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  • 14.06.2018
  • von Judith Kerr

Aus der Autobiografie von Judith Kerr: Wie zeichnet man eine Tulpe?

von Judith Kerr

Ihr liebster Zeitvertreib. Zwischen 1930 und 1932 entstand dieses Kinderbild von Judith Kerr, noch in Berlin. Foto: Edition Memoria

Judith Kerr wird 95. Hier erzählt sie von ihrer Kindheit in Berlin – und frühen Jahren der Flucht und des Exils in Zürich, Paris und Nizza. Ein Auszug aus ihrer zum Geburtstag erschienenen Autobiografie „Geschöpfe“.

Beim diesjährigen Theatertreffen im Mai konnte sie nicht zur Verleihung des nach ihrem Vater, dem berühmten Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr, benannten Darstellerpreises kommen. Doch in den Vorjahren war Judith Kerr gern und oft in ihrer Geburtsstadt Berlin zu Gast, die sie 1933 verlassen musste. Die Flucht vor den Nazis führte die jüdische Familie über die Schweiz, Frankreich und Belgien nach London, wo Judith Kerr heute lebt. An diesem Donnerstag feiert die Schriftstellerin und Künstlerin ihren 95. Geburtstag. 1971 erschien ihr Buch „When Hitler Stole Pink Rabbit“ (Als Hitler das rosa Kaninchen stahl), mit dem sie berühmt wurde. In der Edition Memoria, Köln, ist jetzt ihre Autobiografie herausgekommen – „Geschöpfe. Mein Leben und Werk“, aus dem Englischen übersetzt von Ute Wegmann (Großformat, 176 Seiten, 300 Abbildungen, Fadenheftung, 36 €). Wir drucken daraus das leicht gekürzte erste Kapitel.

Es gibt Zeichnungen und es gibt Illustrationen. Dieser Unterschied wurde mir mit viereinhalb Jahren in meinem deutschen Kindergarten bewusst. Bis dahin hatte ich keine Sorgen. Ich konnte mit Erfolg auf einem Bein auf- und abhüpfen, Liedchen singen und einen Salzstreuer aus Pappe basteln. Aber dann, eines Tages, schmiss die Kindergärtnerin eine Blume auf den Tisch und sagte: „Heute zeichnen wir alle eine Tulpe.“

Ich schaute auf die Tulpe. Da gab es eine Menge geschwungene Einzelteile, die, was ich damals noch nicht wusste, Blütenblätter genannt werden. Also zeichnete ich eins. Aber als ich von meiner Zeichnung hochschaute, sah das Blütenblatt nicht mehr so aus wie vorher. Es war zur Seite gerutscht und wirkte schmaler, also änderte ich es und zeichnete das nächste daneben, und dann noch eins und noch eins und noch eins. Aber jedes Mal, wenn ich hochsah, waren sie wieder verrutscht. Ich versuchte, mich zu erinnern, welche ich schon gezeichnet hatte und welche noch nicht, als die Kindergärtnerin neben mir auftauchte. „Was in aller Welt machst du da?“, fragte sie. „Weißt du nicht, wie wir eine Tulpe zeichnen? So zeichnen wir eine Tulpe.“

Ich sah sofort, dass ihre besser war als meine. Jeder konnte sehen, dass sie eine Tulpe gezeichnet hatte. Und doch, so dachte ich, hatte die Tulpe, während ich sie anschaute, ganz anders ausgesehen. Die nächsten zwölf Jahre zeichnete ich nichts mehr nach der Wirklichkeit, bis ich dann zur Kunstschule ging.

