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  • 16.04.2018
  • von Inga Barthels

MeToo: Der Flirt - Terror für Männer, Ermächtigung für Frauen

von Inga Barthels

Unbehagen in der Kultur. Barbara Nagel analysiert das Flirten mittels kritischer Theorie. Foto: A. Hornischer

Beim Flirten haben Frauen die Oberhand, meint Literaturwissenschaftlerin Barbara Nagel. In der American Academy dozierte sie über seine kulturelle Bedeutung, früher und in Zeiten von MeToo.

Ist der Flirt in Gefahr? Seit Beginn der MeToo-Bewegung fühlen sich jedenfalls viele berufen, ihn zu verteidigen. Eine Gruppe französischer Frauen rund um die Schauspielerin Catherine Deneuve formulierte in einem offenen Brief die Schreckensvision einer „totalitären Gesellschaft“, in der jeder Flirt bereits ein Delikt ist. Auch der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki sinnierte über die Gefahr einer Anzeige, sollten einer Frau die Flirtversuche des Mannes nicht gefallen. Die Verunsicherung darüber, wie man „richtig“ flirtet, scheint groß zu sein.

Dass dieses Unbehagen nichts Neues ist, legt die Literaturwissenschaftlerin Barbara Nagel in ihrem Vortrag „The Terror of Flirtation from Critical Theory to #MeToo“ dar, den sie in der American Academy hielt. Nagel, die in Princeton lehrt und dieses Frühjahr Stipendiatin der Academy ist, beschäftigt sich mit der Thematik des Flirts in kritischer Theorie und Literatur des frühen 20. Jahrhunderts. Anhand der Ausführungen von Georg Simmel, Walter Benjamin und Ernst Bloch sowie literarischer Beispiele von Theodor Storm, Gottfried Keller und Theodor Fontane macht sie deutlich, dass der Flirt in Männern immer schon „Terror“ ausgelöst hat.

Das Gegenteil von männlichem Machtmissbrauch

Den Grund für diese Angst sieht Nagel in der Destabilisierung von Machtstrukturen, die ein Flirt bewirken kann. Es erfolgt ein Rollenwechsel, den Nagel als queer bezeichnet: Während eines Flirts kann die Frau für einen Moment die mächtigere Position einnehmen. Für Männer war dieses Erlebnis oft traumatisch. So schreibt Georg Simmel fast ehrfürchtig über die „Kokette“, die Meisterin darin sei, gleichzeitig „Ja“ und „Nein“ zu sagen. Der Umgang mit ihr, warnt Simmel, sei „für eitle Naturen eine furchtbare Gefahr“.

Eine wichtige Eigenschaft des Flirts ist für Nagel seine Zeitlichkeit. Sobald eine Frau entschieden hat, ob sie die Avancen des Mannes annimmt oder nicht, ist er vorbei. Gleichzeitig ist der Flirt eng verbunden mit Fiktionalität. Wird nichts daraus, können sich beide Personen nie sicher sein, ob er wirklich stattgefunden hat. Mit sexueller Gewalt aber, das macht Nagel deutlich, hat er nichts zu tun. Durch den Rollenwechsel, der beim Flirten stattfindet, stellt er das Gegenteil von männlichem Machtmissbrauch dar. Kubicki, Deneuve & Co können beruhigt sein: Flirten bleibt auch in Zeiten von MeToo erlaubt.

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