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  • 12.07.2018
  • von Janis El-Bira

Israelischer Film „Foxtrot“: Zwei vor, drei zurück

von Janis El-Bira

Der junge Soldat Jonathan (Yonaton Shiray) legt am Grenzübergang einen einsamen Foxtrott hin. Foto: NFP Verleih

Samuel Maoz' preisgekröntes Drama „Foxtrot“ zeichnet ein kritisches Bild der israelischen Armee und löst in der Heimat des Regisseurs eine Kontroverse aus.

Vor Beifall von der falschen Seite ist niemand gefeit. Dennoch blamierte sich die israelische Kulturministerin Miri Regev im vergangenen Februar einigermaßen, als sich Vertreter der Israel-Boykott-Bewegung BDS durch Regev unterstützt sahen. Die Ministerin hatte selbst gerade angekündigt, wofür der BDS in der Kritik steht: Sie drohte, das israelische Filmfestival in Paris zu boykottieren und das Außenministerium zum Stopp der Fördermittel anzuhalten, sollten die Veranstalter nicht davon abrücken, Samuel Maoz’ Film „Foxtrot“ zu zeigen.

Der Vorgang markierte den vorläufigen Höhepunkt einer unwürdigen Privatfehde, die Regev gegen einen Film führt, den sie nach eigenen Angaben zum damaligen Zeitpunkt noch nicht einmal gesehen hatte. „Foxtrot“ hatte zuvor schon in Venedig den Großen Preis der Jury und den Ophir Award, das israelische Oscar-Äquivalent, gewonnen. Doch für Miri Regev und Israels konservative Regierungskreise ist das kein Grund zur Freude. Was muss ein Regisseur tun, um so viel Zorn auf sich zu ziehen?

Wer „Foxtrot“ anschaut, stellt verwundert fest: eigentlich gar nicht viel. Im Mittelpunkt des zweiten Spielfilms von Samuel Maoz steht ein vermeintlich toter Soldat. Zwei Offiziere der Armee klingeln an der Haustür von Dafna (Sarah Adler) und Michael (Lior Ashkenazi) Feldman und teilen den Eltern mit, dass ihr 19-jähriger Sohn Jonathan im Dienst ums Leben gekommen sei. Mit Eiseskälte haken sie das Protokoll ab: Die Mutter erleidet einen Nervenzusammenbruch und wird wieder fitgespritzt, der vor Schmerz sprachlose Vater bekommt eine Telefonnummer, an die er sich rund um die Uhr wenden könne. Außerdem wird ihn sein Handy fortan stündlich daran erinnern, ein Glas Wasser zu trinken. Herzliches Beileid, angenehmen Tag noch.

Kollektive Albträume, gespiegelt in der Familie

Stunden später kehren die Soldaten zurück: Es liege eine Verwechslung vor, bei dem toten Soldaten handele es sich um einen anderen Jonathan Feldman, nicht ihren Sohn. Doch statt Erleichterung bricht sich in Vater Michael rasende Wut und Paranoia Bahn, die Familie scheint allmählich zu zerbrechen.

Womöglich wäre Maoz’ Film weit unter dem Empörungsradar der Kulturministerin geblieben, hätte er sich auf das starke Porträt einer trauernden Familie im ersten Drittel beschränkt. Man spürt, wie sich die Räume in dem kühlen Designtraum verengen, die Dinge des Alltags in der Taubheit des Schmerzes ihren Zusammenhang verlieren. Michael lässt sich kochendes Wasser über die Hände laufen, um wieder etwas zu spüren. Vielleicht wäre „Foxtrot“ ein runderer, besserer Film geworden.

Aber je länger er dauert, umso deutlicher wird, dass es Maoz nicht um Trauerarbeit geht, auch nicht um eine Kritik an deren technokratischer und bürokratischer Überformung, sondern um das Porträt eines gefesselten Landes: Der Tod kann jederzeit zuschlagen, die Geschichte sich wiederholen. Die kollektiven Albträume dauern ewig fort.

