• 11.10.2012
  • von Paul Kreiner

Wir sind alle Pilger

von Paul Kreiner

Pracht und Palaver. Papst Johannes XXIII. eröffnet am 11. Oktober 1962 im Petersdom das Zweite Vatikanische Konzil. Fotos: epd

Als die Katholiken in die Moderne aufbrachen: das Zweite Vatikanische Konzil vor 50 Jahren

Von der katholischen Kirche heißt es, sie denke in Jahrhunderten. Insofern verwundert es nicht, dass ihr größtes Ereignis in der Neuzeit, das – erst – vor einem halben Jahrhundert eröffnete Zweite Vatikanische Konzil, bis heute weder zu Ende gedacht noch voll verwirklicht ist. Gleichzeitig wird jene Menschengeneration alt und müde, die den Schwung von damals mitbekommen hat: die bis dahin unerhörte Öffnung ihrer Kirche zur Welt, zur Demokratie, zu den anderen Konfessionen und Weltreligionen. In der Glaubenskrise von heute ist für manche das Konzil gar schuld an allem – als hätte es nicht gesellschaftliche Umwälzungen gegeben, deren Erosionswirkung weit stärker war. Und Jüngere schwärmen von der vorkonziliaren Kirche, von deren lateinischer Messe vor allem – ohne ermessen zu können, was dieses „Vorher“ war und was die Kirche aus gutem Grunde geändert hat.

Das Zweite Vatikanische Konzil, dessen Eröffnung sich an diesem Donnerstag zum 50. Mal jährt, war lange vor Johannes Paul II. die erste Mediensensation der katholischen Kirche. 2540 Bischöfe versammelten sich in Rom, so viele wie nie zuvor, dazu 1200 Journalisten. Erstmals waren Schwarze und Asiaten als veritable Bischöfe dabei, die Fernsehbilder machten den Katholiken klar, dass sie – bis dahin europäisch geprägt – Mitglieder einer Weltkirche waren. Und in der Mitte stand ein Papst, Johannes XXIII., der schon mit seiner rundlichen Gestalt und seiner Herzlichkeit all das Gravitätische, Unnahbare, Entrückte aufhob, hinter dem sich die Kirchenhierarchie vor ihm verschanzt hatte: „Ich bin euer Bruder.“

Johannes XXIII. hatte seine „spontane“ Konzilsidee nicht nur, recht autoritär, durch härteste Widerstände in der Kurie durchgeboxt, er brachte von Anfang an auch Zug in die Sache. „Frische Luft“, sagte Johannes XXIII., wolle er in die Kirche einlassen. Gegen die klerikalen „Unglückspropheten, die zwar vor religiösem Eifer brennen, aber in der heutigen menschlichen Gesellschaft nur Verfall und Unheil erkennen“, setzte er eine prinzipiell optimistische Weltbetrachtung.

Das gesamte Konzil war neu und anders: Alle Kirchenversammlungen in den 1900 Jahren gingen gegen etwas vor: gegen Irrlehren, gegen Ketzer, gegen Zweitpäpste, gegen Martin Luther & Co., gegen den „Modernismus“. Alte Konzilslehren sind deswegen durchweg Verdammungslehren. Sie münden in die Formel: „ausgeschlossen sei, wer...“ Für das Zweite Vaticanum gab es keinen solchen Anlass. Johannes XXIII. merkte nur, dass die Welt sich weitergedreht hatte als die Kirche. So brauche diese Welt, sagte er, eine „Überprüfung“ der christlichen Lehre. Keinerlei Neuerung, wohlgemerkt, aber eine Er-Neuerung: „Der unwandelbare Inhalt der Lehre und die Art ihrer Verkündigung sind zwei verschiedene Sachen.“ Und anstatt zu verdammen wende „Mutter Kirche“ heute Barmherzigkeit an.

Die Versammlung der Weltbischöfe entfaltete schnell ein Eigenleben, wie es Johannes XXIII. nie vorausgeahnt hatte. Die 69 Diskussionsvorlagen, die von der römischen Kurie auf strikt konservativen Denkschienen vorbereitet worden waren, gingen sofort unter. Gleichzeitig machte als Gegenprogramm ein ganzes Reformbuch Furore. Verfasst hatte es ein gewisser Hans Küng, damals 32 Jahre alt. Wie er, so war auch der zweite Jungstar des Konzils, Joseph Ratzinger (35), als theologischer Fachberater für deutsche Bischöfe nach Rom mitgekommen. Die Wege der beiden Reformer trennten sich gleich nach dem Konzil. Küng konnten die Umwälzungen nicht schnell, nicht weit genug gehen. Ratzinger bekam einen Schrecken fürs Leben, als er bemerkte, welch stürmische Eigendynamik Konzilsbeschlüsse im gesamtgesellschaftlichen Gebrause der achtundsechziger Jahre entfalten konnten.

