Der Roman „Shades of Grey“ hat Sadomasochismus zum Massenthema gemacht. Im Schatten des Bestsellers gedeiht ein ganzes Ratgeber-Genre. Unser Autor hat sich durchgequält. Ein Überblick im Quervergleich
Typischer Satz
„Sehr beliebt sind mittelalterliche Spiele, zum Beispiel Burg oder Kerker mit den jeweiligen Fessel-Inszenierungen. Dieses Spiel können Sie mit etwas
Fantasie auch zu Hause in die Realität umsetzen.“
„Unter Bastinade versteht man Schläge auf die Füße, meist in
Zusammenhang mit einem
Bestrafungsritual.“
„Auch das ,Danke, Herrin‘ bzw. ,Danke, Herr‘ für empfangene Schläge etc. hört man in bestimmten Zusammenhängen gern.“
„Vergiss alles, was Du bisher über SM gehört oder gelesen hast. Streich jede Erinnerung an Talkshows mit Leuten, die beim Sex gern lebende Maulwürfe essen, aus Deinem Gedächtnis.“
„Für manche ist ein Halsband ein Zeichen der Zusammengehörigkeit. Ich höre noch eine mir
bekannte Domina sagen: So lange der mein Halsband trägt, hat er keine anderen Weiber
anzuschauen.“
Übers Füttern mit Augenbinde: „Bei dem Spiel müssen Sie damit rechnen, dass Ihnen kleinere Gemeinheiten untergejubelt werden, denn nur wenige können der Versuchung widerstehen, zwischen
Honig und Schokolade auch
einmal Senf zu verabreichen.“
„Die Informationen dieses
Buches sind mehr wert als das Geld, mit dem Sie es bezahlt haben. Sie haben es doch bezahlt, oder?“
Wer es schrieb
Alexa Adore ist ein Pseudonym. Dahinter steckt eine Autorengruppe, die bereits Ratgeber über Aphrodisiaka und den angeblichen Einfluss der Sterne auf die Sexualität
veröffentlicht hat.
Achtung: Barbara Meyer hat nichts mit der Bestsellerautorin E. L. James und deren Roman „Shades of Grey“ gemein. Dass der Buchtitel das Gegenteil
suggeriert, dürfte noch juristisch interessant werden.
Matthias Grimme lebt in Hamburg und ist Verleger einer Sadomasozeitschrift mit dem schönen Namen „Schlagzeilen“. Sein Künstlername in der Szene lautet „Tatsu Otoko“ – Drachenmann.
Kathrin Passig ist Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin und Gründerin des sadomasochistischen Vereins „BDSM Berlin“. Wie ihre Koautorin Ira Strübel schreibt sie für das Blog „Riesenmaschine“.
Neben seinem Interesse an SM ist Journalist Arne Hoffmann auch Aktivist gegen Männerdiskriminierung und Autor eines Buches, in dem er die ehemalige „Tagesschau“- Sprecherin Eva Herman in Schutz nimmt.
Sabine und Wolf Deunan halten seit Jahren Vorträge zum Thema. Angeblich haben sie jede im Buch beschriebene Praktik selbst getestet. Dennoch bestehen sie auf einem Haftungsausschluss bei Folgeschäden nach der Lektüre.
Jay Wiseman ist seit 1975 in der kalifornischen SM-Szene aktiv.
Er sagt, er verfolge eine Mission: die Allgemeinheit darüber aufzuklären, dass Sadomasochisten im Grunde sehr zärtliche Menschen sind.
Das wird geboten
Die billige Cover-Anmutung täuscht nicht: Hier werden
Banalitäten und Allgemeinplätze als Expertentipps verkauft. Liest sich, als hätten die Autoren selbst nie einen Folterkeller von innen gesehen.
Kruder Mix aus Wikipedia-Wissen und Ratschlägen angeblicher
Experten, die sich hinter Pseudonymen wie „Checker“ oder „Knebelkalle“ verbergen. Wirkt, als hätte die Autorin zum Schreiben bloß ein Wochenende Zeit gehabt.
Umfassendes Standardwerk der deutschen SM-Szene. Enthält verstörende Fachbegriffe und ein reich illustriertes Kapitel namens „Kleine Peitschenkunde“. Wird von Dominas auf Schulungen als Lehrmaterial verwendet.
Reflektierte und oft ironische
Zustandsbeschreibung der SM- Szene. Wenig handwerklich
Konkretes. Offenbar hatten die
Autorinnen mehr Interesse an schönem Schreibstil als an der Vermittlung der Materie.
Der Autor hat 35 SMler interviewt. Die Schnipsel der Gespräche sollen, nach Themen geordnet, einen Überblick über die verschiedenen Spielarten und Fetische geben. Liest sich wie eine 194 Seiten lange Gruppentherapiesitzung.
Humorig geschriebener Ratgeber mit Kauftipps für den nächsten Baumarkt-Besuch. Die gängigsten Knoten werden anhand von
Fotos veranschaulicht. Wirkt
streckenweise wie eine Bastelanleitung in der „Brigitte“.
Beginnt mit einer zähen Erklärung, warum es moralisch vertretbar ist, ein SM-Buch zu schreiben. Erst danach kommen Fakten. Jeder fünfte Satz rät, eine Praktik lieber langsamer oder sanfter oder am besten gar nicht auszuprobieren.