Deshalb führt „Foxtrot“ im Mittelstück an die israelische Grenze. Dort hocken junge Soldaten, einer von ihnen Jonathan (Yonaton Shiray), auf verlorenem Posten in einem im Schlamm versinkenden Container. Jonathan erzählt von seinem Vater, der als Jugendlicher eine aus dem KZ geborgene Thora aus Familienbesitz gegen ein Pornoheft eintauschte. Ab und zu hält ein Auto von der arabischen Seite an der Schranke, die Insassen werden gecheckt, meistens lässt man sie passieren. Doch einmal rollt eine Cola-Dose aus dem Wagen mit einer Gruppe Jugendlicher. Die israelischen Soldaten halten sie für eine Granate und eröffnen in Panik das Feuer. Ein Vorgesetzter ermahnt die Männer zur Verschwiegenheit, Auto und Leichen werden im Sand vergraben. Im dritten Teil schließlich finden Michael und Dafna wieder zusammen. Er berichtet von seiner eigenen Zeit als Soldat im Libanonkrieg, als er selbst töten musste. Sie rauchen einen Joint, Michael tanzt allein einen Foxtrott. Am Ende der Schrittfolge steht der Tänzer wieder am Beginn.

Schuldkomplex und nationale Traumata

Es ist diese Verschränkung von Schuldkomplexen und nationalen Traumata, die der israelischen Rechten den Kamm schwellen ließ. Dass die Armee, die im Sechstagekrieg 1967 die Wehrhaftigkeit Israels bewies und damit erst das Opfer-Narrativ des jüdischen Volkes beendete, zur Vertuschung eines Verbrechens fähig sein soll, gilt unter den israelischen Konservativen als skandalöse Behauptung. Dabei könnte die Inszenierung von Maoz kaum harmloser sein. Denn anstatt auf eine Analyse der komplexen Mythenbildung rund um die israelischen Streitkräfte – wie es etwa Claude Lanzmann in dem fünfstündigen Dokumentarfilm „Tsahal“ (1994) oder jüngst José Padilla im Polit-Thriller „Sieben Tage in Entebbe“ tun – setzt sein Film auf Schicksal und Zufall. In „Foxtrot“ agieren keine autonomen Figuren, sondern tragisch Scheiternde. Schuldig ist allein, wer am Ende einer unglücklichen Verkettung äußerer Umstände steht, die den Wirkradius des eigenen Handels bei Weitem übersteigen. Darin ähnelt „Foxtrot“ Maoz’ preisgekröntem Debüt „Lebanon“ von 2009, das die politische Komplexität des Libanonkonflikts auf die – zwar effektvoll klaustrophobische – Binnenperspektive aus einem israelischen Panzer heraus verengt.

Der Regisseur schreckt vor der Geschichte zurück

Die Gefangenheit der Figuren, in „Lebanon“ durch den Handlungsort allegorisch überhöht, kehrt in „Foxtrot“ im Konstrukt einer historisch gewachsenen Schicksalsgemeinschaft zurück. Im Film gibt es einen kurzen Dialog zwischen Michael und seiner an Demenz erkrankten Mutter (Karin Ugowski): Sie spricht mit ihm ausschließlich Deutsch, er antwortet auf Hebräisch. Die Vernichtungserfahrung der europäischen Juden spiegelt sich umgekehrt in der (auch militärischen) Stärke Israels.

Doch vor dieser gewaltigen historischen Dimension scheint Maoz zurückzuschrecken, indem er die Handlungen seiner Protagonisten schicksalhaft entlastet. Das zentrale Bild des Films – erst der tanzende Jonathan, später Michael – ist als Symbol für die Geschichte Israels ahistorisch. Denn anders als der Tänzer beim Foxtrott, kann man in diesem politischen Konflikt eben nicht so einfach wieder an den Anfang zurückkehren. Die Kritik des Films wird damit zur bloßen Behauptung. Hätten sich die Kritiker „Foxtrot“ genauer angesehen, wüssten sie, dass von ihm wenig zu befürchten ist.

In den Kinos Blauer Stern, Delphi, Delphi Lux, Filmtheater am Friedrichshain, International. Kino in der Kulturbrauerei, Yorck; OmU: Delphi Lux, Kino in der Kulturbrauerei, Rollberg

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