• 13.10.2012
  • von nbsp;Sebastian Leber

Blutspur Die lange eines Söldners

von nbsp;Sebastian Leber

Er nannte sich „der Schrecklichste der Schrecklichen“. Robert Denard war jahrzehntelang käuflicher Krieger in Afrika: Benin, Komoren, Zaire, Gabun, Simbabwe ... Er starb 2007 friedlich in seiner französischen Heimat

Als Robert Denard im Februar 1993 in Paris landet, wartet auf dem Rollfeld schon die Polizei. Sein Anwalt, ein enger Freund des Präsidenten François Mitterrand, versucht zunächst, eine Kaution auszuhandeln. Vergeblich. Denard gefährde den Frieden Frankreichs und der ganzen Welt, heißt es in der Ablehnung. In seinem grauen Anzug wird der 63-Jährige ins Pariser Untersuchungsgefängnis überstellt, wo er auch die zwei Monate seines Prozesses verbringen wird. Verantworten soll er sich bloß für eine einzige Tat, einen Vorfall aus dem Jahr 1977, bei dem Denard keineswegs brutaler oder skrupelloser agierte als bei zahllosen anderen Kommandoaktionen, bei dem ihm aber ein Fehler unterlief: Der Söldnerführer hat ausnahmsweise Spuren hinterlassen. Viele Spuren.

Es sollte ein kurzer Einsatz werden, am Sonntag, den 16. Januar 1977. Mit einer ausrangierten, propellergetriebenen Douglas DC-7 wollte Denard mit 90 Kämpfern in Cotonou landen, dem Regierungssitz des jungen westafrikanischen Staates Benin, einer ehemaligen Kolonie Frankreichs. Der dortige Präsident, Mathieu Kérékou, hatte sich als Marxist entpuppt und begonnen, europäische Firmen zu verstaatlichen. Kérékou musste weg, und Robert Denard war der Mann, der unerwünschte Staatschefs im postkolonialen Afrika von ihren Ämtern entfernen konnte. Im Interesse Frankreichs, aber auf eigenes Risiko.

Die Mehrzahl der Söldner, die Denard für seinen Umsturzversuch in Benin auswählte, stammte aus Europa. Der Plan: Mit Bazookas, Granatwerfern und Maschinenpistolen ausgerüstet sollten sie sich gleich nach der Ankunft in Cotonou in zwei Gruppen aufteilen. Eine würde zum nur drei Kilometer östlich gelegenen Präsidentenpalast fahren und Mathieu Kérékou entweder verhaften oder töten, die andere sollte das Hauptgebäude des staatlichen Rundfunks besetzen und dort den Umsturz verkünden. Als Kérékous designierter Nachfolger befand sich ein oppositioneller Geschäftsmann aus dem Exil an Bord der DC-7. Seine erste Ansprache ans Volk würde er, falls der Plan klappte, direkt nach Übernahme der Rundfunkanstalt im Radio verlesen. Der Plan klappte nicht.

Denards Mission war vorab verraten worden. Am Präsidentenpalast fanden seine Kämpfer nicht den Amtsinhaber vor, sondern Scharfschützen, die sofort das Feuer eröffneten. Das Sendezentrum war kurzfristig in einen anderen Stadtteil verlegt worden. Dort wiederum versteckte sich der amtierende Präsident und rief die Bevölkerung per Liveschaltung zum Widerstand auf.

Robert Denard verlor fünf Männer und ordnete den hastigen Rückzug an. Auf der Flucht unterliefen ihm weitere Fehler: Ein Söldner wurde am Flughafen auf dem Dach des Kontrollturms vergessen, dazu eine Kiste voller Briefe, Hotelrechnungen, Bankverbindungen und Adresslisten. Diese enthielten nicht bloß die Namen sämtlicher angeheuerter Kämpfer, sondern auch jener Länder, die den Putschversuch unterstützt hatten. Rhodesien hatte die DC-7 zur Verfügung gestellt, Marokko ein Trainingscamp. Auch der französische Auslandsgeheimdienst wird in den Dokumenten mehrfach erwähnt.

Später vor dem Pariser Gericht behauptet Robert Denard, er habe vor Auftragsannahme telefonisch die Zustimmung des Afrika-Beraters des damaligen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing erbeten. Und dass es, wie so oft, „gelbes Licht“ gegeben habe: keine öffentliche Unterstützung, aber die Versicherung, dass man Denard gewähren lasse.

Der Verteidiger zitiert unter anderem aus einem Schreiben, in dem der neue Afrika-Berater des Präsidenten versichert, Denard sei Patriot und habe stets im Interesse der französischen Nation gehandelt. Der Urteilsspruch empört Prozessbeobachter aus Benin: Der Söldnerführer erhält lediglich eine Haftstrafe von fünf Jahren auf Bewährung.

