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  • 13.03.2018
  • von Peter von Becker

80 Jahre „Anschluss“ Österreichs: Wien, nicht nur du allein

von Peter von Becker

Vor dem Morden. Hitler grüßt in Wien die begeisterte Menge, neben ihm sitzt der österreichische NS-Chef Seyß-Inquart. Foto: Votava/dpa

Vor 80 Jahren erfolgte Österreichs „Anschluss“ ans NS-Reich. Mit Nachwirkungen bis heute, wovon auch Literatur und Theater erzählen.

Es gibt zahlreiche Bilder, die den Schrecken der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zwischen 1933 und ’45 bezeugen. Das Morden und Sterben. Nie aber haben Fotografien zuvor und wohl kaum einmal danach so ungeheuerlich das festgehalten, was vor dem Mord kommt – und was nicht die verbrämende Banalität des Bösen zeigt, sondern die offene, öffentliche Bereitschaft zum Bösen.

Diese Bilder stammen aus Wien und wurden im März 1938 gemacht, vor jetzt 80 Jahren. Wir zeigen sie hier nicht, sie sind berüchtigt und bekannt: Scharen von Männern und Frauen, auch Alten, die auf ihren Knien mit winzigen Bürsten, manchmal gar Zahnbürsten das Pflaster schrubben müssen. Als Erniedrigte, kommandiert von oft sehr jungen Männern, mitunter Schuljungen in Knickerbockerhosen, manche mit Hakenkreuzbinden. Das geschieht mitten in der Metropole der einstigen Donaumonarchie, nicht schattenhaft hinter fernen Frontlinien, und es wird beobachtet von Tausenden Gaffern. Viele lachen, viele Kinder, damit sie’s besser sehen können gleich in der vordersten Reihe, in der die Nachdrängenden wie Fans an Roten Teppichen zurückgehalten werden.

Kurz vor dem Massenmord ist die Demütigung und Misshandlung der am Boden knienden jüdischen Mitbürger Wiens eine allgemeine Lustbarkeit. „Reibpartie“ hieß die Gaudi. Unter anfeuernder Teilnahme der nichtjüdischen Mehrheit. Keine einzelnen Sadisten, nein, da feiert der entfesselte Mittelstand.

Hitlers Druck auf sein Geburtsland wuchs

Seit Hitlers Machtergreifung in Deutschland waren auch in Österreich die Nationalsozialisten immer stärker geworden. 1934 hatten sie gegen den Kanzler des autoritären „Ständestaats“ Engelbert Dollfuß geputscht und ihn bei einem Attentat tödlich verletzt. Die NS-Partei war offiziell verboten, doch Hitlers Druck auf sein Geburtsland wuchs. Schon in „Mein Kampf“ hatte er von einer „Wiedervereinigung“ zwischen Deutschland und Österreich gesprochen, musste dieses Ziel aber mit Rücksicht auf seinen italienischen Duce-Freund Mussolini zunächst zurückstellen. Italien war nach dem Weltkriegsende 1918 und dem Zerfall der Habsburger Monarchie in den Besitz von Südtirol gelangt, und Mussolini fürchtete, dass die Bevölkerung dort ihren Eintritt in ein großdeutsches Reich gefordert hätte.

Erst als Hitler den Faschisten in Rom einen Verzicht auf Südtirol zugesichert hatte, als Italien seit dem grausamen, unrühmlichen Abessinien-Feldzug in den Jahren 1935/36 außenpolitisch geschwächt war, als die deutsche Wiederaufrüstung florierte, England interventionsunwillig und Frankreich wegen innerer Krisen handlungsunfähig erschien, bereiteten Hitler und ganz maßgeblich Göring ab Herbst 1937 eine militärische Annexion Österreichs vor. Am 12. Februar 1938 empfing Hitler den Dollfuß-Nachfolger Kurt Schuschnigg zu einem Gespräch auf seinem Berghof am Obersalzberg, nahe der Grenze zum Salzburgischen. Während Österreichs Regierungschef den übermächtigen Berliner Kollegen immer korrekt als „Herr Reichskanzler“ ansprach, war er für Hitler nur der „Herr Schuschnigg“. Als „Führer“ aller Deutschen, zu denen selbst für Schuschnigg auch die Deutschösterreicher zählten, stellte Hitler ein Ultimatum, das die Übergabe der faktischen Macht in Wien an seinen dortigen NS-Stellvertreter Arthur Seyß-Inquart bedeuten sollte.

„Wiedervereinigung“ zweier Staaten, die vorher nie vereint waren

Schuschnigg willigte ein – unter Hitlers Drohung, ansonsten die Wehrmacht einmarschieren zu lassen. Im Übrigen könne er, Hitler, auch das Volk zwischen ihm und Herrn Schuschnigg wählen lassen, und da wüssten sie doch beide, wer dann gewinne. Als Schuschnigg hernach zwar Seyß-Inquart zu seinem Innenminister machte, aber am 9. März 1938 über den Rundfunk eine eigene Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Österreichs für den 13. März ankündigte, entschied Berlin zu handeln.

