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  • 18.05.2018
  • von Gregor Dotzauer

Chinesischer Maler Liu Xiaodong: „Ich traue nur dem, was ich sehe“

von Gregor Dotzauer

Mit wachem Blick. Selbstporträt von Liu Xiaodong aus dem Jahr 2012. Abbildung: Eslite Gallery/Kunsthalle Düsseldorf

Der Neorealist Liu Xiaodong ist Chinas berühmtester Maler. Im Juni widmet ihm Düsseldorf eine umfassende Retrospektive. Eine Begegnung in Berlin.

In den drei Jahrzehnten, in denen Chinas Kunst die Augen zur Wirklichkeit hin aufschlug, ist in seinem Land kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Liu Xiaodong war 22 Jahre alt, als sich 1985 wie in einem Fieberschub 79 Avantgardegruppen bildeten, die bis zum Ende des Folgejahres 149 Ausstellungen organisierten und die Lähmungen der Kulturrevolution hinwegfegten. Liu war zu jung, um Teil dieser Bewegung zu werden, die nachträglich den Namen Neue Welle erhielt. Doch an der Pekinger Zentralakademie der Bildenden Künste (CAFA), Chinas bedeutendster Kunsthochschule, wo er im zweiten Jahr studierte, kribbelte allen die Erregung in den Fingern.

Vier Jahre später, im Februar 1989, war es auch an ihm, den Aufbruch in die neue Zeit voranzutreiben. Bei der Avantgarde-Ausstellung im Nationalen Kunstmuseum, die als endgültige Abkehr von der Vergangenheit gilt, zeigte er zwei seiner Gemälde. Der Rückschlag ließ nicht lange auf sich warten. Im April gehörte er zu denen, die auf dem Tiananmen-Platz Abschied vom verstorbenen Hu Yaobang nahmen, dem für seine Liberalität von vielen verehrten Ex-Generalsekretär der KP. Die Trauergemeinde verwandelte sich nach und nach in eine Schar von Demonstranten, deren Kundgebungen Anfang Juni in jenem Massaker erstickt wurden, das bis heute das am liebsten unter den Teppich gekehrte Skandalon einer Staatsmacht ausmacht, die sich schon lange in der technologischen Verfeinerung ihrer Kontrolltechniken übt.

Auch dadurch wurde Liu Xiaodong zu einem distanzierten Beobachter seiner Zeit. In seiner figürlichen Malerei zeigt er sich als skeptischer Neorealist. Die im Lauf der Jahre ins Riesenhafte und Panoramatische gewachsenen Formate seiner Ölbilder, ihr breiter, kräftiger Strich und der pastose Farbauftrag zeugen zwar von einem gesunden Selbstbewusstsein. Ihren provokativen Gestus beziehen sie vor allem aus der Wahl des jeweiligen Gegenstands. Um Lius Leistung richtig einschätzen zu können, muss man verstehen, was es heißt, sich mit einem Kunstverständnis zu behaupten, das sich auf nichts als das eigene Auge, den eigenen Verstand und die eigene Erfahrung verlassen will – und damit jedem vorgefertigten Pathos die Stirn bietet.

Massenumsiedlung am Drei-Schluchten-Staudamm

Nichts Anklagendes steckt etwa in den Gemälden, in denen Liu zwischen 2003 und 2005 den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms am Yangtze dokumentierte. Kurz bevor Fengjie, eine kleine Stadt unweit von Chongqing, abgerissen, überflutet und an anderer Stelle neu errichtet wurde, porträtierte er einige der 1,3 Millionen Umgesiedelten und eine Gruppe von Arbeitern. Es geht um das Festhalten eines historischen Moments, der im Namen des Fortschritts einfach weggewischt werden soll – nicht anders als bei seinem Freund, dem Regisseur Jia Zhang-ke, der für „Still Life“, seine Auseinandersetzung mit dem Mammutprojekt, bei den Filmfestspielen in Venedig 2006 einen Goldenen Löwen erhielt. Parallel dazu entstand Jias Dokumentation „Dong“, die Liu bei der Arbeit in den Trümmern von Fengjie präsentiert.

