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  • 11.01.2014
  • von Julia Prosinger

Eriwan Träume von

von Julia Prosinger

Armeniens Jugend flieht aus dem Land – denn die Lage ist desaströs. Verzweifelte Patrioten rufen die weltweite Diaspora zur Rückkehr auf, um die Heimat zu retten

Sein Großvater ist für diesen Ort gestorben, und jetzt sitzt er da, dieser reiche Junge, Rolex am Arm, spitze Wildlederschuhe, und spuckt auf den Boden. Er will weg, für immer. Dein Großvater hat für dieses Land gekämpft! Der Junge aus reichem Haus kann es nicht mehr hören. „Eine Nation, die ihre Identität auf einen Genozid gründet, der 100 Jahre her ist.“ Gerade hat er die letzten Papiere von den Ämtern geholt, Reisepass, Geburtsurkunde, hat seinen Telefonvertrag aufgelöst.

„Ich hasse diese Stadt“, sagt er. Eriwan, die Hauptstadt Armeniens, war mal die Stadt aus den Witzen von Radio Eriwan. Damals durften sich die Armenier, im Südkaukasus weit weg von Moskau, erlauben, über die Pannen des Sozialismus zu lachen. Heute ist es eine Stadt zum Davonlaufen. Der reiche Junge möchte nicht, dass jemand seinen Namen schreibt, denn hier kennt jeder jeden. Und was er tut, gehört sich nicht.

Wie alle Armenier ist der reiche Junge mit dem Bild vom heiligen Land aufgewachsen, dem Märchenland der Vorväter: Uralte Kirchen und Klöster mit Rundbögen über den Fenstern, Armenien gilt als das älteste christliche Land der Welt. Über Eriwan schwebt wie ein Schutzengel der Berg Ararat, ewig schneebedeckt. Unerreichbar, weil er hinter der türkischen Grenze liegt. Noah soll dort nach 40 Tagen mit seiner Arche gelandet sein. Wo immer auf der Welt sich Armenier niederlassen – sie hängen sich ein Bild des Ararat ins Wohnzimmer.

Ausgerechnet dieses Eriwan blutet nun aus. Fast 80 Prozent der jungen Armenier, die meisten davon leben in der Hauptstadt, wollen ihr Land verlassen. Sie wollen in die USA oder nach Europa. Manche Mütter verheiraten ihre Töchter an Landsleute ins Ausland. Sie fliehen vor der Arbeitslosigkeit, vor den Traditionen – kein Sex vor der Ehe – , der reiche Junge, 29, gut ausgebildet in Moskau und London, flieht vor Bürokratie und staatlicher Willkür.

„Es gibt hier nicht mal einen McDonald’s. So schlecht sind die Investitionsbedingungen. Wer mit der Regierung nicht befreundet oder, besser, verwandt ist, kann keine Geschäfte machen.“ Der reiche Junge meint die Oligarchen, einer kontrolliert den gesamten Zuckermarkt, ist mit Premier und Präsident verbandelt. Gleich morgen wird der reiche Junge all sein Geld nehmen, in Frankreich investieren und nie mehr wiederkehren.

Er verlässt ein sinkendes Schiff. 2011 nannte das „Forbes Magazine“ Armenien die zweitaussichtsloseste Volkswirtschaft der Welt nach Madagaskar: Mit dem Nachbarn Aserbaidschan lebt es wegen der umkämpften Region Berg-Karabach im brüchigen Waffenstillstand, die Grenze zur Türkei ist wegen des Streits um die Anerkennung des Genozids von 1915 geschlossen. Armenien ist ein Binnenstaat, abhängig vom Iran und Georgien für den Zugang zum Meer, und vor allem von Russland. Das hat seine Soldaten im Märchenland stationiert und besitzt nach einem Schuldenerlass gigantische Teile des armenischen Energiesektors, der Eisenbahn, der Telekommunikation und des Bergbaus. Nachts ist es in vielen Ecken Eriwans dunkel, Bürgersteige sind ein Luxus der Innenstadt, Fassaden bröckeln, Treppenhäuser stürzen ein. Mehr als 35 Prozent der Armenier gelten laut Studien der Weltbank als arm.

Es gibt keine eindeutigen Statistiken darüber, wie viele tatsächlich auswandern. Studien gehen von mehr als 1,5 Prozent jährlich aus. Seit 1991 hat Armenien fast eine Million Einwohner verloren. Bei einer Bevölkerung von nur gut drei Millionen ist das verheerend.

