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  • 16.05.2018
  • von Andreas Busche

Cannes Tagebuch (8): Rambo und Han Solo zu Besuch in Cannes

von Andreas Busche

Han-Solo-Darsteller Alden Ehrenreich mit Chewbacca. Foto: dpa/Ryan

Sylvester Stallone lässt sich an der Croisette blicken, viele Besucher freuen sich auf den neuen Han-Solo-Film - doch das übrige US-Kino enttäuscht dieses Jahr in Cannes.

Wer das Filmfestival von Cannes wirklich verstehen will, muss sich nur mal über die Dächer der Stadt begeben. Hier, in den Privatsuiten und auf den Sonnenterrassen, schlägt der eigentliche Puls von Cannes, sind die Mover und Shaker, die Stars und ihre Agenten unter sich. Als Journalist bekommt man höchstens zu Presseterminen einen Eindruck von dieser geschlossenen Welt, in der die Betriebsamkeit des Festivals in klingende Münze umgesetzt wird. Denn der Markt ist, man vergisst das zwischen US-Indiekino und chinesischen Arthouse-Filmen manchmal, immer noch die wahre Bestimmung von Cannes.

Gleich zu Beginn wurde bereits der erste Mega-Deal verkündet: Die nordamerikanischen Vertriebsrechte für den von Jessica Chastain produzierten Spionage- Thriller „355“ (mit reiner Frauenbesetzung) gingen für 25 Millionen Dollar über den Tisch. Auch Netflix geht trotz des Rückzugs aus dem Wettbewerb eifrig shoppen, wirtschaftlich ist der Streamingdienst fürs Festival nach wie vor wichtig. Und selbst Sylvester Stallone hat sich wieder mal in Cannes blicken lassen, im Gepäck: der fünfte Teil von „Rambo“. Diesmal geht es gegen mexikanische Kartelle. Blickt man von den Dachterrassen auf die Croisette herunter – zur Festivalzeit eine einzige Filterblase, die sich, flankiert von Luxushotels und Designerboutiquen, über einen knappen Kilometer den Strand entlang erstreckt –, wirkt die ganze Veranstaltung umso unwirklicher.

Statt Polizisten patrouillieren Stormtrooper

Am Dienstag patrouillieren ausnahmsweise nicht Polizisten, sondern intergalaktische Stormtrooper vor dem Festival Palais. Anlass ist die Weltpremiere von „Solo: A Star Wars Story“ (Kinostart: 26. Mai), hinsichtlich Stardichte und Erwartungshaltung für viele ein Höhepunkt des Festivals. Disney-Produktionen haben den Trubel von Cannes natürlich nicht mehr nötig, es geht nur noch um finale Produktveredelung. Ein Gala-Auftritt im Zentrum der internationalen Cinephilie steht selbst einem durchoptimierten Blockbuster gut zu Gesicht. Außerdem war man gespannt, wie sich Alden Ehrenreich als jüngeres Alter Ego von Harrison Fords ikonischer Figur schlagen würde. Die Kurzversion: ausgesprochen gut. Der Film leidet kaum unter seiner katastrophalen Produktionsgeschichte, eher schon unter den üblichen Franchise-Problemen. Die geschassten Regisseure Phil Lord und Chris Miller werden nur noch als Produzenten geführt, dafür hat Routinier Ron Howard den angeschlagenen Milliardentanker schadlos ans sichere Ufer gesteuert.

Groß war auch das Interesse an David Robert Mitchells „Under the Silver Lake“, nach seinem fantastischen Coming-of- Age-Horrorfilm „It Follows“. Mitchell gehört zu den Entdeckungen von Produzentin Adele Romanski, die gerade ihre Marke im mittelbudgetierten Independentkino setzt, das angesichts der strukturellen Veränderungen Hollywoods zunehmend unter Artenschutz steht. Doch die Geschichte um einen ambitionslosen Millennial (Andrew Garfield), der in Los Angeles’ Hipster-Bezirk Silver Lake seine verschwundene Nachbarin (Riley Keough) sucht und sich darüber in popkulturelle Verschwörungstheorien hineinsteigert, kann nicht wirklich überzeugen. Man hat vieles schon gesehen, meist besser.

Mit stets an der Grenze zum Skurrilen operierenden Bildern erkundet Mitchell in einem Neo-Noir-Los Angeles die Spuren der klassischen Filmindustrie zwischen Griffith Observatorium und Hollywood-Zeichen, bevor sich die Traumfabrik im Speckgürtel der Glitzermetropole niederließ. Doch ähnlich wie „La La Land“ produziert das Spiel mit oberflächlichen Pop-Chiffren nur mehr Leere. Mit Mitchells Film und „BlackkKlansman“ von Spike Lee enttäuscht das US-Kino in diesem Jahr. Bisher vermisst noch niemand Netflix, aber vielleicht sollte Cannes-Leiter Thierry Frémaux dem Streaming-Giganten 2019 eine zweite Chance geben.

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