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  • 23.07.2011
  • von Christina Tilmann

Die Farben des Fleisches

von Christina Tilmann

Der Körper ist ein schrecklich’ Ding. Freud in seinem Atelier, undatiert. Foto: dpa/Centre Pompidou

Den Verfall mit Zärtlichkeit betrachten: zum Tod des großen Realisten Lucian Freud

Malt, als ob es euer letztes Bild ist, hat Lucian Freud seinen Studenten geraten. Die Aufgabe, die er vor mehr als vierzig Jahren einem Sommerkurs an der Norwich School of Art stellte, war ein Selbstporträt. Die Studenten sollten es im Wissen malen, bald zu sterben. Keines, das nur ein Schritt auf dem Weg, ein Versuch unter vielen ist. Sondern das endgültige: das enthüllendste, aussagekräftigste, glaubhafteste. Seid so schamlos, wie ihr könnt. Das war seine Aufgabe.

Es war auch die Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte. Gerade in den letzten Jahren, als er schon mit dem Nachlassen seiner physischen Kraft kämpfte, hat er immer wieder Selbstporträts gemalt, nackte Selbstporträts, der alternde Mann in groben Malerschuhen, mit müdem, hängenden Fleisch, ein dürrer, bleich gewordener Körper, ein schwarzer, bodenloser Blick. Letzte Bilder, gnadenlos existenziell. Aber schamlos? Nein.

„Yes, the body is a hideous thing, der Körper ist ein schrecklich Ding“ hat John Updike 2006 in einem Gedicht für Lucian Freud geschrieben, „die Füße und Genitalien vor allem, das menschliche Gesicht ist nicht viel besser.“ Gesichter sind auch nur Körperteile, hat Lucian Freud gesagt, und damit begründet, warum seine Bilder den ganzen Körper so detailliert porträtieren wie andere nur Gesichter und darin Intimität und Nähe finden, nicht im Blick, aus dem man gewöhnlich den Charakter liest, sondern in den Falten und Polstern, der Weichheit des Fleisches, der Anspannung der Muskeln, in den Genitalien, die er ins Zentrum rückt, stolze Zeichen von Kraft und Männlichkeit, oder den schwellenden Brüsten der Schwangeren. „Flesh drags us down“, schreibt Updike, Fleisch zieht uns hinab. Lucian Freud hat es glorifiziert.

Maler des Fleisches und der Schamlosigkeit, diesen Ruf hat der Maler weg, seit er Mitte der Siebziger begann, mit fettem Pinsel kräftig aufzutragen, seit er sich Modelle suchte, die dem Schönheitsideal widersprachen – den Australier Leigh Bowery, Performancekünstler und bekannteste Drag Queen Londons, der mit seiner massigen Präsenz die Leinwand zum Bersten bringt, oder, noch extremer, die Finanzbeamtin Sue Tilley, deren grotesk voluminöse Figur Freud mit leuchtender Fleischfarbe zeigt, fein differenzierter Kolorierung, mit zart schimmernden bläulichen Adern und einem virtuosen Spiel von Licht und Schatten. Wer darin bloßen Effekt und Oberflächlichkeit sieht, verkennt die Intimität, die Freud in langen Sitzungen mit seinen Modellen aufbaut, als ob er in ein nie mehr endendes Zwiegespräch mit jedem Muskel, jeder Körperpartie träte.

Esther Freud, die britische Schriftstellerin und Tochter von Lucian Freud, hat in ihrem Roman „Gaglow“ eine Szene zwischen Maler und Tochter geschildert, die Tochter ist schwanger, der Vater porträtiert sie als Akt, die Tochter spottet über das Ergebnis, sie wirke wie eine Kanalschwimmerin mit „gargantuesken Brüsten“ und fragt sich: „Musste er die dicke blaue Vene an der Schulter auch noch vergrößern, vollkommen unnötig“? Der Roman ist verdeckt autobiografisch, forscht den Spuren der Familie in Deutschland, in Berlin und auf dem Sommergut Gaglow bei Cottbus nach, eine zärtliche, durchaus auch kritische Hommage. Unkompliziert war das Verhältnis zwischen Vater und Töchtern wohl nie.

