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  • 14.06.2018
  • von Andreas Busche

Iron Maiden in der Waldbühne: Laut wie ein Düsentriebwerk

von Andreas Busche

Iron Maiden sind für ihre spektakulären Live-Shows bekannt. Auf ihrer aktuellen Tour haben sie ein aufblasbares Flugzeug auf der Bühne. Foto: Peter Kneffel/dpa

Die Metal-Heroen Iron Maiden beweisen mit ihrem Konzert in der Waldbühne, dass sie längst nicht zum alten Eisen gehören.

We shall not surrender. Wir werden niemals aufgeben. Winston Churchills markige Worte haben Nachhall gefunden im Heavy Metal; beide gelten ja als ureigene britische Institutionen, verehrt für ihre Unverwüstlichkeit. Die berühmte Durchhalterede zur Schlacht von Dunkirk liefert im Grunde auch die perfekte Textvorlage für einen Song von Iron Maiden: ein wenig martialische Kriegsrhetorik, etwas theatralisches Pathos, Blut, Schweiß und der brüderliche Schwur im Kampf gegen das Böse Schulter an Schulter zusammenzustehen. Das Donnern der Schlachtfelder – Nicko McBrain feuert am Schlagzeug aus allen Rohren – und das furchteinflößende Heulen der Jagdflieger – die Gitarrenphalanx um Adrian Smith, Dave Murray und Janick Gers steht seit nunmehr dreißig Jahren verlässlich für anmutig verschnörkeltes Hochgeschwindigkeitsschreddern – klingen in Churchills Ansprache bereits unterschwellig mit.

Kein Wunder, dass es inzwischen zur liebgewonnenen Tradition der Band um Sänger und Hobbypilot Bruce Dickinson gehört, Konzerte von Iron Maiden mit diesem kurzen historischen Exkurs zu eröffnen. Churchills schnarrende Stimme schallt am Mittwochabend durch die voll besetzte Waldbühne, bevor Iron Maiden ansatzlos mit „Aces High“ einsteigen, einem hymnisch geschmiedeten Brocken Schwermetall über einen britischen Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg im Duell mit der deutschen Luftwaffe.

Eddie und Bruce liefern sich ein Schwertduell

Scheinwerfer feuern Lichtsalven in die Menge, über der Bühne baumelt ein aufblasbarer Kampfjet. Die Shows von Iron Maiden sind legendär für ihre Megalomanie, die immer auch ein wenig gaga daherkommt: halb Probebühne, halb Kindergeburtstag. Die Kleinen hätten an diesem Abend jedenfalls ihre helle Freunde, zu den Requisiten gehören außer dem Flugzeug ein schwebender Ikarus und ein Teufelskopf, alle aufblasbar. Und einmal stelzt ein Totenschädelsoldat über die Bühne (Bandmaskottchen Eddie), mit dem sich Renaissance-Mann Dickinson einen albernen Schwertkampf liefert. Fehlt nur noch die Apokalypse-Hüpfburg.

Das Phänomen Iron Maiden ist für Außenstehende schwer zu erklären, es hat sich über Generationen von Rockfans gewissermaßen in die DNA der Popmusik eingeschrieben. Die bedingungslose Liebe wird weitervererbt wie das eher aus sentimentalen Gründen wertvolle Porzellan der Oma. Entsprechend generationen- und genreübergreifend setzt sich das Publikum in der Waldbühne demografisch zusammen. Von Metal-Wikingern bis Familienvätern ist alles vertreten, der weibliche Fan-Anteil ist entgegen aller Vorurteile über die Musik ohnehin hoch.

Unter dem Motto „Legacy of the Beast“ touren die neben Judas Priest und Saxon dienstältesten Veteranen der New Wave of British Heavy Metal derzeit durch Europa, eine Hommage an die achtziger Jahre, in denen Iron Maiden im Jahrestakt Klassiker wie „Number of the Beast“, „Piece of Mind“ und „Powerslave“ veröffentlichten. Ganz spurlos ist die Zeit nicht an der Band vorübergegangen, bei Dickinson wurde vor drei Jahren Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Umso erstaunlicher wie furchtlos er sich mit seinem messerscharfen Falsett immer wieder in die fein verzahnten Tremoli zwischen Gitarren und Schlagzeug wirft.

Sein Aktionsradius ist immer noch raumgreifend. Dickinson, der im August sechzig wird, läuft wie ein Aufziehmännchen die Bühne ab und turnt hyperaktiv durch die Kulissen. Seine Bewegungabläufe wirken nicht mehr so flüssig wie früher, dafür baut Gitarrist Janick Gers zwischendurch kleine Ertüchtigungsübungen ein, die an Yoga erinnern.

Dickinson wechselt seine Outfits öfter als Lady Gaga

Den schönsten Soundeffekt aber haben Iron Maiden in ihren Fans. Mit dem ersten Riff von „The Trooper“ setzt ein Röhren aus gut 15000 Kehlen ein, das für einen Moment selbst die Musiker auf der Bühne übertönt. Man kann sich dieser Archaik schwer entziehen, dafür ist die musikalische Darbietung allerdings auch zu virtuos. Während sich im rechten Vordergrund Gers in seiner ganz eigenen Realität verliert, ziehen sich Murray und Smith immer wieder an den linken Bühnenrand zurück und flutschfingern prächtige Miniatursinfonien aus ihren beiden Gitarren, die – um im Bild zu bleiben – mitunter die Lautstärke eines Düsenjets erreichen.

Dickinson ist das alles verbindende Showelement. Zu „Revelations“ – motivisch angemessen vor dem gewaltigen Hintergrundbild eines gotischen Kirchenschiffs – streift er sich eine Art Priestergewand über, während „Sign Of The Cross“ schlüpft er in eine Mönchskutte. Der Mann wechselt seine Outfits öfter als Lady Gaga. Trotz des „Legacy“-Themas der aktuellen Tour stellt sich nie der Eindruck ein, dass Iron Maiden, in der Blüte ihres Schaffens, als Rocksaurier enden werden. Humor hält jung. Der Auftritt in der Waldbühne endet mit Monty Pythons „Always Look On The Bright Side Of Life“. Very British, indeed.

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