• 29.05.2010

Delhi My life

Er wuchs in einem Dorf auf, mit einem Elefanten. Dann zog der Autor Uday Prakash nach Delhi. Hier erzählt er, wie die rasche Veränderung dieser Stadt ihn immer wieder zum Staunen bringt

In Bombay macht man Witze über das Leben in der Großstadt. Über die drängende Wohnungsnot zum Beispiel: Ein Mann lebt in einer Wassermelone. Eines Tages kommt ein Dschinn und sagt zu dem Mann, er habe einen Wunsch frei. Der Mann: „Ich hätte gerne eine Wohnung.“ Der Dschinn: „Wozu willst du denn eine Wohnung? Wo du doch eine ganze Wassermelone für dich hast!“

Uns Bewohnern von Delhi ist nicht nach Witzen zumute. Die Stadt bereitet uns Albträume. Wenn ich von meinem Haus in Vaishali zweieinhalb Kilometer nach Norden fahre, bin ich in Nethari. Dort hat ein reicher Mann gemeinsam mit seinem Diener Straßenkinder auf sein Anwesen gelockt, missbraucht und dann ihr Fleisch gebraten. Die Skelette der Kinder haben die Kanalisation verstopft, so wurden die beiden ausfindig gemacht. Wenn ich ein Stück nach Süden fahre, komme ich zu einem Krankenhaus, in dem ein Arzt arbeitete, der für seine Großherzigkeit bekannt war. Er holte Leute aus Nigeria nach Delhi und sagte: Ich behandle euch gratis, auch die Armen. Nach der Operation hatten diese Menschen dann eine Niere weniger. Der Arzt hatte sie ihnen entnommen und für Transplantationen an Leute aus dem Westen verkauft.

Ich kam 1975 nach Delhi, aus dem Distrikt Shadol. Ich hatte eine unglückliche Liebesgeschichte hinter mir, wie es sie nur in Indien geben kann, dem Land der Kasten. Während meines Postgraduate-Studiums in Hindi-Literatur hatte ich mich in eine Studentin verliebt, die einer höheren Kaste angehörte als ich. Sie war Brahmanin, ich Kshatria. In Indien stellt man sich das Kastensystem wie einen Körper vor. Der Kopf sind die Brahmanen, die oberste Kaste, dann geht es bis hinunter zu den Füßen. Meine Kaste ist bei den Armen angesiedelt.

Am Anfang ging es noch. Ein Universitätscampus ist eine geschützte Welt. Es gibt Plätze, wo man sich treffen kann, den Klassenraum, die Bibliothek, wo wir hinter den Regalen miteinander redeten. Oft waren wir auch auf dem Sportplatz, dort, wo die Geräte aufbewahrt waren. Wenn man verliebt ist, findet man immer seinen Platz. Aber als wir dann mehr Zeit miteinander verbringen wollten, kamen die Probleme, weil die Familien einbezogen werden mussten.

In ihrer Familie waren viele Ärzte und hohe Beamte, und zwar die korruptesten von allen. Ich wurde beschimpft und bedroht. Das Mädchen selbst hätte mich geheiratet, auch ihre Mutter und ihre Schwester mochten mich. Die Frauen verstanden mich, weil sie selbst arm dran waren. Als Frauen in dieser hohen Kaste von Patriarchen durften sie nichts und führten in gewisser Weise das Leben von Unterdrückten. Diese Erfahrung hat mich extrem wütend und traurig gemacht, und ich habe bis heute eine starke Abneigung gegen das Kastensystem.

Man könnte denken, dass sich mehr als 60 Jahre nach der Unabhängigkeit Indiens die Unterschiede zwischen den Kasten und Klassen allmählich auflösen. Doch seit die Globalisierung Indien erreicht hat, haben die Leute Angst, dass ihre Identität verloren geht, also besinnen sie sich erst recht auf ihre Mikroidentität. Es gibt Gegenden, da wird ein Mädchen, wenn es einen Mann aus einer anderen Kaste heiraten will, aufgehängt.

2001 habe ich meine Liebesgeschichte in einem Roman verarbeitet, „Das Mädchen mit dem gelben Schirm“. Was wurde ich angefeindet! Weil ich es gewagt hatte, kritisch über das Kastenwesen zu schreiben. Auf Hindi, als einer der Ihren. Ich bekam Morddrohungen, in den Medien wurden die wüstesten Dinge über mich behauptet. Aber das Buch setzte sich durch und wurde sehr erfolgreich. Das lief über Mundpropaganda oder an den Universitäten, wo die jungen Leute sich den Roman per SMS empfahlen. Inzwischen wurde es auch in zahlreiche andere indische Sprachen übersetzt. Deswegen fühle ich auch ein wenig Optimismus. Heute hätte meine Liebe vielleicht eine Aussicht auf Erfolg. Weil immer mehr junge Leute gut ausgebildet sind, Jobs haben und ihre Familien verlassen können. Weil sie es sich leisten können, in Städten wie Delhi zu leben, weit weg von zu Hause.

