20.06.2018, 25°C
  • 12.03.2018
  • von Tomasz Kurianowicz

Musiktheater im Radialsystem: Halt in einer orientierungslosen Welt

von Tomasz Kurianowicz

Das Zafraan Ensemble Foto: Neda Navaee / Radialsystem

Musik, so vielschichtig und widersprüchlich wie der Mensch an sich: Das Musiktheater-Stück „Whole Body Like Gone“ im Radialsystem.

Wer bin ich? Und was sind die anderen? Das Musiktheater-Stück „Whole Body Like Gone“ stellt im Radialsystem die großen Fragen der Philosophiegeschichte – in gerade mal 60 Minuten. Evan Gardner hat die Musik komponiert, Regisseurin Ulrike Schwab den Assoziationsreigen in Szene gesetzt. Und schon nach wenigen Minuten ist klar: Hier bahnt sich eine Inszenierung an, die ganz bewusst die Ratlosigkeit sucht. Und die Überforderung.

Das liegt vor allem daran, dass die zehn Musiker des Zafraan Ensemles nur Bruchstücke ihres Könnens unter Beweis stellen dürfen. Denn Musik soll hier dekonstruiert werden: Kaum erklingt ein bisschen Mozart, kaum hört man ein wenig Gershwin, enden die Melodien in Lärm oder werden abrupt zum Stillstand gebracht. Ein Wohlgefühl darf nicht aufkommen.

Auch die Sopranistin Dénise Beck tritt mit angezogener Handbremse auf: Immer wieder unterbricht sie sich selbst, setzt Sprechgesang ein (dabei hat sie einen fantastischen, warmen Sopran), philosophiert auf Englisch und Deutsch über das Kinderkriegen oder die Suche nach dem Ich, windet sich, schreit herum, um bloß keinen Sinn oder musikalische Harmonie aufkommen zu lassen. Es geht allein um die Irritation, um den verstörenden Effekt.

Sehnsucht nach fester Identität

Für die Umsetzung dieses Ziels werden alle möglichen Formen des experimentellen Theaters eingesetzt: Die Close-Up-Kamera darf nicht fehlen wie auch der Knall und das Geschrei nicht. Dabei ist die Grundidee ja überzeugend: Komponist Evan Gardner verschränkt Jazz-, Pop- und Klassik-Elemente miteinander, um auf diese Weise einen musikalischen Kosmos heraufzubeschwören, bei dem individuelle Autorschaft keine Rolle mehr spielt. Die Musik soll so vielschichtig und widersprüchlich sein wie der Mensch an sich. Das klingt auf dem Papier zwar interessant. Aber im Ergebnis zeigt sich die Kluft zwischen Theorie und Praxis: Dem Stück ist schwierig zu folgen, die Musik ist so sperrig, dass unfreiwillig negative Impulse im Bauch entstehen: Überforderung, Fluchtreflexe und manchmal auch Wut.

Und plötzlich, ganz unvermittelt, stellt sich die Sehnsucht nach einer festen Identität ein. Das ist die unfreiwillige Pointe dieses polternden Abends: Der Mensch, so wie er ist, ist zwar vielschichtig. Doch am Ende sucht er nach Halt in einer orientierungslosen Welt. Auch das gehört zum Leben dazu.

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