenswert (von „extra3“ bis Mario Barth)! Aber den Vogel schoss Stadtplanungschef Goetzmann ab, dessen Originalstimme letzten Freitag über „Antenne Brandenburg“ verkündete: „Das Hochhaus selbst stört uns vielleicht gar nicht so in der städtebaulichen Situation ... hat das Hotel so einen unendlich breiten Fuß; und der stört eigentlich am meisten den Bezug zwischen dem Landtagsgebäude und dem Neptunbecken, was ja in seiner Gestaltung alles ganz genau auf einer Achse ausgerichtet ist.“ Das kommentiert sich selbst – einschließlich anderer Dinge, die da noch stehen und fahren. Bleibt nur die denkbare Frage von Hasso Plattner, an wen auch immer: „Hättet ihr meine Kunsthalle am gleichen Standort mit „hotelfuß“-ähnlicher Höhe jetzt auch so beharrlich und aufwendig plattmachen wollen?!“Ralph Ulbrich, Potsdam

In den vergangenen Tagen habe ich, mal wieder, viel über die Debatte zum Hotel Mercure und sein Für und Wider im historischen Stadtbild von Potsdam gelesen. Die Stadt beabsichtigt demnach, verbindliche Sanierungsziele für das Hotel festzulegen, wobei das Wort Sanierung hierbei nicht wörtlich genommen werden darf. Vielmehr handelt es sich um eine formalisierte Art der kontrollierten „Verrottung“. So könne man schließlich den Kaufpreis senken, um das Hotel anschließend abzureißen. Ich prophezeie jedoch, auch in 20 Jahren steht dieser Bau noch. In welchem Zustand das allerdings der Fall sein wird, nun, das steht auf einem anderen Blatt Papier.

Vor gut 22 Jahren bin ich als Grundschüler mit meinen Eltern aus Potsdam weggezogen. Es waren die frühen Neunziger, Bauboom (im Umland immerhin) und meistens Einzelhäuser. Vom Städtebau verstand ich damals recht wenig und die Potsdamer Mitte sah in wesentlichen Zügen komplett anders aus. Vor vier Monaten zog ich wieder zurück und vieles hat sich verändert. Ich bin mittlerweile seit vier Jahren Dipl.-Ing. der Stadt- und Regionalplanung, habe in Berlin und Auckland, Neuseeland, studiert und im öffentlichen Dienst in Magdeburg und in einem Architekturbüro in Shanghai gearbeitet. Aber genauso wie ich mich verändert habe, hat sich auch meine Heimatstadt verändert. Die historische Mitte von Potsdam wurde mit viel Förderung und besonders dem persönlichen Engagement der Potsdamer selbst aufwendig saniert und erstrahlt in neuem Glanz. Doch nicht alle Gebäude sind in ihrem Kern mit so viel Geschichte gefüllt, wie sie dem Laien mit ihrer (meist vorgehängten) Fassade vorgaukeln. Zu nennen wäre in diesem Zusammenhang zum Beispiel der neue Landtag von Brandenburg und die Bebauung entlang des Nutheufers, welche ich mit den Worten meiner Denkmalpflegeprofessorin auch gern als „Disneyland“-Städtebau bezeichne. Denn wie die vielen Märchen von Walt Disney, verkauft auch dieses dem Nutzer den Eindruck von Harmonie und Glückseligkeit mit der Geschichte. Kritische Rekonstruktion, gar moderne Interpretation, neue Ideen? - Fehlanzeige! Zu all diesen Fragen gesellt sich in mir in den letzten Tagen aber auch Wut. Einen Architekturwettbewerb für den Ersatz des Hotel Mercure habe man ausgelobt, lese ich dort und was war der erste Preis? Eine Wiese des Volkes. Grandios! Wieso versucht man nicht mit modernem Städtebau eine Symbiose zwischen Historie und Gegenwart? Das Hotel Mercure bietet dafür ideale Voraussetzungen. Es steht in Zentrum der Stadt, ist von überall her sichtbar und der Potsdamer kennt es. Potsdam besteht nicht nur aus Geschichte, Potsdam bedeutet für mich auch Gegenwart und Zukunft. Ich möchte nicht in einem Themenpark der Erinnerung leben, sondern Zukunft erfahren und vom Städtebau Visionen für eine nachhaltige Zukunft für alle Bewohner, gerade in der Landeshauptstadt, sehen. Oder ist man tatsächlich der Meinung, dass die historischen Formen des Städtebau aus den „glorreichen“ Zeiten der Preußenkönige die Antworten auf die Probleme haben, welche Potsdam mit bald 190 000 Einwohnern zu bewältigen hat? Erfüllt der historische Straßengrundriss die Anforderungen moderner Mobilität und Verkehrssicherheit von ÖPNV und Fahrrad? Ich denke eher nicht. Daher plädiere ich für mehr Mut im Städtebau in Potsdam. Geschichte ja, aber nicht um jeden Preis und nicht nur mit ausgewählten Abschnitten der Gesichte, sondern Städtebau mit all seinen Facetten, und mehr Mut, neue Dinge zu wagen!