Dafür liebe ich Delhi: Man ist hier so herrlich anonym, jeder kann sein Ding machen, ohne dass es jemanden kümmert. Würde ich mir ein Handtuch um den Kopf wickeln und durch die Straßen laufen, würden die Leute mich nicht einmal beachten. In Delhi habe ich immer das Gefühl, dass man mich leben lässt.

Andererseits verändert sich alles so rasend schnell, als ob mir der Boden unter den Füßen weggezogen würde. 13 Jahre lang habe ich im Stadtteil Rohini gewohnt, eine angenehme Gegend, nicht teuer, ich hätte mir hier sogar ein Häuschen leisten können. In der Nähe war der Slum Razapur mit tausenden armen Leuten. Innerhalb von drei Jahren hat man alles niedergewalzt, die Leute verjagt, Shopping Malls gebaut und eine Metrostation. Es wurde laut und voll, überall Verkehr.

Ich bin dann vor fünf Jahren nach Vaishali gezogen, in eine große Wohnung mit Dachterrasse, wo ich meine 253 Pflanzen und ein Wasserspiel mit buntem Licht habe. Vor fünf Jahren gab es hier gerade mal zwei Einkaufszentren. Heute sind es 14, und fünf werden gerade gebaut, dazu fünf Luxushotels. Letztens war ich für zwei Monate im Ausland. Bevor ich wegfuhr, ging ich jeden Morgen in einem Park spazieren, voller üppiger grüner Bäume. Als ich nach Delhi zurückkam, war da kein Baum mehr, dafür eine riesige Tankstelle.

Leuten, die nach Delhi kommen, fällt immer auf, wie rüde Delhi ist. Alle paar Jahre ist die große Unfreundlichkeit dem Magazin „Outlook India“ eine Coverstory wert. Das liegt daran, dass in Delhi viele Leute aus den Nachbarbundesstaaten, Punjab oder Haryana, leben, die hier als Busfahrer oder Putzkräfte arbeiten. Allein ihre Sprache wirkt, als würden sie ständig jemanden anbrüllen. Im Hindi oder Urdu gibt es extrem viele Höflichkeitsfloskeln, in Punjab sagen sie nur: Du, Boy. Einmal wollte mir jemand helfen und fasste mich dabei so fest am Hals, als wollte er mich würgen. In Delhi ist das so: Selbst wenn sie dich lieben, schlagen sie dich. Aber wenn man sie näher kennenlernt, dann sind sie unter der rauen Schale ganz weich.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich das erste Mal in Delhi aus dem Zug stieg. Ich komme aus einem winzigen Dorf in Zentralindien. Das Dorf bestand aus 15 Lehmhütten und war durch einen Fluss von der Umgebung abgeschnitten. Es gab keine Brücke, und immer wenn Monsun war, musste ich zur Schule schwimmen. In unserem Haus gab es einen Elefanten, die modernste Technologie war ein Fahrrad. Und dann diese Millionenstadt. Fünf Millionen Einwohner waren es damals, heute sind es 13 Millionen. Überall waren Autos, und die Frauen im Bus trugen ärmellose Gewänder. Dort, wo ich aufgewachsen war, hatten die Frauen Tonnen an Stoff am Leib. Der Körper war ein Mysterium, über das man fantasieren musste. In Delhi gab es plötzlich kein Geheimnis mehr, ich war umgeben von Körpern. Ich fühlte mich wie ein Alien.

Ich hatte das Hirn eines Wissenschaftlers, aber die Lebensgewohnheiten eines Hinterwäldlers. Ich wusste alles, was in Büchern steht, aber nicht wie man Pizza isst. Englisch, das alle sprachen, konnte ich zwar lesen und schreiben, aber noch nicht sprechen. Ich fühlte mich allen unterlegen und war vor allem in der Bibliothek. Erst das Schreiben hat mich gerettet. Wenn ich etwas vortrug, wurde mir applaudiert, obwohl ich nicht wusste, wie man Messer und Gabel hält.

Zehn Jahre lang war ich Journalist bei der englischsprachigen „Times of India“ in Delhi. Ich wollte aufklären und informieren. Einmal starb ein Schulfreund von mir, der einer niedrigeren Kaste angehörte und sich mangels anderer Chancen als Wachmann und Bauer durchschlagen musste. Bei der Beerdigung hörte ich folgende Geschichte: Seine zwei Kinder waren an Malaria gestorben, weil sie keine Medikamente bekamen, ebenso seine Frau. Also hatte er eine Art Manie entwickelt, dass alles, was in kleinen Fläschchen ist, Leben schenken kann. Wenn bei uns Leute sterben und verbrannt werden, dann lassen die Angehörigen beim Krematorium die letzte Medizin stehen. Dort ging er hin und trank alles aus, was er finden konnte. Daran ist er gestorben. Die Benachteiligung in Indien ist so groß, dass sie solche Ironien hervor bringt. Wenn ich in Delhi auf dem Bahnhof stehe, sehe ich unzählige Leute auf die Schienen kacken, weil sie keine sanitären Einrichtungen zu Hause haben. Aber jeder Dritte von ihnen telefoniert mit dem Handy.