Überhaupt lässt sich Lius Malerei als Pendant zum Neorealismus der Filmemacher der sogenannten sechsten Generation beschreiben. Bei Zhang Yuans „Beijing Bastards“, dem Auftakt ihres wirkmächtigen Auftretens mit dem Rockstar Cui Jian in der Hauptrolle, fungierte er 1992 als Artdirektor. Für Wang Xiaoshuai begab er sich mit seiner Frau, der Malerin Yu Hong, im selben Jahr sogar als Schauspieler vor die Kamera. „The Days“ erzählt in elegischen, lose zusammengefügten Schwarzweißbildern vom Kampf eines Künstlerpaares ums Überleben und die Liebe zueinander.

Bis heute führt er über seine Projekte in aller Welt nicht nur Tagebuch, sondern lässt sie von einem Filmteam begleiten. Er kann es sich leisten, denn er ist nicht nur der angesehenste chinesische Maler seiner Generation, der an der CAFA inzwischen selbst eine Professur für Ölmalerei innehat, er ist auch der höchstgehandelte Maler ganz Asiens.


Zu Gast im Künstlerhaus Bethanien

Ein strahlender Apriltag am Kreuzberger Mariannenplatz. Liu Xiaodong hat sich für einige Wochen im Künstlerhaus Bethanien eingemietet, um zu seiner ersten umfassenden, von Heinz-Norbert Jocks kuratierten Retrospektive, die vom 9. Juni an in der Kunsthalle Düsseldorf und dem NRW-Forum stattfindet, das Projekt „Transgender/Gay“ beizusteuern. Für den ersten Teil steht ihm Sasha Maria van Halbach als Modell zur Verfügung, für den zweiten der aus Hongkong stammende Künstler Isaac Chong Wai.

Liu ist eine unauffällige Erscheinung: klein, wendig, drahtig und mit einer nervösen Energie begabt, die nichts von seinen 55 Jahren ahnen lässt. Unruhig saugt er an seiner E-Zigarette und steht prüfend vor halbfertigen Kleinformaten, die die großen Porträts ergänzen sollen. Das Genderthema ist ihm nicht fremd, seit er 2001 in Singapur aus purer Neugier Transvestiten und Transsexuelle zu malen anfing, wie er überhaupt einen Sinn für nackte Körper hat. Das lockt in China schon lange keinen prüden Hund mehr hinter dem Ofen hervor.

„Nacktheit ist eigentlich gar kein Problem“, sagt er, wobei He Jian, ein junger Maler, der in Kassel studiert hat, seine Auskünfte ins Deutsche übersetzt. „Auch bei queeren Themen sehe ich keine großen Hindernisse. Zumindest in den Großstädten wird das meistens toleriert. Im Fernsehen gibt es zum Beispiel eine ungeheuer populäre Transgender-Moderatorin namens Jin Xing.“

Während in Fragen der sexuellen Toleranz eine Liberalisierung eingesetzt hat, scheint es auf politischem Gebiet derzeit rückwärts zu gehen. Jedenfalls ist fraglich, ob Liu heute nicht neuralgische Punkte berührt, die man ihm nicht mehr ohne Weiteres durchgehen lassen würde. 2009 reiste er in die Provinz Gansu, um am Beispiel zweier Familien das selbstverständliche Miteinander von Christen und Muslimen zu dokumentieren.

System und Verantwortung

Er war in Tibet unterwegs und im Bezirk Hotan bei den Uiguren, einem muslimischen Turkvolk mit eigener Sprache und Schrift, das im Namen der hanchinesischen Mehrheit neuerdings massiv unterdrückt wird. 2010 reiste er in die Sichuan-Provinz, um sich mit den Folgen des großen Erdbebens auseinanderzusetzen. Meist stellte er seine Staffelei unter freiem Himmel auf und ließ sich in aller Öffentlichkeit beim Arbeiten beobachten.