Der Versuch, die Tatsachen zu schildern

Ich kann mich an keinen Augenblick erinnern, an dem ich nicht zeichnen wollte. Eigentlich war das ja auch ein normaler Zeitvertreib, so wie es für meinen Bruder Michael normal war, einen Ball herumzukicken. Ich zeichnete gern Figuren, die sich bewegten, und ich zeichnete sie immer von den Füßen aufwärts, was ich heute schwierig finden würde. Niemand sonst in meiner jüdischen Familie zeichnete. Meine Mutter komponierte, und mein Vater war für seine Schriften über das Theater und über seine Reisen in ganz Deutschland berühmt und für seine geistreichen, amüsanten Verse, in denen er unter anderem Hitler und die im Aufstieg begriffene Nazipartei verspottete und beschimpfte.

Ich glaube, ich hatte immer das Gefühl, dass meine Zeichnungen niemand anderen etwas angingen als mich, und ignorierte störrisch die gut gemeinten Ratschläge der Erwachsenen. Einmal jedoch erwähnte jemand fast beiläufig, dass man, wenn man die wirkliche Welt betrachtet, eigentlich nicht so viel leeren Raum zwischen Himmel und Erde sieht. Ich hatte es ziemlich gut hinbekommen, meine rennenden und spielenden Kinder auf einer grünen Buntstiftlinie am unteren Papierrand zu positionieren, mit einem blauen Streifen am oberen. Aber als ich überprüfte, was er gesagt hatte, erkannte ich zu meinem Ärger, dass er recht hatte, und fügte, anfangs widerwillig, nach und nach kleine Hintergrundelemente und Ansätze einer Perspektive ein.

Meine Mutter war sehr stolz auf meine Zeichnungen und verwahrte sorgfältig meine besseren Versuche. Es ist für mich immer noch sehr bewegend, dass sie, als wir 1933 aus Deutschland fliehen mussten, diese Bilder mit zu den Dingen legte, die zu retten ihr am wichtigsten erschienen. Damals war ich neun Jahre alt und hatte überhaupt keine Ahnung, was in Berlin um mich herum passierte. Das nahm ich zum ersten Mal wahr, als mein fünfundsechzig Jahre alter Vater, der mit Grippe im Bett lag, über Nacht verschwand und meine Mutter Michael und mir erklärte, er sei aus dem Land geflohen.

Was meine Familie und ich erlebten, auch später, als ich älter war, diese Geschichte habe ich in meinen drei Romanen erzählt, veröffentlicht unter dem Obertitel „Out of the Hitler Time“. Es gibt aber auch Begebenheiten im Leben meiner Eltern, die ich zu der Zeit, als ich die Bücher schrieb, nicht kannte, sondern die erst nach und nach ans Licht kamen. Vierzig Jahre später ist die folgende Darstellung kein Roman, sondern der Versuch, die Tatsachen zu schildern.

Mein Vater war gewarnt geworden, dass man beabsichtigte, ihm den Pass wegzunehmen, und trotz seiner Krankheit stieg er in den ersten Zug, der ihn aus Deutschland herausbrachte. Meine Mutter, mein Bruder und ich folgten ihm auf einem Umweg, nach nervenaufreibendem Warten, währenddessen wir die Abwesenheit meines Vaters ebenso geheim halten mussten wie unsere bevorstehende Abreise. Mein Vater befürchtete, wenn unsere Pläne bekannt würden, könnten die Nazis uns als Geiseln behalten, um ihn zurückzuholen.

Die Schriften des Vaters wurden öffentlich verbrannt

Wir erreichten Zürich, wo er voller Unruhe auf uns wartete, nur wenige Tage vor der Machtergreifung Hitlers. Später erfuhren wir, dass die Nazis am nächsten Morgen vor unserer Tür gestanden hatten, um unsere Pässe einzufordern.

Nachdem wir sicher die Schweiz erreicht hatten, wurde ich zunächst fürchterlich krank. Einen ganzen Monat lang hatte ich hohes Fieber, lebensbedrohlich in einer Zeit ohne Antibiotika, und ich kann mich nur an wenig erinnern. Während dieses Monats begann das Leben meiner Eltern auseinanderzubrechen. Sie waren nie wohlhabend gewesen, aber mein Vater hatte durch seine journalistische Tätigkeit (er war außerdem Mitherausgeber des „Berliner Tageblatt“) und seine Bücher, die viel gelesen wurden, ein regelmäßiges Einkommen.