„Ich war immer Krieger, nie Mörder“, sagt Denard in seinem Schlussplädoyer. Und dass er zu keinem Zeitpunkt seiner Söldnerlaufbahn Zivilisten umgebracht habe – zumindest keine unschuldigen. Historiker bezweifeln das. Bob Denard gilt als einer der umtriebigsten und gewaltbereitesten europäischen Söldner, die ab den 60er Jahren nach der Loslösung ehemaliger Kolonien in Afrika und anderswo kämpften. Die Liste seiner Einsatzgebiete ist lang und bis heute vermutlich unvollständig. Belegt sind Operationen in Gabun, Nigeria, Angola, Libyen, Zaire, Simbabwe, Benin, auf den Komoren, im Nordjemen und im Iran. Mal versucht Denard, einen unliebsamen Präsidenten wegzuputschen, mal hilft er beim Niederschlagen von Volksaufständen oder versorgt Bürgerkriegsparteien mit Waffen. Bei seinen Feldeinsätzen trägt er Fantasieuniformen, von Untergebenen lässt er sich mit „Colonel Bob“ anreden. Offiziell ist er Geschäftsmann mit Sitz in Gabun. Schwerpunkt: Import/Export.

Der französische Autor Xavier Renou hat in seinem Buch „Die Privatisierung der Gewalt“ dokumentiert, wie systematische Gräueltaten von Denards Männern in Frankreichs Öffentlichkeit jahrzehntelang ignoriert wurden. Menschenrechtsgruppen berichten von zahllosen Morden und blutigen Foltermethoden: Die Söldner reißen Verhörten Zähne und Augen aus, drücken brennende Zigaretten an Fußsohlen. Die Leichen ihrer Opfer werden zerteilt und den Hinterbliebenen in Säcken übergeben. Denard selbst wird auf seine Jahre in Afrika später weit wohlwollender zurückblicken: „Wie alle Soldaten habe ich Kriege geführt, ich habe mich aber auch stets bemüht, den Frieden vorzubereiten. Ich habe Brücken gesprengt, aber auch Straßen gebaut.“

Frankreich kommen die Aktionen Denards in den meisten Fällen gelegen. Mit seiner Hilfe können die Geheimdienste in Afrika intervenieren und postkoloniale Interessen wahren, ohne völkerrechtliche Verwicklungen zu riskieren. Erst in den 80er Jahren rückt die Regierung deutlich von Denard ab. Vieles spricht aber dafür, dass er auch weiterhin mit Informationen und Ausweisen versorgt wird. Vor Gericht bezeichnet sich Denard deshalb als Geheimdienstmitarbeiter, bloß ohne festes Einkommen und Rentenabsicherung.

Auch Belgien und Großbritannien bedienen sich der Söldner. In Afrika firmieren sie als „les Affreux“ – die Schrecklichen. Robert Denard prahlt damit, dass man ihn für den „Schrecklichsten der Schrecklichen“ halte.

Wie viel Lohn er für seine Einsätze bekommt, verrät Denard nicht. Wohl aber die Bezahlung seiner Handlanger: Bis zu 4000 US-Dollar gebe es pro Einsatz für einen einfachen Söldner, plus Erfolgsprämien. Neben Geld treibt ihn auch die Überzeugung an. Denard sieht sich als strammen Antikommunisten, der die Werte des Westens überall verteidigt, wo die Sowjetunion ihr Einflussgebiet vergrößern will. Rassist ist er nicht – anders als viele seiner Kampfgefährten, etwa der Deutsche Siegfried Müller: Der ehemalige NS-Offizier operiert in den 60er Jahren unter dem Namen „Kongo-Müller“, teilweise an den gleichen Schauplätzen wie Denard, als Motivation gibt er „Freude an der Negerjagd“ an.

Auch der Franzose verfügt über eine militärische Ausbildung. Weil er in seiner Jugend als disziplinlos gilt, schickt ihn der Vater auf die Marineschule. Nach Ausbruch des Indochinakriegs wird seine Einheit 1947 nach Saigon verlegt. Denard kämpft nicht, sondern steuert Patrouillenboote, doch die Soldatenkarriere endet abrupt: In einer Bar provoziert er eine Schlägerei mit französischen Infanteristen und wird nach Hause geschickt. Eine Zeitlang verkauft Denard in Frankreich Küchengeräte, dann bewirbt er sich für den Polizeidienst in Marokko. Angeblich ist es eine Zeitungsannonce, die ihn im Alter von 32 Jahren in die Söldnerbranche lockt. So jedenfalls wird er sich später in seiner – vor Lügengeschichten strotzenden – Autobiografie erinnern.

