• 13.06.2014
  • von Peter von Becker

"FAZ"-Mitherausgeber gestorben : Frank Schirrmacher stellte die zentralen Fragen unserer Zeit

von Peter von Becker

Der "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher ist tot. Foto: dpa

Was heute im Internet oder in den Biotech-Laboren geschieht, wirft drängende juristische und moralische Fragen auf. Frank Schirrmacher hatte dafür die intellektuellen Antennen - und das Feuer des passionierten Journalisten.

Ein großer Kulturjournalist ist gestorben. Das Echo auf den jähen Tod des "FAZ"-Mitherausgebers Frank Schirrmacher freilich zeigt einen Widerhall aus allen gesellschaftlichen, politischen Sphären, weit über die Welt des klassischen Feuilletons hinaus. Und hinweisend, hineinweisend in das, was Kultur, was die Künste, die Philosophie, die Wissenschaften und auch Wirtschaft und Politik jenseits aller fachspezifischen Grenzen verbindet. Was auch das Wesen einer Zeitung ausmacht: Aufklärung.

In jedem Kunstwerk geht es im Kern um ein Selbstbild des Menschen, sogar dann, wenn dieses Bild explodiert und der Mensch nur noch als Schatten und Fragment vorkommen mag oder sich auflöst in der Abstraktion.

Dies analytisch zu beschreiben, ist Aufgabe und Reiz der Kritik. Doch der Blick des wachen Feuilletonisten schaut über das einzelne Werk und seine ästhetischen Kriterien hinaus, im Zusammenwirken von spezieller Rezension und allgemeinerer Reflexion.

Frank Schirrmacher und das Ideal des aufgeklärten Menschen

Hier kommt jener „erweiterte Kulturbegriff“ ins Spiel, dem auch die Leidenschaft des ursprünglichen Literaturkritikers Frank Schirrmacher galt. Kultur prägt die Identität des Menschen, der sich selber über seine vegetative Natur hinaus im Denken, Handeln, Träumen, Hoffen als Kulturwesen begreift. Das Ideal des aufgeklärten, zur Selbstreflexion wie zur gesamten Weltreflexion befähigten Menschen aber ist seit mehr als hundert Jahren zerbrochen. Der uomo universale, der universell Gebildete, der wie einst Leonardo da Vinci oder noch Goethe und Humboldt das wesentliche Wissen der Naturwissenschaften sowie der Geisteswelt von Philosophie, Politik, Ökonomie und Künsten als Enzyklopäde zusammendenken konnte, ist längst passé. Seit den Revolutionen der Technik, der Physik, der modernen Medizin am Eingang ins 20. Jahrhundert.

Man spricht von einer Spaltung der Welt in zwei Kulturen, in die der Geistes- und die der Naturwissenschaften. Es gibt jedoch auch die Vorstellung einer „Third Culture“. Der heute in seinen Studios über dem New Yorker Central Park residierende frühere Literaturagent John Brockman hat die zuvor schon existente, aber nicht richtig virulente Idee einer „Dritten Kultur“ vor 20 Jahren neu erfunden. Und Frank Schirrmacher war einer seiner seismographischen Adepten.

Schirrmacher war ein Vertreter einer zweiten Aufklärung

Über die Kluft beispielsweise zwischen Biotechnologen oder Nanophysikern einerseits und Anthropologen, Soziologen, Juristen oder Kulturphilosophen andererseits eine neue Brücke zu bauen, ist eine verführerische Idee. Tatsächlich geht es der „Dritten Kultur“ nicht darum, die Unterschiede zwischen künstlicher und künstlerischer Intelligenz zu verwischen. Aber der erweiterte Kulturbegriff meint: einen umfassenderen Menschheitsbegriff. Meint ein neues wechselseitiges Kennen und Verstehen.

Wenn wir nicht nur wissen, sondern auch bestimmen wollen, wie wir künftig leben, dann muss es einen Dialog geben zwischen den Kulturen. Denn was im Internet oder in den Biotech-Laboren geschieht, lässt jenseits des technisch Machbaren immer häufiger juristische, moralische, soziale Fragen stellen. Nach den Auswirkungen, nach Fluch oder Segen. Es sind das allemal kulturelle Fragen. Es ist das Projekt einer zweiten Aufklärung. Hierfür die intellektuellen Antennen zu haben und den Mut des Amateurs (im Französischen: des Liebhabers) auch zur grenzüberschreitenden Spekulation, gehört zum Feuer des passionierten Journalisten. Schirrmacher war dabei eine Kerze, die von beiden Seiten brannte.

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