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  • 12.08.2018
  • von Gerrit Bartels

"Soloalbum" von Benjamin von Stuckrad-Barre: Immer noch vielleicht

von Gerrit Bartels

Benjamin von Stuckrad-Barre 2016 bei einer Lesung in Hamburg Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Vor zwanzig Jahren erschien Benjamin v. Stuckrad-Barres Pop-Roman "Soloalbum". Nun erscheint er noch einmal in einer gebundenen Jubiläumsausgabe.

Abzusehen ist nur schwer, wie es eigentlich mit der Autorenlaufbahn von Benjamin von Stuckrad-Barre weitergeht, zwei Jahre nach seiner schönen Psychotherapie- und Lindenberg-Fibel „Panikherz“. Und das, obwohl laufend Stuckrad-Barre-Bücher erscheinen. Hier ein Bändchen mit zwei Geschichten, dort ein dritter „Remix“-Band mit einer Sammlung von Zeitungstexten über prominente Figuren aus den 90er Jahren. Und nun der definitive Klassiker-Ritterschlag: die 20-Jahre-Jubiläumsausgabe von „Soloalbum“, dem Debütroman von Stuckrad-Barre, der 1998 veröffentlicht wurde, sich inzwischen eine halbe Million Mal verkauft hat und seinerzeit vom „Spiegel“ mehrmals verrissen wurde, unter anderem von dem gleichaltrigen Kollegen Nicol Lubic: „Eine Geschichte, die durch Oberflächlichkeit und Nicht-Reflexion auffällt, eine statische Geschichte, ohne Handlung, in der Stuckrad-Barre seine Ideologie des Geschmacks ausbreitet.“

Benjamin von Stuckrad-Barre schreibt und schreibt, so scheint es, trotz eines irgendwie versiegenden Stoffreservoirs. Viel kunstvoller ist, wie der Verlag Kiepenheuer & Witsch in Siegfried-Unseld-Manier seinen Autor verlegt, ihn im Gespräch hält, ihm ermöglicht, Clubs auszuverkaufen und ähnlich wie die Toten Hosen oder Grönemeyer durch die deutschen Lande zu ziehen. Nach der „Remix“-Tour aus dem Frühjahr könnte jetzt eine „Soloalbum“-Tour folgen, ganz popgemäß, im Stil alter, nicht mehr ganz so frischer Meister. Seit Jahren spielen im Pop Altvordere ihre Album-Klassiker komplett live nach, von Sonic Youth, als sie noch existierten, schnief („Daydream Nation“), über Blumfeld („L’ État et moi“) bis aktuell zu den Zombies oder Byrds.

Ob das bei Stuckrad-Barre auch funktioniert? Sich der Sprung vom Paperback, als das „Soloalbum“ seinerzeit erschien, zur gebundenen Ausgabe in weißen Jeansleinen und mit Lesebändchen für den Verlag rentiert? (Als Kiepenheuer & Witsch Joachim Lottmanns Popliteraturklassiker „Mai, Juni, Juli“ neu auflegte, getraute sich der Verlag nicht an ein Hardcover.)

RTL 2 gutfinden - funktioniert das heute noch?

So ganz leicht und locker ist „Soloalbum“ nicht wiederzulesen. Das Staunen darüber, wie gut und was für ein Meisterwerk der Roman doch ist, hält sich in Grenzen. Auch weil er, so gehörte es sich schließlich, der Gegenwart der 90er Jahre verpflichtet ist und zum Beispiel das affirmative Gutf

inden des Privatfernsehens inzwischen arg seltsam rüberkommt: „Und RTL2 trasht auch immer noch, so gut es eben geht – diese halbseidenen Reportermagazine, die sind schon sehr lustig.“ Oder das Dooffinden von „Bryan Adams oder Melissa Etheridge, Pearl Jam oder den Stones (oder wie die alle heißen, die man so hasst)“.

Zumindest die Figur des ärgerlichen, naseweisen, unsicheren jungen Mannes (in dem man tragischerweise immer auch den gereiften Benjamin von Stuckrad-Barre aus „Panikherz“ zu erkennen meint), der hier verbal herumschlägert, hat selbst 20 Jahre später noch ihren Charme; auch der Sound, dieses atemlose, Oasis-Songtitel für Oasis-Songtitel (die die Kapitelüberschriften bilden) neu ansetzende, leicht unrund laufende Prosageknatter.

Trotzdem, gerade weil seinerzeit „Soloalbum“ oft neben Christian Krachts drei Jahre zuvor veröffentlichten Debütroman „Faserland“ gelegt wurde: „Faserland“ liest sich wirklich wie ein moderner Klassiker, ganz nowtro, ohne Patina. Wie der Roman eines Autors, von dem dann ja ein Romanwerk folgen sollte. „Soloalbum“ ist mehr eine Momentaufnahme. Die „Faserland“-Prosa ist im Vergleich feiner, klarer, vollkommener. Überdies hat Krachts Held eine Geschichte, eine Vergangenheit, schleppt Kindheitserinnerungen mit sich herum, und sein Leid wirkt qua Dezenz um einiges glaubwürdiger.

Benjamin von Stuckrad-Barre, um zum Pop zurückzukommen, ist eben kein Damon Albarn, der sich erfolgreich stets neu ausprobiert. Sondern er erinnert mehr an die Gallagher-Brüder Liam und Noel, die seit dem Oasis-Split so ihre Probleme haben, noch einmal so groß wie früher zu werden. Aber nächstes Jahr gibt es ja wieder ein Jubiläum, da ließe sich der 20. Geburtstag des „Soloalbum“-Nachfolgers „Livealbum“ feiern.

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