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  • 09.05.2012
  • von Christiane Peitz

Der Regenmacher

von Christiane Peitz

Wunder aus Lehm. Die Moscheen von Timbuktu sind architektonische Kostbarkeiten. Eine ähnliche Weltkulturerbestätte, das Grabmal des Heiligen Sidi Mahmoud, wurde bei den Bürgerkriegsunruhen in Mali nun schwer beschädigt. Foto: AFP

Weltkulturerbe in Gefahr: Die Tuareg-Rebellen haben in Timbuktu ein Heiligen-Grabmal zerstört

Steine sind rar in der Sahara. In der malischen Wüstenstadt und Handelsmetropole Timbuktu wird seit jeher mit Lehm gebaut: Häuser, Moscheen, Mausoleen. 333 Heiligengräber und Friedhöfe beherbergt die Stadt, die im 15. und 16. Jahrhundert ihre Blütezeit als Zentrum des religiösen und intellektuellen Geisteslebens in Afrika erlebte, mit über 150 Koranschulen, Medresen, Universitäten und bis zu 25 000 Studenten. 16 Mausoleen sind seit 1988 als Weltkulturerbe klassifiziert, neben drei großen, teils aus dem 13. Jahrhundert stammenden Moscheen und einer wertvollen Handschriftensammlung.

Bereits im April hatte Unesco-Generalsekretärin Irina Bokova an die Tuareg-Rebellen in Mali appelliert, die „Wunder der Lehmarchitektur“ nicht zu zerstören, diese bedeutenden Zeugnisse der sogenannten Songhai-Epoche, des goldenen islamischen und wirtschaftlichen Zeitalters Timbuktus. Eine vergebliche Mahnung: Das Mausoleum des heiligen Gelehrten Sidi Mahmoud Ben Amar, eine muslimische Pilgerstätte, wurde am vergangenen Wochenende offenbar schwer beschädigt. Nach Augenzeugenberichten brannten hölzerne Türen, Fenster und Gitter, auch Einrichtungsgegenstände wie Vorhangstoffe gingen in Flammen auf.

Sidi Mahmoud lebte von 1463 oder 1464 bis 1548, er hatte zahlreiche Schüler in der Karawanenstadt am Niger. Die Einheimischen verehren ihn unter anderem als Regenmacher, um ihn ranken sich zahlreiche Legenden. Bereits am Freitag waren Gläubige auf dem Weg zum Grabmal von bewaffneten Mitgliedern der Al-Qaida-nahen Islamistengruppe Ansar Dine gestoppt und am Beten gehindert worden. Ein frommer Moslem bete direkt zu Allah, nicht zu den Heiligen, sollen sie gesagt haben. In den Augen der Sufis sind Grabmäler Heiligtümer. Für etliche Islamisten gilt deren Anbetung hingegen als Götzendienst, weshalb es in letzter Zeit öfter zu Grabschändungen kam, etwa in Libyen vonseiten der Salafisten.

Irina Bokova fürchtet, dass die Lage in Mali sich verschlechtert hat. Noch ist das Ausmaß des Schadens nicht vergleichbar mit der Zerstörung der Buddhastatuen von Bamiyan aus dem 6. Jahrhundert durch die Taliban 2001. Erneut forderte Bokova alle Bürgerkriegsparteien auf, für den sofortigen Schutz der Kulturschätze zu sorgen: „Weltkulturerbe ist Allgemeinbesitz; seine Beschädigung ist durch nichts zu rechtfertigen.“ Malis Regierung verurteilte den Anschlag „im Namen des Islam, einer Religion der Toleranz und des Respekts vor der Menschenwürde“, und auch die Bundesregierung protestierte. Cornelia Pieper, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, appellierte an die Verantwortlichen, „mit diesen barbarischen Akten der Zerstörung aufzuhören und das kulturelle Erbe Afrikas zu respektieren“.

Das Mausoleum wurde wie die übrigen Kulturerbestätten Timbuktus im sogenannten sudanesischen Stil errichtet: Es handelt sich um mit Lehm verkleidete Holzkonstruktionen oder Ziegelbauten samt sich nach oben verjüngenden Türmen. Wegen des fragilen Materials mussten sie im Lauf der Jahrhunderte immer wieder ausgebessert oder rekonstruiert werden. Die Fenster sind oft im filigranen andalusischen Stil gestaltet, die Türen mit Eisenbeschlägen verziert. Berühmtestes Beispiel ist die Große Moschee von Djenné, ebenfalls Weltkulturerbe, die als größtes Lehmbauwerk der Welt gilt.

Bei den Vorfällen in Timbuktu handelt es sich um die erste Zerstörung einer Kulturerbestätte in Mali. Ob mittlerweile auch eine der wertvollen Moscheen durch die Unruhen in Mitleidenschaft gezogen ist, war gestern nicht zu erfahren. Am 8. Mai gedenkt Frankreich des Siegs über Nazi-Deutschland, wegen des Feiertags hatte die World-Heritage-Zentrale in Paris geschlossen. Christiane Peitz

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