Diese Zahlen erinnern die Armenier an ihr altes Trauma, ihre historische Überlebensangst. Was, wenn die Aserbaidschaner Krieg anfangen? Ein Land ohne Männer kann sich nicht verteidigen. Es kann auch nicht wachsen. Wer soll Politik machen, wer engagiert sich in der Zivilgesellschaft? Die armenischen Frauen, traditionell gebildet, bekommen nicht genügend Kinder, um das Schrumpfen der Nation zu verhindern. Die Regierung schreibt Kredite für Neuverheiratete aus, erhöht das Kindergeld, streitet mit Russland, das seinerseits armenische Gastarbeiter anlockt. Wenn die Flugzeuge in Eriwan landen, schieben sich Männer mit speckigen Lederjacken und müden Falten im Gesicht durch den Zoll. Hochschullehrer und Dirigenten arbeiten auf russischen Baustellen und schicken durchschnittlich 360 Euro im Monat an ihre Familien – oft decken sie damit nur deren Lebenshaltungskosten. Sie kehren alle paar Wochen zurück in die Dörfer, die nur noch aus Frauen bestehen. Heimatüberweisungen machen mehr als 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Stoppen kann die Regierung den Trend nicht.

Auch Vartan Marashlian, 38, Hamsterbacken, fester Händedruck, kann die Wunde nicht stillen. Aber er hat vor einigen Jahren eine Organisation gegründet, „Repatriate Armenia“, die das Loch stopfen will. Er sitzt in seinem Büro am zentralen Platz der Republik und erklärt seinen Rettungsplan. Vartan – die Armenier nennen selbst ihren Präsidenten beim Vornamen – will die Menschen aus der Diaspora zurückholen.

Gut acht Millionen ethnische Armenier leben weltweit in großen Gemeinschaften verstreut, in Los Angeles, Paris, Moskau. Allein in Russland sind es mehr als zwei Millionen. Ihre Vorfahren retteten sich 1915 aus den Todesmärschen durch die nordsyrische Wüste – 1,5 Millionen starben dabei –, flohen zur Zeit des Kommunismus und schließlich während der chaotischen Jahre nach der Unabhängigkeit 1991. Wer auswandert, wie der reiche Junge, wandert in eine andere armenische Gemeinschaft ein. Er wird nicht viel vermissen. Um den Kontakt zu halten, hat Armenien ein eigenes Diaspora-Ministerium eingerichtet, das Lehrbücher herausgibt, panarmenische Spiele organisiert. Vartan war dort einige Jahre stellvertretender Minister.

Der Geschäftsmann ist selbst aus Moskau zurückgekehrt. „Ich wollte meine Kinder vor der Assimilation bewahren, ich hatte Heimweh, wollte meine Wurzeln ergründen.“ Jetzt will er die anderen überzeugen. Unter Stalin gab es schon einmal solch ein Wiedereinbürgerungsprogramm, erfolgreiche Armenier, Intellektuelle und Händler, kamen aus dem Nahen Osten. Heute ist das nicht so einfach. Das Mutterland liebt sich aus der Ferne leichter.

Eriwan, die zwölfte Hauptstadt in Armeniens verlustreicher Geschichte, sei zentral gelegen, sagt Vartan. Nur vier Stunden im Flieger nach Paris, schnell nach Beirut. Vartan beginnt zu schwärmen. Er klickt die Tabellen seiner Homepage auf, er hat die Lebenshaltungskosten kalkuliert, für Junggesellen und Familien. Früchte, Vartan spricht schneller, kosten hier nur wenige Cent und jeder könne sich eine Putzfrau leisten. Für unter 500 Euro könne man hier einen Lebensstandard haben wie in einer amerikanischen Großstadt. Er erzählt von milden Wintern, trockenen Sommern, der unberührten Landschaft, von der amerikanischen Universität, dem kostenlosen Internet an Bushaltestellen, günstigen Operntickets, ständig Vernissagen und Filmfestivals. Die Armenier sind bekannt als ein Volk von Künstlern.

Rentnern verspricht Vartan ein Netz an Freunden, gestressten amerikanischen Müttern kurze Wege und günstige Taxifahrten. Tatsächlich gelangt man für 1000 Dram, weniger als zwei Euro, überall hin oder fährt, übersichtlich, mit der einzigen Linie der Metro. Ängstlichen Vätern sagt er ein Leben ohne Terrorismus voraus, wenig Straßenkriminalität. Wer unentschlossen sei, könne ja erst mal ein Praktikum machen, mit armenischen Vorfahren bekäme er finanzielle Unterstützung.

Vartans Organisation bietet Sprachkurse an, viele Diaspora-Armenier können das verschlungene Alphabet nicht schreiben, sie hilft Unternehmern mit der Bürokratie. Mehr als 4000 Diaspora-Armenier betreiben Unternehmen in dem kleinen Land, aber es sollen noch mehr werden. Führerscheine kann man anerkennen lassen, Vorstellungsgespräche trainieren. „1200 freie Stellen allein im IT-Bereich!“, ruft Vartan jetzt laut. Er will dem Brain-Drain einen Brain-Gain entgegensetzen.

