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  • 13.07.2018
  • von Ralph Trommer

Ausstellung „Geschichtsbilder“: Hintergründige Geschichtslektionen

von Ralph Trommer

Familienbild: Die Reinzeichnung zum Cover des Buches "drüben!". Foto: Angermuseum/Avant

Klarer Stil, offen für Experimente: Die Ausstellung „Geschichtsbilder“ und der Katalog dazu geben einen umfangreichen Einblick in das Comic-Werk von Simon Schwartz.

Erstaunlich, was Zwischenräume im Comic doch bewirken können: Die Originalzeichnungen kompletter Seiten zu „drüben!“, Simon Schwartz' erster Graphic Novel, wirken deutlich freundlicher als die im fertigen Buch. Das liegt schlicht daran, dass die Zwischenräume der Panels komplett geschwärzt wurden und obendrein die Zeichnungen mit differenzierten Grautönen unterlegt wurden. Erst durch diese Nachbearbeitung per Grafiksoftware bekam die autobiografische Graphic Novel über Schwartz´ Eltern und deren Entscheidung Anfang der 80er Jahre, die DDR per Ausreiseantrag zu verlassen, ihren grau-tristen Look, der perfekt zur Zeit und den sozialistischen Verhältnissen passte.

Wimmelbilder voller Demonstranten

Doch mittels Originalzeichnungen lässt sich auch wunderbar der Entstehungsprozess eines Comics nachvollziehen. Das Erfurter Angermuseum widmet Simon Schwartz mit „Geschichtsbilder“ eine eigene Ausstellung. Das hängt damit zusammen, dass der Comiczeichner 1982 in Erfurt geboren wurde, wird vom Museum aber vor allem mit einer Erfurter Auftragsarbeit begründet: 2012 gestaltete Schwartz einen 7 mal 40 Meter großen Bildfries für den Glaskubus der „Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße“ auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale Erfurt (und dem zugehörigen Untersuchungsgefängnis), nahe des Doms.

Der Kubus befindet sich selbst zwar nicht in unmittelbarer Nähe zum Museum, wird aber als Miniaturmodell ausgestellt. Der Erwerb der Originalzeichnungen zu diesem Fries durch das Angermuseum war der Anstoß für die Ausstellung. Auf den großformatigen Bildern, die auf Kollagen zahlreicher Fotodokumente von 1989 basieren, zeigt Schwartz Wimmelbilder voller Demonstranten zur Zeit der Friedlichen Revolution, aus denen der Betrachter lauter Einzelgeschichten ablesen kann.

Vom „Mosaik“ geprägt

Neben zahlreichen Protest-Transparenten ist Erfurter Architektur erkennbar, die Gefängnismauern der Stasizentrale (der ersten, die von Demonstranten damals besetzt wurde), und auch die Demonstranten werden nicht nur als kollektive Masse, sondern als Individuen mit unterschiedlichsten Gesichtszügen und - ausdrücken dargestellt. An einer Stelle hat Schwartz seine aus dem „drüben!“-Comic bekannten Eltern hineingeschmuggelt, die sich zu dieser Zeit wohl im Westen aufhielten.

Die kompakte, in einem langen Raum gehängte Ausstellung zieht einen Bogen von ersten Comicversuchen aus der Kindheit (die Daltons aus „Lucky Luke“ und andere Cowboys ziehen in „Verbrecherkomplott“ durch eine Westernstadt) über die Zeit als Praktikant bzw. angestellter Zeichner in der Berliner „Mosaik“-Redaktion, bis zu den neuesten Werken des heute in Hamburg lebenden Künstlers.

Dabei sind Originalseiten aus sämtlichen Buchveröffentlichungen, neben „drüben!“ der Graphic Novels „Packeis“ und „Ikon“, zu bewundern, aber auch unbekanntere Werke.

Es fällt auf, wie früh Simon Schwartz seinen Stil gefunden hat: der Mosaik-Zeichenstil, der von Hannes Hegen in den 50ern kreiert wurde und bis heute im Comicmagazin „Mosaik“ fortlebt, hat, vielleicht auch wegen der gerne „geschichtsträchtigen“ Stories à la Asterix, auch den in der Bundesrepublik aufgewachsenen Simon Schwartz geprägt. Allerdings modernisiert er in eigenen Arbeiten diesen Stil, sodass er eine gewisse Naivität im Ausdruck der Figuren beibehält, zugleich aber anspruchsvolle Stoffe über seinen Strich transportiert.

