Jordi Savalls Auftritt bei der Biennale Alte Musik
Die Erwartungen waren natürlich groß. Und weniger hat einen überrascht, wie spielend leicht Jordi Savall sie sogar noch zu übertreffen wusste. Was einen sprachlos machte, was einen einfach nur staunen ließ während seines Solokonzerts am Dienstag im kleinen Saal des Konzerthauses Berlin, war dieser klangliche Reichtum, diese gestalterische Vielfalt, diese so klare, so schöne, so überzeugende Musik, die der Meister aus Spanien dort gut anderthalb Stunden auf den sieben Saiten seiner Gambe zelebrierte.
Es war keine unbekannte, gerade erst in einem Archiv entdeckte und entstaubte Literatur, die Jordi Savall bei seinem gefeierten Auftritt im Rahmen der V. Biennale Alter Musik präsentierte. „Les voix humaines“, nach dem bekannten Stück von Marin Marais, war sein Programm überschrieben. Die menschliche Stimme, die, wie der Gambist Jean Rousseau Ende des 17. Jahrhunderts erklärte, kein Instrument so trefflich nachzuahmen versteht wie die Viola da Gamba. Unter dem gleichen Titel hatte Savall 1998 ein Soloalbum veröffentlicht. Und so waren mit Carl Friedrich Abel und Johann Sebastian Bach, De Machy und Tobias Hume, de Sainte Colombe und dessen Sohn Komponisten mit ihren Werken zu hören, die Savall auch schon auf diesem Album eingespielt hatte und die mittlerweile zum Standardrepertoire für die Gambe zählen. Aber wie Savall sie auf seinem Instrument von Barak Norman aus dem Jahr 1697 interpretierte, war es, als würde man diese zum ersten Mal richtig und wahrhaftig hören.
Ob das eröffnende Prélude d-Moll von Abel, fast zart und wie zerbrechlich, eine perfekt-sanfte Einführung in die faszinierende Welt der Gambenmusik. Oder Savalls Adaption von Bachs Allemande aus der Suite Nr. 5 für Violoncello, der eine packende und kraftstrotzende Aria Burlesca in d-Moll von Johannes Schenck folgte. Ob die beiden de Sainte Colombes mit „Fantaisie en Rondeau“ in g Moll vom Sohn und „Les Pleurs“ aus der „Tombeau Les Regrets“ vom Vater, dem Bachs Bourrée aus der Suite Nr. 4 für Violoncello folgte. Nur Pizzicato gespielt, ein zauberhaftes und so facettenreiches Meisterwerk unter den Händen von Savall. Ob Marin Marais „Les voix humaines“ oder zwei seiner Musetten; ob „A Souldiers March“, „Harke, harke“ oder „A Souldiers Resolution“ vom so genialen wie verrückten Tobias Hume, bei denen Jordi Savall das Kolophonium von seinem Bogen stauben ließ wie den Kanonenrauch auf den musikalisch beschriebenen Schlachtfeldern. Mit jedem Stück zeichnete Savall ein regelrechtes Panoramagemälde, schuf Charakterporträts der jeweiligen Komponisten und zeigte, wie viel auf nur sieben Saiten möglich ist.
Was nach diesem Konzert bleibt, neben dem Staunen und der eigenen Sprachlosigkeit, ist tiefe Dankbarkeit gegenüber dem Künstler Jordi Savall, der sich seit vier Jahrzehnten der Forschung, dem Studium und der tiefen Interpretation Alter Musik verschrieben hat und der es wie kaum ein anderer versteht, mit der wohlklingenden Stimme der Gambe nicht einfach nur das Herz der Zuhörer, sondern auch den Verstand zu öffnen. Mit seinem Auftritt hat Savall gezeigt, was die seltene Gabe wahrer musikalischer Meisterschaft auszeichnet: Eine Tür zu öffnen, und sei es nur für einen kurzen Moment, um einen ahnen zu lassen, wie groß und tief, wie erhaben, überwältigend und unendlich schön Musik wirklich sein kann. Dirk Becker
Die Biennale Alte Musik läuft noch bis einschließlich Sonntag, dem 18. April. Informationen zum Programm unter:
www.zeitfenster.net
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