Lucian Freud hat immer wieder seine Familienangehörigen gemalt, seine Ehefrauen und Geliebten, seine Kinder, seine Enkel. Er hat sie nackt gemalt, als Babys, als Pubertierende und Schwangere, er hat seine 90-jährige Mutter am Tag vor ihrem Tod gemalt. Malen, das war seine Form der Nähe – oder eher der Bequemlichkeit, weil die Familie zur Verfügung stand und so unverstellt posierte? Niemals, sagt Freud, hätte er mit Modellen zusammengearbeitet, die sich Professionalität wie eine zweite Haut um den Körper gelegt hatten. Beim Posieren als Aktmodell, sagt die Tochter Bella, habe sie sich dem Vater so nah gefühlt wie niemals sonst. Lucian Freuds erstes Wort sei „allein“ gewesen, hat seine Mutter gesagt, und sicher spielt die Kindheitserfahrung des Exils und der Fremdheit hinein in die Hartnäckigkeit, mit der der Enkel Sigmund Freuds die immergleichen Themen in seinen Bildern evoziert.

Es war ein weiter Weg vom gut situierten Architektenhaushalt im Berlin-Tiergarten in die Londoner Vororte von Paddington und Holland Park, deren vermüllte Hinterhöfe, Dachkammern und Blicke über Garagen Lucian Freud vom Atelier aus malte. 1933 verließ die Familie Berlin, Lucian war gerade zehn Jahre alt. Der berühmte Großvater, erinnert er, sei lustig mit ihm gewesen, habe ihn mit seinem klappernden Gebiss erschreckt und ihm früh Breughel-Stiche geschenkt. Doch die Kindheit in diversen britischen Schulen war eher unglücklich, Lucian blieb ein Außenseiter, nicht nur, weil er die Sprache nicht beherrschte.

Er rettete sich in Clownerien und Provokationen, flog von der Schule, lernte ungern. Erst auf der Kunstschule des unkonventionellen Cedric Morris in East Anglia, mit 17, fand er zu sich. Die frühen Bilder werden gemeinhin mit der Neuen Sachlichkeit in Verbindung gebracht, die der zehnjährige Lucian in Berlin kaum wahrgenommen haben wird. Kühle, hyperrealistische Bilder, dünner Farbauftrag, Porträts, die die Porträtierten geradezu sezieren: die erste Ehefrau Kitty Epstein, die posiert, als sei sie erstarrt, mit verschreckt aufgerissenen Augen, die Hände krampfen sich um eine Rose. Wärmer wird die Farbpalette, als er Anfang der Siebziger beginnt, die Mutter zu porträtieren, die nach dem Tod des Vaters den Lebenssinn verloren hat, Lucian benutzt sie als Modell, um sie zu beschäftigen, es entstehen hinreißend zärtliche Bilder des Verfalls, schon hier die Körperdetails, der aufmerksame Blick, der Krankheit, Alter, Müdigkeit, Schwäche registriert, aber nicht entlarvt.

Lucian Freud, enfant terrible, Frauenheld, der Alkohol und Pferdewetten schätzt und über dessen uneheliche Kinder und Affären ganz London genüsslich tuschelte, ist in seinen Bildern ein großer Humanist.

Dass er ein leidenschaftlicher Realist war, der letzte möglicherweise, hat ihm in Großbritannien den Erfolg leichter gemacht als im Ausland. Erst 1988 reiste seine erste Retrospektive nach Washington, Paris und Berlin. In Frankreich und den USA wird er bis heute kritisch gesehen, als unzeitgemäßer Handwerker, ganz im Gegensatz zu seinem Freund Francis Bacon, der längst im Olymp des 20. Jahrhunderts aufgenommen ist. In Großbritannien, wo Realismus Nationaltugend ist, schätzt man seine kernig-kraftvolle Malerei, lassen sich Kollegen wie David Hockney ebenso gern von ihm porträtieren wie Camillas Ex-Mann Andrew Parker Bowles. Dass Freud 2001 die Queen porträtierte, in einem eigenwillig strengen, verkniffenen kleinen Bild, und dass sie dieses Bild zwar nicht mochte, aber in ihrer Gallery aufhängen ließ, war seine persönliche Adelung.

Der Erfolg auf dem Kunstmarkt kam erst spät, dann aber massiv: Freuds Arbeiten spielen zunehmend Rekorde ein – Sue Tilleys Porträt „Benefits Supervisor Sleeping“ ging 2008 für 33 Millionen Dollar an den russischen Magnaten Roman Abramowitsch. Auf der diesjährigen Kunstmesse in Maastricht konnte es eine kleinformatige Zeichnung der Mutter locker mit den Altmeistern aufnehmen.

In seinem Atelier hinterlässt Lucian Freud, der trotz Krankheit immer weiterarbeitete, noch einige unvollendete Bilder. So habe er es immer gehalten, sagt der britische Kurator und Kunstkritiker William Feaver, immer einige Bilder vorhalten, „für den Fall, dass man vom Ast fällt“. Am Mittwochabend ist Lucian Freud im Alter von 88 Jahren in seinem Londoner Haus gestorben.

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