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  • 06.03.2018
  • von Anja Kümmel

„Serverland“ von Josefine Rieks: Zurück in die Telefonzelle

von Anja Kümmel

Vernetzt mit der Natur. Die Berliner Schriftstellerin Josefine Rieks. Sie wurde 1988 in Höxter geboren. Foto: Tim Brüning/Hanser Verlag

Zukunft ohne Internet: Josefine Rieks spielt in ihrem Debütroman „Serverland“ mit einer nostalgischen Versuchsanordnung.

Josefine Rieks’ Romandebüt „Serverland“ hat etwas von einer Zeitreise ins Jahr 1984. Genauer gesagt: in jenen berühmten Apple-Werbespot, mit dem der erste Macintosh vorgestellt wurde. Darin holt eine junge Hammerwerferin zum Befreiungsschlag gegen den „Großen Bruder“ aus, der von einem gigantischen Bildschirm zu einer Masse graugesichtiger Arbeitsdrohnen spricht. Personal Computing der Marke Apple, so die Botschaft, wird eine gleichgeschaltete Überwachungsdystopie à la Orwell verhindern helfen!

2018 bewegen wir uns ganz selbstverständlich durch die geglätteten Filterblasen von Facebook, Amazon & Co, konsolidieren mit jedem Klick die Macht der Netzgiganten, lassen uns freiwillig überwachen – und klammern uns zugleich noch immer an den Gedanken, dass dies wohl ein Stück der ersehnten Freiheit sein muss. Eine paradoxe, nostalgisch aufgeladene Sehnsucht, aus der sich auch „Serverland“ speist. In der nahen Zukunft, so die Prämisse dieses Romans, gibt es kein Internet mehr. Es werden wieder Briefe verschickt (der Ich-Erzähler arbeitet bei der Deutschen Post), zum Kommunizieren geht man zur nächsten Telefonzelle, und wer sich verirrt, steigt aus dem Wagen und fragt Passanten nach dem Weg. Rieks’ Zukunft ist eine gemütlich-klaustrophobische Welt voller Eckkneipen und Schultheiß-Werbung, zugemüllter Sciroccos, Haribo und Grießpudding aus Tetra Paks, die nur darauf zu warten scheint, dass jemand sie zerschlägt.

Ich-Erzähler Reiner wird zum Messias der Datenströme

Die Rolle der Hammerwerferin fällt in diesem Szenario dem nerdigen Ich-Erzähler Reiner zu. Mit der gleichen Begeisterung, mit der heute jemand seiner Leidenschaft für Vinylplatten und Vintage-Möbel frönen würde, sammelt Reiner alte Notebooks. Sein größter Schatz: ein MacBook Air, auf dem sein Lieblingsspiel „Command & Conquer: Alarmstufe Rot“ endlich ohne Probleme läuft. Jedes Mal, wenn Reiner einen ausgedienten Laptop hochfährt, glaubt er sich im „Cockpit zu einer anderen Dimension“, beseelt von einer Aufbruchsstimmung, die ihn gut und gerne als Reinkarnation von Steve Jobs ausweisen könnte.

Als sein alter Kumpel Meyer ihn zu ein paar abgeschalteten Servern in einer Berliner Fabrikhalle führt, ist die Idee geboren: Das Internet muss wieder her! Gemeinsam begeben sie sich auf einen Roadtrip zu den stillgelegten Google-Serverhallen an der holländischen Küste, wo sich bereits eine Bewegung von Internet-Jüngern formiert hat. Reiner ist auf dem besten Weg, ihr Messias der Datenströme zu werden. Als es ihnen mit Hilfe einer von Reiner geschriebenen App gelingt, den Servern eine Reihe Youtube-Videos vergangener Jahrzehnte zu entlocken, gleicht dies einem veritablen Erweckungserlebnis: „So mussten sich Forscher beim Betreten der Bibliothek von Alexandria gefühlt haben.“ Schnell sind die Kids dabei, sich Guy-Fawkes-Masken auf die Kleidung zu malen; schlagwortartig wird auf den „starken Feminismus“ und die „kommunistische Vision“ des frühen Internets verwiesen. Die Gruppe beschließt, ein paar Videoclips auf CDs zu brennen und per Post an willkürlich ausgewählte Haushalte zu verschicken.

Charmant aber inhaltsleer

Diese Idee einer Proto-Vernetzung hat durchaus Charme. Schade nur, dass Josefine Rieks so viel Zeit darauf verwendet, die bekannten Problematiken jeder Gegenbewegung nachzuzeichnen. Wann ist der kritische Punkt erreicht, an dem sich das subversive Potential in den Mainstream auflöst? Und sie sich nicht mit Fragen befasst darüber, wie das Internet zu dem wurde, was es jetzt ist, und ob und wie es womöglich anders laufen könnte. „Für Vernetzung und Globalisierung!“, skandieren die Jugendlichen, während sie einander Videos von Elefanten im Zoo, strippenden Popstars und alkoholisierten Politikern zeigen. Alles Slogans, mit denen auch Apple 1984 seine ersten Macs unters Volk brachte, zudem bis heute ein fester Bestandteil der Silicon-Valley-Rhetorik. Ohne politischen Kontext sind sie inhaltsleer. Und hier beginnt der Roman auf der Stelle zu treten. Er tut so, als könne „das Internet“ in einem politischen und wirtschaftlichen Vakuum entstehen, suggeriert aber gleichzeitig, dass sich am derzeit herrschenden Neoliberalismus in der Retro-Zukunft nichts geändert hat. Ein paar Jugendliche, die sich wahllos durch Musik- und Amateurvideos klicken, als „absolute Spitze der menschlichen Entwicklung“ zu feiern, wirkt aus dieser Perspektive zynisch.

So ist „Serverland“ eine interessante Versuchsanordnung, deren nostalgisches Freiheitsversprechen so charmant wie leer daherkommt. An einer Stelle wird Slavoj Žižeks Videoaufzeichnung „Why There Are No Viable Political Alternatives to Unbridled Capitalism“ erwähnt, nur eine Diskussion darüber findet nicht statt. Während alle anderen Youtube-Clips von Make-up-Tutorials bis hin zu explodierenden iPhones im Anhang gelistet sind, fehlt bezeichnenderweise zu diesem Video der Link.

Josefine Rieks: Serverland. Roman. Hanser Verlag, München 2018. 176 Seiten, 18 €.

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