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  • 16.04.2018
  • von Nicola Kuhn

Schwerpunkt Postkolonialismus: Was Kuratorin Gabi Ngcobo für die 10. Berlin-Biennale plant

von Nicola Kuhn

Teamplayer. Gabi Ncobo (2. v. l.) mit ihren Kuratorenkollegen Thiago de Paula Souza, Nomaduma Rosa Masilela, Yvette Mutumba und Moses Serubiri (v. l.). Foto: F. Anthea Schaap

Bloß keine Helden mehr: Mit der Südafrikanerin Gabi Ngcobo hat man einen kritischen Geist für die 10. Berlin-Biennale engagiert. Eine Begegnung.

Nervös? Nein, das ist sie nicht, auch wenn die Berlin Biennale in zwei Monaten startet. Nur fürchterlich erkältet, und das seit drei Wochen. Gabi Ngcobo zieht die strahlend gelbe Sonnenbrille ab und schüttelt sich. Eigentlich sei das der denkbar schlechteste Moment für ein Interview, murmelt die aus Südafrika stammende Kuratorin. Ein Infekt hat sie fest im Griff. Doch dann schiebt Nomaduma Rosa Masilela, die zusammen mit dem weiteren Teammitglied Thiago de Paula Souza ebenfalls am Tisch sitzt, eine Packung Taschentücher herüber, Ngcobo strafft den Rücken und gibt ein geschliffenes Statement nach dem anderen ab.

Sorgen um die Jubiläumsausgabe der Berlin-Biennale, die vor 20 Jahren in den Kunst-Werken gegründet wurde und ab 9. Juni zum zehnten Mal stattfindet, braucht man sich also keine zu machen. Finanziell sowieso nicht, seitdem die Kulturstiftung des Bundes bekannt gegeben hat, dass sie diesen „kulturellen Leuchtturm“ bis 2022 fördern will und die Mittel um 500 000 Euro auf insgesamt drei Millionen Euro heraufgesetzt hat.

Ngcobos war Chefkuratorin in Kapstadt

Mag für viele der Name Gabi Ngcobos erst einmal neu gewesen sein, Biennale-Jetsetter, Kuratorenkollegen, internationale Scouts hatten ihn längst auf dem Plan. Berlins wichtigste Ausstellung aktueller Kunst wird wahrhaftig keiner Unbekannten anvertraut. Der Anruf, dass sie von der Berufungskommission für den Job ausgewählt worden sei, erreichte die 44-Jährige vor zwei Jahren auf der Biennale in São Paulo, die sie mitverantwortete. 2007 rettete sie als Chefkuratorin die erste Großausstellung zeitgenössischer Kunst in Kapstadt, nachdem die Mittel weggebrochen waren – ihr Eintrittsbillett für das Kuratorenkarussell.

Auch in Deutschland kann man die Hochschullehrerin von der Wits School of Arts der University of Witwatersrand kennen, auf der Berlin-Biennale war sie schon mehrfach präsent. So nahm Ngcobo 2008 am Kuratoren-Workshop „Eyes Wide Open“ teil. 2014 präsentierte die Mitbegründerin des Johannesburger Centres of Historical Reenactments ein Kooperationsprojekt der mittlerweile wieder aufgelösten Plattform. Ein Jahr später knüpfte sie sich am Frankfurter Weltkulturen-Museum mit der Ausstellung „A Labour of Love“ die Sammlung südafrikanischer Gegenwartkunst vor.

Ihr Thema sind Machtverhältnisse und Dekolonisation

Wer Gabi Ngcobo einlädt, holt sich also einen kritischen Geist ins Haus. Genau das wünscht sich die Berlin-Biennale mit jeder ihrer wechselnden Kuratorenberufungen. Hier präsentierte der polnische Ausstellungsmacher Adam Szymczyk seine spröde Kunstschau „When things cast no shadow“, die manchem im Nachhinein als Menetekel für seine deprimierende Documenta erschien. Hier suchte der Kolumbianer Juan Gaitán als endlich erster nicht-westlicher Kurator die Auseinandersetzung mit Humboldts Erbe. Hier führte zuletzt das New Yorker Quartett DIS die Kunst der Post-Internet-Generation vor, die sich erstaunlich politikfern gab.