Ken Gericke, Potsdam

Zu den Äußerungen von Manfred Stolpe im PNN-Interview „Das Hotel soll aus ideologischen Gründen weg“ vom 18. Januar

Herr Stolpe enttäuscht mich einmal mehr. So „knickte“ er schon vor den Gegnern des Wiederaufbaus der Garnisonkirche ein und nun auch noch vor den Gegnern des Mercure-Abrisses. Wer sich am lautesten artikuliert, bekommt scheinbar bei uns immer Recht und bestimmt, was Demokratie ist (siehe Die Andere, die Linke, die BI Potsdam ohne Garnisonkirche). Und ein Herr Stolpe springt auch diesmal wieder auf diesen fahrenden Zug auf. Ist’s vielleicht das hohe Alter? Ich würde gern die Überschrift ändern: „Das Hotel soll aus ideologischen Gründen stehenbleiben.“

Klaus-Peter Mehls, Potsdam

Zum Kommentar von Peer Straube am 19. Januar zu den Mercure-Plänen

Sehr richtig! Die Diskussion hat einen langen Bart und wird in fast schon kindischer Weise von der Linken geführt. Ein Hotel ist ein Hotel und nicht mehr. Dass dieses Hotel zu DDR-Zeiten gebaut wurde, was soll’s. Wenn man zu der Schlussfolgerung kommt, dass der Lustgarten dadurch gewinnt, wenn dort kein Hotel steht, also bitte. Das wird doch wohl eine Stadt noch beschließen dürfen. Ich komme aus Dortmund, wie unschwer zu sehen, aber um ein Hotel solch ein Palaver zu machen, wo es architektonisch nun wirklich nichts hergibt, also da hat man in unserer Region kein Verständnis für. Ich habe nichts gegen den Erhalt von Architektur aus der DDR-Zeit, und es ist dazu ja auch schon viel geschrieben worden, aber es muss in die „Landschaft“ passen. Nur um des Erhalts willen, das ist pure Ideologie. Da sich die Potsdamer Mitte durch die Bebauung des alten Marktes völlig geändert hat, darf man doch wohl auch ein Hotel für die nächsten 20 Jahre in Frage stellen.

D. Uhlenbrock, Dortmund

Zu dem Artikel „Mercure-Chef droht mit Klage“ vom 19. Januar

Damit droht der Hotel-Chef zurecht. In meinen Augen ist das absolute Nötigung, was die Stadt Potsdam da vollzieht. Frei nach dem Motto: „Was wir haben wollen und nicht bekommen, das holen wir uns.“ Nun ja. Ein freier Blick aufs Wasser vom Büro aus ist schon was Tolles... „Wiese fürs Volk?“ Reichen nicht die Wiesen im Schlosspark, am Heiligen See, dem Babelsberger Park usw.? Stolpe wird Ideologie vorgeworfen, weil er nicht im SPD- beziehungsweise Rathaus-Strom mitschwimmt. In meinen Augen sind das reine Ideologie und eigene Interessen, was da von der Stadt verfolgt wird. Meine persönliche Meinung über unser Rathaus behalte ich an dieser Stelle besser für mich.

Christian Brandt, Potsdam

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