Es ist schwer, ihn zu unterbrechen. Warum gehen dann alle? Warum investiert der reiche Junge in Westeuropa? Die letzte Präsidentschaftswahl gewann der Amtsinhaber Sersch Sarksian, ein Außenseiterkandidat wurde angeschossen, die Opposition ging in den Hungerstreik und nannte die Machthaber eine kriminelle Clique. „Ich sage nicht, dass alles perfekt ist. Wir sind ein Land im Übergang“, sagt Vartan. Er glaubt fest an den Wandel durch Zuzug.

„Hier kann man etwas bewirken. Man ist nicht einer von vielen.“ Wer im Ausland ein Arbeiter war, könne hier zum wohl situierten Bürger aufsteigen. Wo nichts ist, kann jeder seine Spuren sehen.

Mit den Diaspora-Armeniern, hofft Vartan, käme auch mehr Wissen ins Land, mehr Offenheit. Homosexuellen gegenüber, Ausländern. Ein wenig mehr Achtung für die Umwelt. Weniger rauchen, weniger Heizen, Rad fahren vielleicht. Er findet es gut, dass zu wichtigen Festtagen Iraner aus dem Süden heraufströmen, im christlichen Eriwan Alkohol trinken, in den Casinos spielen, die leicht bekleideten Mädchen bewundern, wie sie auf hohen Absätzen Eriwans Hügel erklimmen.

Vartan steht auf, es ist Mittag und Zeit, eine seiner Erfolgsgeschichten zu präsentieren. Durch ein paar Häuserblocks führt er durch die Innenstadt. Eriwan, das muss auch Vartan zugeben, ist nicht schön. Sie ist eine der ältesten Städte der Welt, gegründet im achten Jahrhundert vor Christus. Das beweist eine Geburtsurkunde aus Stein, eine Basaltplatte mit Inschrift. 2008 feierte sie 2790. Geburtstag. Perser und Osmanen, Russen und Türken stritten um die Stadt. Ab 1920 war Eriwan sowjetisch. Der Architekt Alexander Tamanian baute es komplett um. Was schön war und vom Erdbeben im 17. Jahrhundert übrig, Kirchen und Moscheen, persische Bäder, Markthallen, die Festung, ersetzte er durch neoklassizistische Gebäude aus rotem Tuffstein. Stadt in Pink wurde Eriwan deshalb auch manchmal genannt. In die Wände der Wohnblöcke sind noch immer die Helden der Sowjetunion eingemeißelt.

Über aufgeplatzten Asphalt führt Vartan jetzt in ein kleines syrisches Restaurant mit weißen Plastikstühlen. Er begrüßt den Fladenbrotbäcker mit Handschlag, bestellt Lahmacun und Ayran. Für Vartan hat der syrische Bürgerkrieg eine gute Seite. Er hat 9000 armenische Syrer ins Land gespült. Eine von ihnen serviert ein paar Straßen weiter Cheesecake in einem Bio-Café, das ein armenischer Amerikaner kürzlich eröffnet hat. Rita Manougian, 21, kichert, selbst wenn sie beschreibt, wie sie dem Krieg entfloh. Eriwan ist ihre Rettung.

Im Sommer 2011, kurz vor ihrem Abitur, gingen in ihrer Straße im armenischen Viertel von Aleppo die Bomben nieder. Jeden Tag starb ein Bekannter, Scharfschützen belagerten ihre Kirche. „Ich saß monatelang ohne Strom daheim.“ Ihre Familie beschloss, nach Armenien zu fliehen. Rita kannte das Land der Vorväter nur aus den Sommerferien. Sie ließ das Haus zurück, kaufen wollte es niemand, vielleicht steht es längst nicht mehr. Als sie ankam, gab ihr die Regierung Englischkurse, Kleiderspenden, Mietzuschüsse. Kindergärten und Schulen machten Platz für die Neuen.

Auch Rita ist mit dem Ararat im Wohnzimmer, dem Mythos Armeniens, aufgewachsen. Seit sie in Eriwan lebt, ist das Märchen vorbei. Sie darf hier zwar rauchen, trinken, mit Jungs im See schwimmen und bauchfrei kellnern. Aber sie vermisst ihre Freundinnen. Und sie vermisst Assad, den syrischen Diktator. „Er hat uns Minderheiten immer unterstützt. Unter den Islamisten müsste ich verschleiert rumlaufen“, sagt sie und kaut an ihren grün lackierten Fingernägeln.

„Man denkt, man kommt nach Hause, in das Land der Vorväter, und dann ist doch alles anders.“ Die Sprache zum Beispiel. Im postsowjetischen Armenien lesen sich noch immer viele Schilder auf Kyrillisch, die Sprache ist voll russischer Lehnwörter. Rita kichert wieder. Sie hat den Armeniern im Café das arabische „yalla“ beigebracht. Es heißt: Los geht’s.

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