Bester Praxistipp
Als „Tunnelspiele“, also solche, die einmal begonnen nicht ohne Weiteres abgebrochen werden können, nennen die Autoren das Auftragen von Rheumasalbe oder Mentholzahncreme auf sensible Körperpartien.
„Wenn ich im Hofknicks gefesselt werde, muss ich immer die Knie durchgedrückt halten. Das ist ziemlich heavy, aber genau das ist es, was mich am meisten
antreibt.“
„Bei Stahlfesseln ist zu beachten, dass die Kanten meist sehr hart sind, eine Umpolsterung
mit Stoff oder Leder bietet sich bei längerem Gebrauch an.
Teurer und bequemer sind gute, gepolsterte Lederfesseln.“
Die Autoren warnen vor der
Unwirksamkeit sogenannter
Sklavenverträge: Es sei juristisch schlicht unmöglich, sich das Recht auf Selbstbestimmung
und körperliche Unversehrtheit aberkennen zu lassen.
„Und schließlich sollte man eines nicht vergessen: viel trinken. Denn wenn etwas besonders aufregend ist, verbraucht der Körper auch viel Flüssigkeit.“
„Wenn Sie möglichst wenig Fesseltechnik lernen wollen, können Sie ohne Weiteres mit Klettbändern arbeiten. Sie finden sie in den Bergsteigerabteilungen von Sportgeschäften.“
„Mischen Sie nicht verschiedene Arten von Schmerz. Der klassische Fehler ist, den Schmerz einer Brustwarzenklemme mit dem des Schlagens zu vermengen.“ Das überfordere.
Zielgruppe
Menschen, denen Wochenhoroskope in Frauenzeitschriften zu viele konkrete Informationen enthalten. Und solche, die
über abgedroschene Wortspiele wie „fesselnde Erfahrung“ auch auf Seite 43 noch schmunzeln können.
Leser, die bei Büchern grundsätzlich keinen Wert auf Layout, Inhalt oder Ausdrucksweise legen. Alle, die zu faul sind, im Internet auf Wikipedia die Buchstaben „S“ und „M“ einzutippen.
Hartgesottene, die nicht in Ohnmacht fallen, wenn sie die
Wörter „Brandeisen“ oder „Wundsekret“ lesen – und solche, die sich Fotos angucken möchten, die einem Tagesspiegel-Redakteur blankes Entsetzen bereiten.
SM-Interessierte, die über sich selbst lachen können und ihre sexuelle Neigung als „kleinen, unterhaltsamen Defekt“ sehen.
Freunde von langatmigen Gesprächskreisen, bei denen jeder länger als der Vorredner quatschen muss, auch wenn er eigentlich nichts Neues beizutragen hat.
Menschen, die sich beim Film „9½ Wochen“ ein bisschen
weniger Erotik, dafür mehr Bastelhinweise und deutlich mehr Pointen gewünscht hätten.
Moralisten, Zartbesaitete und Spezialisten, die sich für Nischenthemen wie „Mumifizierung“ oder
„Sadomasochismus während der Schwangerschaft“ interessieren – und alle, die endlich wissen wollen, was „WIITWD“ bedeutet.
Wichtigster
Sicherheitshinweis
„Beginnen Sie nicht gleich mit der Peitsche. Schlagen Sie nicht wild darauf los ... Achten Sie auf ungehinderte Durchblutung bei der Fesselung. Lassen Sie niemals einen Gefesselten unbeaufsichtigt.“
„Zur schnellstmöglichen Befreiung wird eine Kleiderschere empfohlen.“
Zum Thema Stromspiele:
„Gefährlich sind alle Geräte, die an den normalen Haushaltsstrom angeschlossen werden (z.B. Eisenbahntrafos). Viehtreiber oder E-Schock-Stäbe arbeiten mit viel zu hoher Spannung.“
Wer sich mit einem Fremden verabredet, sollte einen gutbesuchten Ort, etwa ein Innenstadt-Café, auswählen. „Es gibt keinen vernünftigen Grund, sich auf einem einsamen Autobahnparkplatz oder an der derzeit geschlossenen Eislaufbahn zu treffen.“
„Kerzenwachs immer zuerst auf der Innenseite des eigenen Unterarms ausprobieren, bevor man es auf dem Partner benutzt.“
Dringend gewarnt wird vor Selbstfesselungen: „Wenn Sie die Idee reizvoll finden, bitten Sie einen vertrauenswürdigen Partner um Hilfe, der im Nebenzimmer wartet und Sie auf Zuruf wieder entknotet – alles andere ist viel zu gefährlich.“
„Haben Sie einen Mitbewohner, warnen Sie ihn. Wenn er unerwartet nach Hause kommt und Sie nackt und gefesselt auf dem Wohnzimmerfußboden findet, sollte er nicht gleich die Polizei anrufen oder, noch schlimmer, Ihren Partner attackieren.“
Titel
Der SM-Ratgeber
für Einsteiger
Shades of Grey in der
fesselnden Praxis
Das SM-Handbuch
Die Wahl der Qual
Lustvolle Unterwerfung
Ein bisschen härter
ist viel besser
SM 101
Potsdam bekommt doch noch eine Kunsthalle: Hasso Plattner will zusammen mit dem Investor Lelbach den Palast Barberini wieder aufbauen und dort anschließend seine Sammlung von DDR-Kunst ausstellen. Eine gute Idee?