Das ist mit Gabi Ngcobo nicht zu befürchten. Ihr Thema sind Machtverhältnisse, historische Narrationen, die Demontage von Herrschaftsstrukturen, überhaupt das Projekt der Dekolonisation. Als sie im Frühjahr 2017 ihr fünfköpfiges Team offiziell benannte, war das Staunen erst einmal groß. Mit Masilela, de Paula Souza, Moses Serubiri, Yvette Mutumba und dem Grafiker Maziyar Pahlevan präsentierte sie eine komplett schwarze Mannschaft. Mit deren Mitgliedern hatte sie sich schon früher in verschiedenen Initiativen zur „Anstiftung kreativer Störungen“ engagiert. „Die 10. Berlin Biennale schlägt einen Plan vor, wie man einem kollektiven Wahnsinn entgegentreten kann“, hieß es in der Pressemitteilung damals kämpferisch.

Das klang wild und vielversprechend, hörte sich allerdings schon sehr viel moderater an, als Gabi Ngcobo im Januar auf der Jahrespressekonferenz der Bundeskulturstiftung die Spielorte ihrer Biennale vorstellte. Nach ihrem Umzug vor einem Jahr von Johannisburg nach Berlin musste sie sich mittlerweile offensichtlich mit Pragmatismus bewaffnen. Die Kunst-Werke, die Akademie der Künste, das HAU sind wieder die bewährten Adressen. Mit dem Immobilienboom endete auch für die Berlin-Biennale die Zeit der Entdeckungen vergessener Orte. Neu kommen der gläserne Pavillon neben der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und das Zentrum für Kunst und Urbanistik hinzu. Hier blitzt noch ein revolutionärer Funke auf. Die im ehemaligen Güterbahnhof zu Arbeitsaufenthalten eingeladenen Künstler sollen der Frage nachgehen, „wie ihre politisierten Körper auf die Machtsysteme reagieren, die städtischer Architektur inhärent sind“, so die Ankündigung. Das könnte spannend werden, wenn nicht nur fluffiger Kuratorensprech dahintersteckt.

Wir sind alle postkolonial

Der Biennale-Titel „We Don’t Need Another Hero“ nach dem Tina-Turner- Song verspricht zumindest Unterhaltsamkeit. Trotz der anspruchsvollen Themen will Ngcobo ihrer Ausstellung eine Leichtigkeit geben, Zugänglichkeit, Relevanz für viele Menschen, wie sie sagt. Mit Erwartungen hat sie ohnehin zu kämpfen. „Berlin ist die postkolonialste Stadt“, rief sie im Januar bei der Vorstellung der Ausstellungsorte ihren Zuhörern zu. Das wurde sogleich als Kompliment an die Stadt verstanden, die sich mit der Umbenennung von Straßennamen und den richtigen Präsentationformen ethnologischer Kunst im Humboldt-Forum gerade alle Mühe gibt. Doch so war es nicht gemeint, vielmehr als kleine Provokation, wie Ngcobo im Gespräch richtigstellt. „Viele glauben, die Auseinandersetzung sei per se unsere Aufgabe,“ ärgert sie sich. „Aber wir sind alle postkolonial.“

Auch wenn die Südafrikanerin mit ihrer Biennale offensichtlich einen pädagogischen Auftrag verfolgt, will sie dennoch nicht Lehrer sein, wie sie betont. Die Methode „Un-Learning“, die schon Szymczyk mit seiner Documenta propagierte, gilt auch für ihre Ausstellung. „Ich will Fragen stellen,“ so Ngcobo, „Durch Zweifel lerne ich doch viel mehr.“ Noch sind das alles Ankündigungen, schwerelos im Raum. Zum Gallery-Weekend Ende April will die Kuratorin ihre Künstlerliste bekannt geben, um der Spannung die Spitze zu nehmen.

46 Künstler und Künstlerinnen werden teilnehmen, dazu drei Kollektive. Zumindest der Name von Okwui Okpokwasili ist raus, nachdem sie im Vorfeld für ihre Performance per Aufruf Tänzer und Musiker suchte. Okpokwasili plant die Aufführung eines nigerianisch inspirierten Trauerrituals, an dem auch die Ausstellungsbesucher teilnehmen können – als kollektiver Balsam. Möglich, dass mancher vor dem Biennale-Besuch noch nicht wusste, worum es sich zu trauern lohnt.

10. Berlin-Biennale, 9. 6. bis 9. 9. 2018. www.berlinbiennale.de

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