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  • 05.06.2012
  • von Gunda Bartels

Fasching im Hirn

von Gunda Bartels

Grinsefotos? Ist nicht ihr Ding. Annamateur, Jahrgang 1977. Foto: Fabian Stürtz

Anna Maria Scholz ist Annamateur, Deutschlands musikalischste, verrückteste Comedy-Frau

Dann kommt sie ins Reden. Ach, was heißt reden. Ins ungestüme, ausschweifende, abschweifende Assoziieren. Eine Frage, zig Antworten. Anna Maria Scholz alias Annamateur ist keine, die etwas mit halber Aufmerksamkeit tut.

Ab Mittwoch zeigen sie und ihre Band Außensaiter das neue Programm „Screamshots“ in der Berliner Bar jeder Vernunft. Hier sind die Frau aus Dresden und ihre Musiker Stammgast, hier haben sie sich vorab mit den Presseleuten getroffen. Mit interessantem Effekt bei den Fotografen. „Schreckliche Frau“ tuschelt einer, weil sich Annamateur lieber gelangweilt den Arm mit einem schwarzen Edding bemalt, statt Lächelposen einzunehmen. Grinsefotos? Nee, nicht ihr Ding. Sie schüttelt sich noch, als sie später im Garten vor dem Spiegelzelt hinter dem Spritzkuchen sitzt. „Sympathische Frau“, denkt man bei sich. Kein Dünkel, viel Eigensinn.

Und der kommt daher, dass bei Annamateur alle Tage Gehirnfasching ist, wie sie sagt. Was das heißt? Kreatives Gedankenchaos oder „Krause Haare, krauser Sinn“, um ein schwer klischierendes Sprichwort aufzugreifen, das wie gemacht für ihre Bühnenmähne ist? „Hirnfasching, das ist das nicht Nachvollziehbare“, erklärt sie schließlich. „Für mich ist das schon seit der Schule ein gebräuchliches Wort.“

Apropos Schule. Dem Sinn und Unsinn heutiger Pädagogik ist auch das neue Programm gewidmet, was sich gleich am Untertitel und der Bühnendeko des „musikalischen Overhead-Projekts“ ablesen lässt. Das gleichnamige gefürchtete Gerät samt den von Annamateur bekritzelten Folien spielt bei ihrem musikalisch-kabarettistischen Angriff auf das hiesige Erziehungssystem eine wichtige Rolle. Seit Kaspar, der elfjährige Sohn der 1977 geborenen Musikerin schulpflichtig ist, hat sie einen Horror nach dem anderen erlebt. Der Knabe kommt offenbar nach seiner Mutter und hält nichts von all zu viel Reglement. „Da fragt mich die Lehrerin doch allen Ernstes“ – Annamateur imitiert den bornierten Tonfall eines sächsischen Lehrkörpers – „Ihr Sohn ist motorisch unterentwickelt: Kennen Sie malen nach Zahlen?“ Annamateur schnaubt und erzählt weitere groteske Episoden.

Die Stichworte sind bekannt: die gern gestellte Diagnose „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“, kurz: ADS, samt der ihrer Ansicht nach viel zu häufig eingesetzten Schülerdroge Ritalin. Diesem ihr verhassten Zeug ist im Programm denn auch der plakativste Wut-Song gewidmet. „Dieses langweilige protokollierende Stasi-Deutsch, dieses Arbeiten mit Separieren und Beschämen – das ist die alte DDR-Erziehung.“ Die stecke immer noch in einigen Köpfen.

Gut, dass das eine Frau sagt, die samt ihrer Sperrigkeit mehrfach zur Dresdnerin des Jahres gekürt wurde. Trotz ihrer im strengen Lehrerduktus vorgetragenen Gaga-Refrains wie „In diesem Bild sind keine Fehler versteckt. Finde sie und kreise sie ein. Arbeite sauber" hat Anna Maria Scholz nämlich nichts gegen Pädagogen. Schließlich ist die studierte Jazzsängerin und ausgebildete Flötistin als glückliche Tochter eines Musiklehrerpaars aufgewachsen, das allen vier Kindern mehrere Instrumente beigebracht hat.

Hat Annamateur nicht geschadet. Denn obwohl sie seit Gründung ihrer Formation Außensaiter 2005 vom Deutschen Kleinkunstpreis bis zum Salzburger Stier alle Trophäen der Spaßsparte abgeräumt hat, ist sie doch viel mehr eine Musikerin als eine notorisch lustige Dicke geworden. „Die wollen die Leute, aber lustig sein steht nicht auf meiner Setliste“, sagt sie. Komisch sein, das schon. Und eben Sängerin sein, das vor allem.

Und was für eine. Ein bisschen wie die junge Nina Hagen, aber bluesiger, chansonesker, anders. Vergleicheritis hilft da nicht recht weiter. Annamateur zeichnet. Sie liebt philosophische Comics. Sie schreibt nicht nur ihre Liedtexte, sondern auch eine Radiokolumne für den MDR und hat diverse Theaterprojekte sowie zahlreiche Touren in der Schweiz und Österreich gemacht. Ob sie nie weg will aus ihrer Geburtsstadt? „Doch, ich könnte mir schon vorstellen, mal nach Leipzig zu ziehen“, grinst sie. Aber in Dresden stimmt für sie alles. So viel Ordnung wie nötig, so viel Chaos wie möglich. „Ich wohne mit ein paar Leuten in einem Haus, die noch Punk haben, wo viel Gehirnfasching ist.“ Was war das noch mal? „Meine Frisur, die ist symbolisches Hirnfasching.“ Stimmt, die Tricks, mit denen sie toupiert wird, sind nicht so einfach nachvollziehbar. Gunda Bartels

Bar jeder Vernunft, Schaperstr. 24, Premiere am 6. Juni, weitere Vorstellungen: 7. – 9., 19./20., 29./30. Juni, Mo.-Sa. 20 Uhr, So. 19 Uhr

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