Als die Nazis an die Macht kamen, wurden alle Zahlungen an ihn sofort eingestellt. Schließlich konnte er unser Hotel und die Arztrechnungen bezahlen, weil ein Freund für ihn einige Erstausgaben verkaufte, die meine Mutter mit unseren anderen Besitztümern in einem Depot in Berlin eingelagert hatte. Aber schon bald darauf wurde alles beschlagnahmt. Die Schriften meines Vaters wurden öffentlich verbrannt, und ihm wurde die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Wenige Monate später setzten die Nazis für denjenigen eine Belohnung aus, der ihn tot oder lebendig fassen würde.

„Ist es nicht wundervoll, ein Flüchtling zu sein!“

Trotz alledem schafften es meine Eltern, meinem Bruder und mir das Gefühl zu geben, dies alles sei ein großes Abenteuer. Sobald ich mich von meiner Krankheit erholt hatte, zogen wir in ein Gasthaus am See in der Nähe von Zürich. Das Werk meines Vaters war in der Schweiz gut bekannt, und er hatte damit gerechnet, dort genauso schreiben zu können wie vorher in Deutschland. Trotz ihrer erklärten Neutralität waren die Schweizer jedoch auf bedrückende Weise beflissen, sich mit Hitler gut zustellen, und mein Vater sah sich auf einmal in der schwierigen Situation, nicht veröffentlicht zu werden.

Also zogen wir, weil er perfekt Französisch sprach und schrieb, Ende 1933 nach Paris. Meine Eltern mieteten eine kleine möblierte Wohnung im oberen Stockwerk eines Hauses unweit des Arc de Triomphe und mein Bruder und ich gingen auf französische Schulen. Am Anfang war es schwer, aber mit zehn Jahren bereitet es keine allzu große Mühe, eine Sprache zu lernen, und wer es einmal geschafft hat, dem gibt es einen ungeheuren Auftrieb. Ich liebte die knappe Klarheit des Französischen im Gegensatz zu den langen Windungen des Deutschen und kam sogar gegen Ende unseres Aufenthalts in Frankreich auf die Idee, eine achtzigseitige französische Geschichte über ein paar Kinder zu schreiben, die heldenhaft ein Zugunglück verhinderten.

Im Sommer 1935 hatten Michael und ich uns in Frankreich gut eingelebt. Wir zählten beide bei den Abschlussprüfungen in Französisch zu den Besten, wie auch viele andere Flüchtlingskinder, was mir später klar wurde. Vielleicht hat es damit zu tun, dass man eine Sprache wertschätzt, wenn man sie mit einer anderen vergleichen kann. Meine Mutter lernte, französische Gerichte zu kochen, die viel besser waren als alles, was wir jemals in Deutschland gegessen hatten, und ich liebte es, in Paris zu sein – so sehr, erzählte man mir, dass ich eines Abends, als mein Vater und ich über die Pariser Dächer auf die Lichter unter uns schauten, ausrief: „Ist es nicht wundervoll, ein Flüchtling zu sein!“

Diese Ironie muss ihn umgehauen haben, denn meine Eltern standen vor der nächsten finanziellen Krise. In Frankreich war mein Vater hauptsächlich für das Pariser Tageblatt tätig, eine deutsche Zeitung für Flüchtlinge. Weil Flüchtlinge sehr wenig Geld hatten, hatte die Zeitung auch nicht viel. Mein Vater verdiente nur kleine Beträge, und die oft mit Verspätung. Gelegentlich bat man ihn, für eine französische Zeitschrift zu schreiben, aber 1935 war der Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise. Sogar französische Autoren hatten keine Arbeit, deshalb waren solche Gelegenheiten selten. In einem verzweifelten Versuch, Geld zu verdienen, schrieb er ein Drehbuch – das hatte er vorher noch nie gemacht. Es wurde von verschiedenen französischen Filmproduktionen umgehend abgelehnt, also schickte er es nach England, hörte dann aber nichts mehr davon.

