• 15.09.2012
  • von Andrea Nüsse

Zweifelnde Helden

von Andrea Nüsse

Kriegserinnerung. Der Soldat hat ein Foto eingeschickt, auf dem er zwischen zwei Palästinensern sitzt. Foto: Breaking the Silence

Israelische Soldaten in den besetzten Gebieten: Ein Buch, eine Ausstellung

Auf den ersten Blick ist es das typische Erinnerungsfoto aus dem Urlaub. Der junge Mann in der Mitte strahlt in die Kamera. Er trägt eine Uniform und ein Maschinengewehr, so entspannt, als hätte er Badesachen dabei. Der Blick nach rechts und links aber irritiert. Der junge Mann lässt sich zwischen zwei Männern ablichten, deren Hände auf dem Rücken gefesselt und deren Augen mit einer Binde verbunden sind. Das Foto entstand in der palästinensischen Stadt Jericho, wo der junge Israeli den Wehrdienst absolvierte. Aus dem Blick des Soldaten spricht nicht unmenschlicher Sadismus, der teilweise die Bilder der US-Soldaten in Abu Ghraib kennzeichnete. Eher eine unbedarfte Naivität. Als das Foto entstand, dürfte er noch keine Zweifel an seiner Arbeit gehabt haben. Doch das ist offensichtlich nicht so geblieben. Denn später übergab er seine „Sammlung“ der israelischen Organisation „Breaking the Silence“. Sie sammelt seit 2004 Fotos und Aussagen von Soldaten über ihre Arbeit in den besetzten palästinensischen Gebieten. Diese verstörenden Bilder, Schnappschüsse einer Welt, in der alle moralischen Maßstäbe verrutscht scheinen, zeigt nun die Fotogalerie des Willy- Brandt-Hauses. Erstmals auf Deutsch sind dazu Berichte israelischer Soldaten von ihren Einsätzen erschienen.

Was ist los mit diesen jungen Israelis, fragt man sich. Jehuda Schaul, der Gründer von „Breaking the Silence“, weiß es. „Wenn du als Soldat einen Schritt in die besetzten Gebiete machst, dann ist das, als ob du deine Moral in den Reißwolf wirfst – nach einer Minute ist nichts mehr davon übrig.“ So ähnlich empfinden das wohl die 800 jungen Soldaten, Rekruten und Offiziere, die bisher bei der Organisation ausgesagt haben. Sie wollen, dass Israels Gesellschaft weiß, was Besatzung mit den jungen Israelis macht. Sie berichten nur, was sie selbst gesehen oder sogar selbst getan haben.

Besonders eindrucksvoll wird die Ausstellung dadurch, dass drei junge Israelis, ehemalige Soldaten, durch die Ausstellung führen. Der 26-jährige Nadav war Scharfschütze bei einer Elitetruppe. „Ich wurde ein Jahr lang für Krieg gegen Panzer und Hubschrauber trainiert und dann in die Westbank geschickt“, erinnert er sich. „Du siehst die Palästinenser nicht als Menschen“, so sein Fazit. Ihm kamen schon bei der ersten sogenannten „Strohwitwen“-Aktion Zweifel: Soldaten besetzen nachts ein beliebiges Haus und sperren die Familie im Bad ein, um aus den Fenstern die Straße kontrollieren zu können. „Das war absolut verrückt.“

In Israel sind diese jungen Menschen Helden. Sie sichern das Lebens ihrer Landsleute in Israel. So die offizielle Lesart. Doch viele sind schockiert von dem, was sie selbst tun. Die einen fahren nach dem Wehrdienst ins indische Hippie-Paradies Goa, um zu vergessen. Die anderen wollen ihre Gesellschaft aufrütteln, die gar nicht wissen möchte, wie schmutzig die Unterdrückung eines anderen Volkes ist. Die Aussagen des Buches zeigen: Israels Politik dient auch der Unterwerfung einer fremden Bevölkerung und der Annektion ihres Landes.

Die Leiterin von „Breaking the Silence“, Dana Golan, freut sich, die Ausstellung hier zu zeigen. „Deutschland ist so ein guter Freund Israels“, sagt sie, „wir wollen, dass Deutschland auch Position bezieht“. 2005 durften die jungen Soldaten noch in der Knesset ausstellen, das wäre heute unter der Regierung Netanjahu unmöglich, so Golan. Mittlerweile wird die Organisation offen angefeindet und von Regierungmitgliedern als Unterstützerin von Terror bezeichnet.

Ausstellung und Buch informieren aus erster Hand und sind deshalb so verstörend. Zugleich zeigen sie den Deutschen, die oft unsicher sind, ob sie die Politik der israelischen Regierung kritisieren dürfen, wie hart und laut Kritik in Israel sein kann. Vor diesem Hintergrund ist es mutig und lobenswert, dass die Fotogalerie im Willy-Brandt-Haus diese Ausstellung zeigt. Gisela Kayser, die Künstlerische Leiterin, betont, dass die Ausstellung schon eingetütet war, bevor Sigmar Gabriel im März mit seiner Twitter-Nachricht aus Hebron Furore machte. Er glaubte, dort ein Apartheidssystem zu erkennen. Das Wort benutzen die jungen Ex-Soldaten, die durch die Ausstellung führen, nicht. Aber die Realität die sie beschreiben, kommt dem nahe.

Willy-Brandt-Haus, bis 29.9. „Breaking the Silence“, Econ-Verlag, 416 S. , 19,99 €.

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