Die Konservativen sind nicht untergegangen beim Zweiten Vaticanum, im Gegenteil: Sie wurden gehätschelt. Vor allem Papst Paul VI., der 1963 die Nachfolge von Johannes XXIII. antrat, bemühte sich, alle Seiten bei den Beschlüssen einzubinden. Auf diese Weise kamen die 16 Konzilsdokumente zu Mehrheiten von 96 oder mehr Prozent – aber um den Preis, dass oft genug gegensätzliche Positionen nebeneinander stehen oder in komplexe Kompromissformeln gefasst sind. Das hat die Deutung des Konzils von Anfang an erschwert. Heute, da auf der einen Seite die winzige Minderheit der konzilsfeindlichen Piusbrüder gehätschelt wird und „Kirchenvolksbewegungen“ auf der anderen Seite eine vatikanische „Reformverweigerung“ anprangern, ist die Debatte aufs Neue entflammt.

Prinzipiell hat die katholische Kirche beim Konzil – an den „Zeichen der Zeit“ orientiert – historischen Ballast abgeworfen und sich auf das besonnen, was sie immer schon als Auftrag empfand. Sie will nicht länger die „perfekte Gesellschaft sein, das laut Gesangbuch unverrückbare „Haus voll Glorie“, das sich einer „feindlichen Welt“ entgegenstellt. Die Kirche interpretiert sich nun als „pilgerndes Gottesvolk“, das zur endzeitlichen Perfektion erst unterwegs ist und bis dahin „die Gestalt dieser Welt trägt, die vergeht“. Und wenn das Konzil über die „Spaltung der Christenheit“ oder den militanten Atheismus klagt, dann wettert Mutter Kirche erstmals in ihrer Geschichte nicht gegen Ketzer, Spalter oder Glaubensfeinde, sondern stellt primär die Frage, inwieweit sie an diesen Phänomenen mitschuldig sein könnte.

Der brasilianische Menschenrechtskämpfer Dom Helder Camara, damals Weihbischof von Rio de Janeiro, stieß das Konzil auf die Fragen der Welt: „Sollen wir unsere Zeit darauf verwenden, interne Probleme der Kirche zu diskutieren, während zwei Drittel der Menschheit Hungers sterben?“ Heraus kam das Dokument „Kirche in der Welt von heute“. „Gaudium et Spes“, wie diese Konstitution auch heißt, ist die Urkunde dafür, dass sich die Kirche an die Seite der Menschen stellt. Sie will sich an keine bestimmte Kultur binden, sie erklärt – 1965! – globales Denken im Sinne sozialer Gerechtigkeit zum „heiligen Gesetz“.

Die Kirche macht sich nach 1600 Jahren „Konstantinischer Ära“, nach all den Monarchien „von Gottes Gnaden“, frei von jedweder Bindung an Staaten oder Staatsformen. Sie will keine Privilegien, will nirgendwo Staatskirche sein. Sie verlangt Religionsfreiheit für alle, weil es der Würde jedes einzelnen Menschen entspricht, sich selbst auf die Suche nach der Wahrheit machen zu können. Jede Bevormundung, jeder Zwang in Religionssachen widerstrebt der Menschenwürde, sagt das Konzil. Die Piusbrüder sagen an dieser Stelle: Das ist Verrat an der einzig wahren Religion.

Die Öffnungen gehen noch weiter: Der Kirchenbegriff des „pilgernden Gottesvolks“, verbunden mit der uralten theologischen Auffassung, dass „Gott das Heil für alle Menschen will“, weicht Trennlinien zu anderen Konfessionen oder zu Suchenden in den Weltreligionen auf. „Außerhalb der Kirche kein Heil“: diese traditionelle katholische Maxime ist beiseite- gelegt. Es kann durchaus „Katholisches außerhalb der katholischen Kirche“ geben. Der augenfälligste Streit um das Konzil hat sich an der „lateinischen Messe“ entzündet. Genau genommen geht es nicht ums Latein, sondern um den „Tridentinischen“ Messritus, der nach dem Antireformations-Konzil von Trient im Jahr 1570 festgelegt und 1970 durch die heutige Messe abgelöst worden ist. Die „Tridentinische Messe“ ist allein auf den Klerus zugespitzt und schleppt den alten, engen, statischen, ausgrenzenden Kirchenbegriff bleibend mit sich herum.

Das heißt: Eine Rückkehr zur „Tridentinischen Messe“ – ungeachtet des ästhetischen Reizes, den diese auf bilderverwöhnte Postmoderne ausüben mag – würde eine Kehrtwende der Kirche insgesamt bedeuten. Die ohnehin kleiner werdende Öffnung zu Welt, Mensch, Konfessionen und Religionen würde rückgängig gemacht. Und die katholische Kirche wäre am Ende eine in ihre eigenen Bilder verliebte, unbedeutende Sekte.

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