Eine dramatische Groteske der Geschichte. Am 9. März wurde Kurt Schuschnigg nach seiner Rundfunkrede als Kanzler der österreichischen Einheit noch öffentlich gefeiert, zwischen Wien und Innsbruck wehten die Nationalfarben Rot-Weiß. Und nur drei Tage später kam zu diesen Farben das Hakenkreuz hinzu. Auf Druck aus Berlin, um einen, wie er fürchtete, blutigen „Bürgerkrieg“ zu verhindern, setzte Schuschnigg sein Bundesheer außer Gefechtbereitschaft und trat zurück. Statt der geplanten Volksabstimmung fand heute vor 80 Jahren die Unterzeichnung eines Gesetzes zur „Wiedervereinigung“ der beiden Staaten statt, die zuvor historisch noch nie vereint gewesen waren.


Die Ankunft der Wehrmacht wurde frenetisch gefeiert

Die ab 12. März nach Österreich einrückende Wehrmacht wurde von der Bevölkerung allerdings nicht als Besatzer empfangen, sondern frenetisch gefeiert und mit Blumen beworfen. Als schließlich Adolf Hitler am Vormittag des 15. März auf dem Wiener Heldenplatz vom Balkon der Hofburg rief „Ich melde heute vor der deutschen Geschichte den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“, da nahmen der Jubel einer Viertelmillion Zuschauer und die „Sieg Heil“-Rufe kaum mehr ein Ende.

Mehr als 200 deutsche Flugzeuge warfen Millionen Blätter mit Propaganda für den (inoffiziell so genannten) „Anschluss“ Österreichs ab. Von 18 Kamerateams ließen die Nazis nicht nur in Wien für alle Welt den Triumph ihres Willens filmen. Und die Bürgerrechte für Juden und Oppositionelle wurden sofort aufgehoben, erste Transporte von Verhafteten gingen in das bei München gelegene KZ-Dachau. Schon in den beiden Tagen vor Hitlers Rede war es zu Ausschreitungen gegenüber Juden in dem nunmehr „Ostmark“ genannten neuen Teil des NS-Reichs gekommen. In Wien, wo fast 200 000 jüdische Bürger lebten, waren die ersten beim Versuch der Ausreise aus den Eisenbahnwaggons rausgeprügelt worden. Bald darauf begannen die beschriebenen „Reibpartien“ – als Bekräftigung der neuen Rechtlosigkeit. Wobei der österreichische Eifer bei der „Judenhatz“ wegen der auch im Ausland verbreiteten Bilder von Berlin alsbald etwas gebremst wurde. Noch sollte in den Resten einer zivilisierten Fassade der Zivilisationsbruch nicht ganz erkennbar sein.

Neues Buch von Manfred Flügge über Wien 1938

Viel über den düsteren Jubiläumsanlass kann man jetzt erfahren in Manfred Flügges „Stadt ohne Seele. Wien 1938“ (Aufbau Verlag, Berlin 2018, 479 Seiten, 25 €). Der 1946 geborene Berliner Romanist und Historiker ist ein Spezialist für die Geschichte der Emigration deutscher Autoren und Intellektueller; er hat einlässliche Studien über das Exil in Südfrankreich, über „Das Jahrhundert der Manns“ oder Biografien von Martha Feuchtwanger und Stéphane Hessel verfasst. Sein neues Buch macht die „Entseelung“ Wiens nicht nur generell am Verlust des jüdischen Kulturbürgertums ab 1938 fest. Es meint damit auch die Stadt der Psychoanalyse, deren Erfinder Sigmund Freud im Juni 1938, ein Jahr vor seinem Tod, hochbetagt über Paris nach London emigrieren musste.

Freud, den die Nazis besonders hassten, war das nur möglich wegen seines internationalen Ruhms und der Freundschaft mit seiner Patientin Marie Bonaparte, einer Nachfahrin des (von Hitler verehrten) Franzosenkaisers. Auch Egon Friedell, Franz Werfel und vor allem Robert Musil, die der Barbarei weichen mussten, spielen in Manfred Flügges Reflexionen eine Rolle, wobei das Scheitern von Musils Fragment gebliebenem Riesenroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ hier als Symbol auch einer österreichischen Ausweglosigkeit bedacht wird.

Nachwirkungen des österreichischen Antisemitismus

Geistes- und Realgeschichte sind in „Wien 1938“ mitunter freilich etwas sprunghaft oder gar redundant vermischt, der Erzählfaden droht zwischen dem einen und dem anderen auch mal verloren zu gehen. Aber im Ganzen: ein Gewinn. Was dagegen fehlt, ist die nur kurz angerissene Frage, warum der österreichische Antisemitismus so über Nacht sofort derart evident und fanatisch gewalttätig wurde. Warum Österreicher quantitativ dann auch überproportional häufig am Holocaust beteiligt waren. Also: ein Blick in die Mentalitätsgeschichte und Sozialpathologie der glanzvoll morbiden Stadt Wien, die nach 1918 nur noch der Wasserkopf eines vom Weltreich zum Kleinstaat geschrumpften Körpers war.

Es hatte und hat dies ja auch Nachwirkungen. In den Verdrängungsstrategien ab 1945, die Österreich vom Mittäter zum „ersten Opfer“ und einen Präsidenten Waldheim sehr vergesslich machten. Wovon auch Literatur und Theater erzählen, von Qualtingers „Herrn Karl“ bis zu Thomas Bernhard. Und jetzt regiert in Wien ein Vizekanzler, der Chef ist einer rechtsextremen, in Teilen wieder braunen Partei.

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