Wenn ich in Delhi aus meinem Fenster schaue, sehe ich inmitten all der Neubauten eine rechteckige Brache. Männer, Frauen, Alte und Kinder leben hier, sie leben in Verschlägen und heizen mit Kuhdung. Es gibt ein paar Eisenschmiede, Einwanderer aus Rajasthan, aber die meisten sind bettelarme Arbeiter, die für einen Hungerlohn das neue Indien erbauen. Die Bürotürme, die so schnell aus dem Boden schießen, als wollten sie es mit Manhattan aufnehmen. Die Callcenter in Stadtteilen wie Gurgaon und Noida, die gerne das nächste Silicon Valley wären. Die Brache neben meinem Haus wird es höchstens noch ein Jahr geben. Dann rücken auch hier die Bulldozer an. Die Vorboten sehe ich schon am Horizont: drei Shoppingcenter und ein weiteres Fünfsternehotel. In solchen Momenten will ich am liebsten weg aus Delhi. Um mich wie ein Individuum zu fühlen und nicht wie ein Stück Biomasse.

Ich gehe oft in die Dergah von Hazrat Nizamuddin Auliya, das ist eine Art Konvent. Hazrat Nizamuddin war ein Sufi-Heiliger und wird in Indien sehr verehrt. Hier ist es immer sehr voll, lauter Leute, die keinerlei Einfluss in dieser Stadt haben und dem Heiligen ihre Wünsche und Sorgen vortragen. Einen Steinwurf entfernt ist das Grab des ersten Hindi-Dichters, Amir Khusrow. Jeden Abend kommen Musiker hierher, arme Leute, sie singen und tragen seine Werke vor. Ich fühle mich diesen Leuten zugehörig, weil sie keine andere Macht haben als die Macht ihrer Gebete.

Als Schriftsteller könnte ich in Bombay wahrscheinlich besser überleben, da gibt es die Filmindustrie, da sind immer Drehbücher zu schreiben. Delhi ist die Stadt der Politik, da muss man Verbindungen haben. Und ich bin ein Einzelkämpfer, das kann ganz schön hart sein. Ungefähr so hart, wie in Delhi Auto zu fahren. Alles ist verstopft, man kann nicht parken, und trotzdem wollen alle zwei, drei Autos besitzen. Die längste Zeit gab es ja kaum öffentliche Verkehrsmittel in Delhi, die Metro ist etwas ganz Neues. Also hat man Busse eingesetzt. Aber wir in Indien haben ein korruptes System, die Verträge gingen unter der Hand an private Firmen, und plötzlich hatten wir mehr Busse, als die Straßen aushielten. Und bei drei privaten Busfirmen, die mit vier Minuten Unterschied alle auf derselben Straße fahren, ist der Konkurrenzdruck so groß, dass der Bus, der fünf Minuten später fährt, den vorderen überholt, damit er schneller an der Haltestelle ist. Die schauen auf keine Ampel, das ist das absolute Chaos, 100 Verkehrstote gab es in zwei Monaten.

Als es mit der Wirtschaftskrise losging, dachten wir, es gäbe ein Umdenken. Indien war ja von ökonomischen Einbrüchen nie so stark betroffen, denn der öffentliche Sektor ist sehr stark und stabil, dank der Politik von Pandit Nehru und Indira Gandhi, die enorm viel Geld da hineinsteckten, auch wenn es Inflation gab und alles sehr teuer war. Doch jetzt sehe ich wieder dieselbe Politik wie zu Hochzeiten der Globalisierung. Das, was man in einem Film wie „Slumdog Millionär“ sieht: dass man in der Lotterie gewinnen will, dass der eine reich wird ohne Arbeit, ohne Leistung, nur mit Zocken, während der Rest arm bleiben muss.

Aber an manchen Stellen sind doch wieder alle Unterschiede aufgehoben. Cricket zum Beispiel vereint die Leute. Wer ein Indien ohne Kastenunterschiede sehen will, muss ins Cricketstadion. Oder nehmen wir die Konsumgüter. Pepsi etwa, das ich total scheußlich finde. Aber das trinkt der Kommunist genauso wie der Hindu-Nationalist. Vielleicht finden die kleinen menschlichen Identitäten irgendwann auch eine Form menschlicher Kultur. Dass alle ihr Essen, ihre Kleidung, ihre Musik bewahren und das Restriktive und Abgrenzende daran vergessen. Das wäre ein wunderbarer Tag.

Aufgezeichnet von Verena Mayer. Von Uday Prakash erschienen zuletzt „Doktor Wakarkar: Aus dem Leben eines aufrechten Hindus“ und „Das Mädchen mit dem gelben Schirm“ (beide Draupadi Verlag).

  • Erschienen am 29.05.2010 auf Seite 31

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