„Ich bin in einem System aufgewachsen, das ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit verlangt“, gesteht er. Dabei habe er sich stets gefragt: „Was kann ich als Einzelner tun, um mich vor mir selbst rechtfertigen zu können? Habe ich alles getan, was ich tun konnte? Ich habe versucht, nur dem zu trauen, was ich unmittelbar sehe.“ Dafür ist er auch ins Ausland gereist. Er hat die Sperranlagen im Westjordanland gemalt, die Israelis und Palästinenser gegeneinander abschotten. Er hat Wanderarbeiter in Bangladesch porträtiert und Bargirls in Thailand: „Ich bin nicht sicher, ob ich China dabei stets mitdenke, aber es geschieht sicher unwillkürlich. Alles, dem ich irgendwann begegnet bin, kann eine Art Echo finden.“


Schnappschüsse als Gedächtnisstütze

Liu stammt aus Jincheng, einer kleinen, lange quecksilberverseuchten Industriestadt in der Provinz Liaoning, in deren Papierfabrik sein Vater arbeitete. Für „Hometown Boy“ kehrte er 2010 dorthin zurück. Der gleichnamige Dokumentarfilm von Yao Hung-I, produziert von Taiwans Meisterregisseur Hou Hsiao-hsien, erzählt davon. Hat ihn dort noch ein Gefühl von Heimat angeweht? „Für mich ist Heimat der Ort, wo meine tiefsten Gefühle geblieben sind. Mein Vater ist inzwischen gestorben, aber meine Mutter und meine Brüder leben noch dort. China hat sich so stark verändert, dass man die Landschaften seiner Herkunft oft kaum noch erkennt. Heimat existiert für mich deshalb nur noch in der Vorstellung.

Mit Deutschland, sagt er, verbinde ihn seit CAFA-Zeiten Bewunderung für die gesamte Kunst, von den Alten Meistern bis zu den Expressionisten. Erst während seines Aufenthalts in New York 1993 sei ihm jedoch aufgegangen, dass diese nicht im luftleeren Raum entsteht: „Wir wussten schon während des Studiums, was Pop Art und Konzeptkunst ausmacht. Wir stellten uns allerdings vor, dass diese westliche Moderne durch und durch ausgedacht ist. Zu allen künstlerischen Werken gehört aber eine bestimmte Art zu leben. Als ich schließlich nach China zurückkehrte, hatte ich begriffen, dass ich auf eine Art und Weise malen musste, die meiner Umgebung entspricht.“

Gespräche mit Ai Weiwei

Als Gedächtnisstütze dienen ihm auch Schnappschüsse. 1984 kaufte er einem Kommilitonen zum Spottpreis von 25 Renminbi eine russische Kamera ab, mit der er ohne jeden Kunstanspruch seinen Alltag festhielt. Der von Ai Weiwei gestaltete und mit einem Gespräch zwischen ihm und Ai eingeleitete Band „The Richness of Life“ mit Aufnahmen aus gut zwei Jahrzehnten, vermittelt lebhaft, was ihn beschäftigte. Mit Ai teilte er einst die New-York-Erfahrung. Inzwischen haben sich die beiden, jeder ein Großkünstler auf seinem Gebiet, auseinandergelebt.

Einer der erstaunlichsten Züge an Liu Xiaodong ist, dass die Moden in der chinesischen Kunst kamen und gingen, er aber geblieben ist. Er hat den zynischen Realismus überlebt und den Politpop. Beharrlich erprobt er seine Beobachtungsgabe an immer neuen Gegenständen, und mit einer digitalen Malmaschine erobert er gerade sogar neues Terrain. Es gibt, wenn man seine Aufgabe so ernst nimmt wie Liu, eben keinen interesselosen, im Passiven versickernden Realismus, sondern nur produktive Reibung. Darüber, welche soziale Welt ihm dabei noch fehlt, muss er nicht lange nachdenken. „Zum Beispiel würde ich sehr gerne einmal spielende Menschen in einem Casino malen. Aber da kriege ich wohl keinen Zugang.“ Gemessen an seinen anderen Abenteuern sollte das Entree ein Kinderspiel sein.

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