• 20.10.2012
  • von Patrick Wildermann

Bis dass die Pointe uns scheidet

von Patrick Wildermann

Rampensäue. Willie (Gerhard Garbers) und Al (Christian Redl). Foto: Oliver Fantitsch

„Sonny Boys“ vom Hamburger St.-Pauli-Theater zu Gast im Renaissance-Theater

Viel ist nicht übrig vom Willie Clark der Glanzzeiten. Heute haust der Mann, der mal ein gefeierter Komiker war, in einem ärmlichen 1-Zimmer-Apartment im Hotel, meist in Pyjama und Pantoffeln. Wenn der Fernseher vor aufkommendem Sturm warnt, blafft er zurück: „Keine Angst, ich geh nicht raus“. Vereinsamt ist er, und vergesslich. Bloß sein treuer Neffe und Agent Ben schaut jeden Mittwoch vorbei, bringt die „Variety“ sowie die Zigarren, die der Arzt verboten hat, und sorgt sich über den fortschreitenden Verfall. Arbeit kann er Willie kaum besorgen. Das letzte Engagement war eine Werbung für Puffmais, dessen Namen sich der gealterte Ex-Star nicht merken konnte. Für den Rasierklingen-Spot zittern die Hände zu sehr. Nichts mehr so wie früher.

Obwohl – war Großvaters Varieté- Ära wirklich so golden? Sagenhafte 43 Jahre lang ist Willie Clark zusammen mit seinem Partner Al Lewis als Duo „The Sunshine Boys“ aufgetreten. Tausende Mal haben sie einen Sketch performt, der den Titel „Der Herr Doktor lässt bitten“ trägt. Darin ruft unter anderem eine vollbusige Blondinen-Schwester hüstelnd: „Herr Doktor, ich hab’s an der Brust“, woraufhin der Arzt mit tiefem Blick ins Dekolleté entgegnet: „Das sieht mir eher chronisch aus.“ Das ist kein Vergnügen, sondern Knochenarbeit. Kein Wunder, dass es irgendwann zwischen den Pointen-Profis zum Bruch kam.

In „Sonny Boys“, einer der bekanntesten Komödien des New Yorkers Neil Simon, ist die Tragik nicht etwa unterschwellig spürbar, sie springt einen geradezu an. Vermutlich funktioniert der Humor gerade deshalb so gut. So ziemlich alle großen Schauspieler eines gewissen Alters dies- und jenseits des Atlantiks haben den Broadway-Hit aus dem Jahr 1972 schon gespielt. Und wenn ein Regisseur sein Timing-Talent nicht vollständig an der Garderobe abgibt, landet er damit auch heute noch einen sicheren Erfolg.

Ulrich Waller hat das Stück fürs Hamburger St.-Pauli-Theater inszeniert, jetzt gastiert die Produktion am Renaissance- Theater. Gerhard Garbers gibt Willie, den präsenilen Griesgram, dessen Stolz im Missverhältnis zu seiner Situation steht. Nach elf Jahren der totalen Funkstille soll sich Willie auf Bestreben von Neffe Ben (Oliver Urbanski) noch einmal mit Al zusammenraufen und in den Kittel schlüpfen – für eine Fernsehrevue über die großen Tage der amerikanischen Komik. Al (Christian Redl), der vor Zeiten aus vermeintlich heiterem Himmel von der Bühne abgetreten ist, steht dieser Wiedervereinigung genauso skeptisch gegenüber wie sein Ex-Partner. Tatsächlich kracht es schon bei der ersten Probe. Schon über die Frage, ob der Sketch-Doktor „Herein!“, oder „Hereinspaziert!“ ruft, können sich die beiden im wahrsten Sinne bis aufs Messer streiten.

Im spartanischen Hotelzimmer mit rotem Showvorhang als Rahmen lässt Regisseur Waller seinen Sonnenjungs viel Freiraum für ihre ehekriegsähnlichen Scharmützel. Garbers und Redl verleihen diesen gealterten Rampensäuen bei aller Lächerlichkeit die Würde des verweigerten Untergangs. Man sieht zwei Bühnenarbeitern zu, die ihre Rollen mit Schweiß und Verschmitztheit beglaubigen. Und das Stück dabei sehr frisch wirken lassen. Patrick Wildermann

wieder 25./26.10., 20 Uhr, 27.10., 18 Uhr

  • Erschienen am 20.10.2012 auf Seite 01

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