Bereits während seiner Mosaik-Zeit (2002-2004) entstanden erste kurze Comics, die 2006 in den Band „Die Moritaten“ zusammengefasst wurden und schon seinen späteren Stil vorwegnahmen, insbesondere in der überspitzten Charakterzeichnung sowie der expressionistischen Architektur und Atmosphäre der Zeichnungen.

Experimente mit neuen Zeichentechniken

Während des Studiums an der HAW Hamburg schuf Schwartz, verunsichert und wohl auch angeregt durch die experimentellen Ansätze der Klasse von Anke Feuchtenberger, weniger Comics und wandte sich der Lithographie zu.

Der Zyklus „Der Golem“ (2005) fällt so ziemlich aus dem Rahmen des übrigen Oeuvres des Zeichners, nimmt den Betrachter aber durch seine düster-stimmungsvollen, gestrüppartig schraffierten Bilder gefangen, die die schwer fassbare Atmosphäre des Romans von Gustav Meyrink durch städtische Impressionen evozieren und fast komplett auf figurale Darstellung verzichten.

In der aktuellen Graphic Novel „Ikon“ greift Schwartz diese in „Die Moritaten“ und „Der Golem“ sichtbare Vorliebe für düster-expressionistische Motive wieder auf, was auch zur Zeit der Zwischenkriegsjahre passt, in der ein großer Teil der Handlung spielt.

Trotz seines gut erkennbaren Zeichenstils, der Farbe sehr gezielt einsetzt, experimentiert Schwartz fast in jeder Arbeit mit neuen Zeichentechniken: In „Ikon“, einem Doppelportrait des Ikonenmalers Gleb Botkin und der falschen Zarentochter Anastasia, arbeitet er mit kräftigeren Pinselstrichen als sonst, verwendet raue Buntstifte und ahmt russische Ikonenmalerei nach, indem er eine Mischtechnik aus Monotypie und Schablonendruck mit Acrylfarbe auf Holz kombiniert.

Natürlich dürfen auch in Erfurt seine jeweils einseitigen Comicbiografien unbekannter oder übersehener Persönlichkeiten der Geschichte aus der Reihe „Vita Obscura“ (2012-16) sowie einiger Abgeordneten des Deutschen Bundestages nicht fehlen.

Dadurch, dass in seinen Originalen die Texte fehlen (diese werden ebenfalls erst später per Computer ergänzt) lässt sich die Mühe erkennen, die Simon Schwartz jeweils auf das Seitenlayout verwendet. Er scheint geradezu nach dem einzigen möglichen, geradezu zwingenden Layout zu suchen, das die Biografie des jeweiligen realen Vorbilds – sei es der Musiker Moondog oder die Parlamentarerin Clara Zetkin - auf den Punkt bringt.

Neben den bereits angesprochenen Frühwerken ist eine weitere Entdeckung mit dem Fortsetzungscomic „Blutige Kohle“ (2014-15) zu machen, der wie „Vita Obscura“ in der Wochenzeitung „der freitag“ erschien, bislang aber nicht in gedruckter Form vorliegt.

Umfangreicher Katalog

Neben der experimentellen Technik, die in verschiedenen Arbeitsstufen (aquarellierte Tuschezeichnung – zeichnerische Nachbearbeitung mit Rasierklinge – digitale Kolorierung) abzulesen ist, ist auch hier Schwartz´ Interesse an aussagekräftigen Randepisoden der Geschichte zu erkennen: die hierzulande nahezu unbekannten, damals von der Regierung blutig niedergeschlagenen Bergarbeiteraufstände in den USA (1913-1921) sind die Grundlage für eine Reihe von Geschichten, die die Vorgänge aus jeweils wechselnden Perspektiven von Beteiligten erzählen.

An diesem Beispiel wird exemplarisch deutlich, wie es Simon Schwartz gelingt, die Historie auf wenigen Bilder-Folgen intelligent und pointiert zu verdichten, wie es ihm ebenfalls in der Graphic Novel „Packeis“ (2010-12) über den Polarforscher Matthew Henson geglückt war.

Wer die Reise ins an historischen Bauten reiche Erfurt nicht auf sich nehmen will, dem sei der im Avant-Verlag erschienene Katalog ans Herz gelegt, der die Ausstellung fast komplett dokumentiert. Und ab Herbst 2019 ist die Ausstellung in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu sehen.

Simon Schwartz: Geschichtsbilder – Comics & Graphic Novels. Ausstellung bis 9. September 2018 im Angermuseum Erfurt. 29. September 2019 bis 21. Januar 2020: Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Katalog im Avant-Verlag mit Texten von Andreas Platthaus, Christine Vogt und Jochen Voit, Hardcover, 136 Seiten, 29 Euro

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