Ein neues Leben in England

Als die Schule zur Sommerpause endete, gaben meine Eltern die Pariser Wohnung auf, und wir fuhren in ein belgisches Hotel am Meer, um Ferien zu machen und, nehme ich an, um auf eine Antwort aus England zu warten. Da gab es einen weiten Strand, das Wetter war schön, Michael und ich schwammen, ließen einen Drachen steigen, bauten große komplizierte Sandburgen, und ich dachte, das ist wunderbar.

Erst als das Wetter schlechter wurde und die anderen Gäste nach und nach abreisten, wir aber immer noch dort blieben, begriffen wir allmählich, dass etwas nicht stimmte. Schließlich beriefen meine Eltern eine Familienkonferenz ein und erklärten uns, dass sie beschlossen hatten, nach England zu reisen, um zu sehen, ob wir dort ein neues Leben beginnen könnten, und dass wir in der Zwischenzeit bei unseren Großeltern mütterlicherseits bleiben sollten, die eine Wohnung in Südfrankreich hatten.

Wir kehrten alle zusammen zurück nach Paris, und dort setzten sie uns in einen Zug nach Nizza, während sie selbst in einem billigen Bahnhofshotel auf ein Treffen mit einer karitativen Flüchtlingsorganisation warteten, die ihnen letztlich genug Geld leihen würde, um nach England zu fahren.

Würden die Eltern jemals zurückkommen?

Die Entscheidung, uns zu den Großeltern zu schicken, kann für meinen Vater nicht leicht gewesen sein. Damals hatte ich keine Ahnung, dass sie nie miteinander sprachen. Der Grund war: Mein Großvater umgab sich immer gern mit vielen Frauen, auch als er schon mit meiner Großmutter verheiratet war. Jahre zuvor hatte er in Berlin Geld in eine Theaterproduktion gesteckt unter der Bedingung, dass eine dieser Frauen, eine ehrgeizige Schauspielerin, darin die Hauptrolle spielte. Mein Vater war dafür bekannt, absolut unbestechlich zu sein, derart unbestechlich, dass er sich trotz seiner Liebe zu Schauspielern immer weigerte, sie privat zu treffen, aus Sorge, dass dies sein kritisches Urteil beeinträchtigen könnte.

Also besprach er das Stück und schrieb, dass diese Dame zweifellos viele Talente besitze, die Schauspielerei aber nicht dazu gehöre, woraufhin mein Großvater (zufälligerweise damals Minister in preußischen Diensten) zwei Typen anheuerte, um meinen Vater verprügeln zu lassen. Als mein Vater ein oder zwei Tage später im Grunewald spazieren ging, pöbelten die beiden ihn an, aber sie waren nicht mit dem Herzen dabei, und alle drei tranken zum Schluss ein Bier zusammen. Mein Vater beschrieb diese Begegnung eine Woche später in seiner Kolumne. Danach, das kann man sich vorstellen, wäre ein Gespräch zwischen meinen Großeltern und meinem Vater schwierig geworden.

Unser Aufenthalt in Nizza wurde immer als nur vorübergehend bezeichnet, aber wir hatten endlich die finanzielle Situation verstanden, und manchmal überlegten wir im Geheimen, ob unsere Eltern jemals genug Geld haben würden, um uns wieder zu sich zu nehmen. Aber dann wendete sich alles zum Guten. In einem Brief schrieben meine Eltern, dass das Drehbuch meines Vaters für 1000 Pfund verkauft worden war. Sie kamen gemeinsam, um uns abzuholen. Meine Mutter trug ein neues Kleid. Mein Vater und meine Großeltern wechselten einige unbeholfene Worte, und dann brachen wir, meine Eltern, Michael und ich, nach London auf. Wir kamen dort Anfang März 1936 an, fast genau drei Jahre, nachdem wir Berlin verlassen hatten.

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