Gesichert ist, dass Denard bei seinen Einsätzen oft improvisieren muss und nicht selten scheitert: Bei einem Putschversuch in Angola fehlen ihm Lastwagen, also stattet er seine Söldner mit Fahrrädern aus. Der Angriff schlägt fehl, beim eiligen Rückzug werden etliche Kämpfer versehentlich von der eigenen Nachhut erschossen, die im Dschungel einen Hinterhalt vorbereitet hat.

Besonders häufig, insgesamt vier Mal, wird Denard auf den Komoren aktiv, der kleinen Inselgruppe nahe Madagaskar, die sich im Juli 1975 von Frankreich löst. Bereits einen Monat nach der Unabhängigkeitserklärung landet Denard erstmals auf den Komoren, um den gewählten Präsidenten Ahmed Abdallah abzusetzen. Für den Putsch reichen ihm zehn europäische Söldner, denen sich auf den Komoren Oppositionelle anschließen. Es fallen nur wenige Schüsse. Frankreich gewährt Abdallah Asyl.

Als der installierte Nachfolger sich drei Jahre später von Moskau unterstützen lässt, putscht Denard ihn weg und verhilft ausgerechnet dem abgesetzten Ahmed Abdallah an die Macht. Er selbst wird Chef der Präsidentengarde und lebt fortan in einer Villa am Rand der Hauptstadt. Außerdem gründet er eine private Sicherheitsfirma, die an der Bewachung von Hotels verdient. Nachdem Denard zum Islam konvertiert ist, heiratet er mehrfach. Sieben Ehefrauen werden es insgesamt sein.

Den Inselstaat muss Denard erst 1989 überstürzt verlassen, als Ende November der Präsident ums Leben kommt und alles darauf hindeutet, dass der Chef seiner eigenen Garde, also Denard, ihn ermordet hat. Erst zehn Jahre später wird der Franzose deshalb angeklagt, der Prozess findet wiederum in Paris statt. Unstrittig ist, dass sich zur Tatzeit neben dem Präsidenten auch Denard und zwei enge Vertraute im Amtszimmer befanden. Der Staatsanwalt glaubt, Denard habe den Präsidenten ermordet, weil der seine Absetzung plante. Die Version des Angeklagten klingt komplizierter: Demnach habe die von Denard geführte Präsidentengarde im Garten des Palasts ein Scheingefecht initiiert, um anschließend der regulären Armee die Schuld daran zu geben. Dies sei allerdings im Auftrag des Präsidenten passiert, weil die Armeeführung moralisch verkommen sei und ausgetauscht werden sollte. Während des Schusswechsels im Garten sei der Präsident jedoch nervös und schließlich hysterisch geworden, worauf ein einheimischer Leibwächter ins Zimmer gestürmt sei und mit seiner Maschinenpistole auf Denard gefeuert habe. Der wiederum habe sich weggeduckt, so dass drei Kugeln versehentlich im Herzen des Präsidenten gelandet seien.

Prozessbeobachter belächeln die Version zwar, widerlegt aber wird sie nicht. Der von Denard beschuldigte Leibwächter kann nicht aussagen, er ist noch am Tatort erschossen worden. Aus Mangel an Beweisen wird Robert Denard freigesprochen.

Am Karriereweg des Franzosen lässt sich exemplarisch nachvollziehen, wie sich das Söldnerwesen in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gewandelt hat. Während Kämpfer in den 60ern angeheuert wurden, um den Machtverlust der einstigen Kolonialnationen zu begrenzen, agieren die Söldnergruppen ab den 80ern mehr und mehr als private Unternehmen: In erster Linie geht es um Profite. Gemordet wird für denjenigen, der am meisten bezahlt. Der französische Autor Xavier Renou hält die von Denard auf den Komoren aufgebaute und im Kern bloß wenige Dutzend Mann starke Truppe hierbei für „vorbildhaft“, ja sogar für einen „Embryo des modernen Söldnertums“.

Nach seinem Sieg vor Gericht zieht sich Robert Denard in ein Landhaus nahe seiner Heimatstadt Bordeaux zurück, hier plant er die Errichtung eines Museums, das sein lebenslanges patriotisches Wirken für Frankreich dokumentiert. In Interviews mit französischen Medien sagt er, an Menschenrechtsverletzungen könne er sich nicht erinnern. Es wirkt wie ein Treppenwitz der Geschichte, dass Denard im Oktober 2007, im Alter von 78 Jahren, ausgerechnet an Alzheimer stirbt. 

  • Erschienen am 13.10.2012 auf Seite 11

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