• 02.10.2012
  • von Dirk Becker

Nur Schönheit zählt

von Dirk Becker

Klangmagier. Der schwedische Pianist Martin Tingvall. Foto: Steven Haberland

Der schwedische Pianist Martin Tingvall beeindruckt mit seinem Solodebüt „en ny dag“

Manches braucht Zeit und manchmal auch ein bestimmtes Licht.

Ein paar Wochen lang lag dieses Album unbeachtet auf dem Redaktionsschreibtisch. Das Cover zeigt ein Schwarzweißfoto, darauf ein junger Mann, der durch einen Birkenwald spaziert. Eines dieser vielen Rezensionsexemplare, die unaufgefordert geschickt werden. Irgendwie ist das Album dann doch in die Arbeitstasche gelangt und lag dann ein paar Tage auf dem heimischen Schreibtisch. Wieder unbeachtet. Bis zu diesem Sonntagspätnachmittag, als man einfach nur mal schnell reinhören wollte. Doch schon mit den ersten zarten Tönen von „en stjärner faller“ (A falling star) schien etwas zu passieren. Mit einer einfachen Melodie bremste der Pianist Martin Tingvall den Zuhörer aus. Etwas mehr Lautstärke und auf einmal bemerkte man dieses goldsatte Spätsommerlicht, das sich ins Zimmer gelegt hatte. Nach zwei Minuten dann mit „en början“ (A beginning) das nächste Lied. Wieder so ein zartes, verträumtes Klanggespinst. Von da an ließ man Tingvall gewähren, egal was noch für diesen Nachmittag geplant war, 14 Lieder lang. Und dann das Ganze noch einmal.

Der 38-jährige Tingvall stammt aus der südschwedischen Provinz Schonen. Er hat in Malmö Jazzklavier, Komposition und Improvisation studiert und danach mit vielen Musikern in den unterschiedlichsten Richtungen gearbeitet. Dass er dabei nie Berührungsängste hatte, zeigen Namen wie Udo Lindenberg oder Gunther Gabriel. Im Jahr 2003 gründete er zusammen mit dem Bassisten Omar Rodriguez Calvo und dem Schlagzeuger Jürgen Spiegel das Tingvall Trio, mit dem er mittlerweile vier ausgezeichnete Alben eingespielt hat. Mit „en ny dag“ (A new day) hat Martin Tingvall nun sein erstes Soloalbum veröffentlicht. Ein so lässiges wie lutftiges Bekenntnis in Sachen Leichtigkeit und musikalischer Schönheit.

Wie schon bei den vier Alben für sein Jazztrio hat Martin Tingvall auch auf „en ny dag“ alle Lieder komponiert. Und was einen immer wieder beim Hören fasziniert, ist die Einfachheit der Tingvallschen Kompositionen. Dass er auch Filmmusiken schreibt, ist hier sehr deutlich zu hören. Denn mit „en ny dag“ legt Tingvall ein überdeutliches Bekenntnis zur Schönheit einfachster Melodien ab, von denen ja gerade Filmmusiken leben. Will man Vergleiche bemühen, so könnten Erik Satie oder Ludovico Einaudi genannt werden. Doch bleiben diese Vergleiche nur schwache Versuche, den musikalischen Kosmos von Tingvall auf seinem ersten Soloalbum zu beschreiben.

Tingvall gehört zu den wenigen Musiker, bei denen das Moll mit einem herzerfrischenden Lächeln daherkommt, mit dessen Liedern die Melancholie zur liebsten Begleiterin wird. Und so ist es auch nicht verwunderlich, wenn man durch seine Musik plötzlich ein Spätsommernachmittagslicht mit ganz anderen Augen sieht. Tingvall ist eine Art Landschaftsmaler. Seine Farben sind die Akkorde, die er umspielt, variiert und nicht selten zum Tanzen bringt. Strukturen geben die Melodien, die er oft fast vorsichtig in seine Lieder legt. Sparsam, fast skizzenhaft arbeitet er die Themen heraus, nuanciert und mit viel Platz für die eigene Fantasie. Und ohne Scheu vor Anspielungen und Zitaten bekannter Melodien. Immer wieder wechselt er dabei zwischen den verträumten Balladen, die nie im Kitsch versinken, und treibenden, ausschweifenden Jazzeskapaden wie in „det är aska i luften“ (There’s thunder in the air). Dieser Wechsel wirkt wie das Schwarz und Weiß auf dem Coverfoto und das Hören der Lieder wie ein Spaziergang an der Seite von Martin Tingvall durch den Birkenwald.

An manchen Nachmittagen gibt es nichts Schöneres als Tingvall und seine Lieder von „en ny dag“. Dirk Becker

Martin Tingvalls „en ny dag“ ist beim Label Skip erschienen. Am Sonntag, dem 9. Dezember, ist Martin Tingvall im Roten Salon der Berliner Volksbühne zu erleben

  • Erschienen am 02.10.2012 auf Seite 22

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