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  • 09.07.2008
  • von Jens Hinrichsen

 KURZ  &  KRITISCH 

von Jens Hinrichsen

KUNST

Auf Gips

gebaut

Geballte Fäuste, gereckte Speere; ein in Ewigkeit eingefrorener Diskus-Wurf, Kaiser Augustus als Ganzfigur und lauter berühmte Köpfe – Homer, Cicero und Cäsar: Das nonchalante „Durcheinander“ in Gips schlägt einen Bogen von der Kykladenkultur bis Byzanz. Es gehört zu den schönsten Museen Berlins – und will eigentlich überhaupt keins sein. Indes öffnet sich die Abguss-Sammlung Antiker Plastik der Freien Universität doch zum Showroom mit sieben Meter hoher Decke inklusive dem Glanzstück der beständig wachsenden Sammlung, dem „Farnesischen Stier“. Im 20. Jahr des Hauses vis-à-vis vom einstigen Ägyptischen Museum werden zum Jubiläum zwölf Neuerwerbungen präsentiert (Schlossstr. 69b, bis 27. 7., Do-So 14-17 Uhr, Katalog 4 €).

Wechselhaft ist die (eigentlich 300-jährige) Geschichte der Abguss-Sammlung, die sich immer auch als Bastion gegen den Original-Kult des Museums-Establishments verstanden hat. Nach der Wiedergründung 1978 und Sonderschauen in Dahlem, Siemensstadt und im KaDeWe (!) dauerte es noch zehn Jahre, bis das neue Haus im Dezember 1988 eröffnette. Weil die Sammlung den Studenten „gehört“, wurde die aktuelle Präsentation einmal mehr mit angehenden Altertumswissenschaftlern erarbeitet. Im Mittelgang, mit weinroten Stoffbahnen von der Schar früherer Erwerbungen abgesetzt, lassen sich etwa zwei erotische Gruppen römischer Provenienz bestaunen: Ein Satyr ringt mit einer Mänade, ein anderer wird von einem Hermaphroditen abgewiesen. In einem pausbäckigen Knabenkopf vermuten die Experten Gott Eros selbst. Die Liebe zur Antike – so viel wird klar – bedarf keiner Originale. Jens Hinrichsen

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