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Berlinale 2015

  • 24.02.2018
  • von Christiane Peitz, Sophie Krause

Berlinale-Preisverleihung: Goldener Bär für "Touch Me Not" von Adina Pintilie

von Christiane Peitz, Sophie Krause

Regisseurin Adina Pintilie sorgte für eine Riesenüberraschung auf der 68. Berlinale. Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch

Adina Pintilies radikaler Filmessay zählte nicht zu den Favoriten. Nun gewinnt sie den Goldenen Bären und den Preis für den besten Erstlingsfilm. Die deutschen Beiträge gingen leer aus.

So weiblich war die Berlinale noch nie: Schon die ersten Auszeichnungen bei der Bärengala gingen an Frauen, angefangen mit Ines Moldavsky, die einen Goldenen Bären für den besten Kurzfilm entgegennahm. "The Men Behind The Wall" erkundet Gender-Fragen.

So ging es weiter bis zum Goldenen Bären, der für eine Riesenüberraschung sorgte. Den Hauptpreis der Berlinale 2018 gewinnt einer der radikalsten, auch umstrittensten Filme des Wettbewerbs: "Touch Me Not" von Adina Pintilie aus Rumänien.

Das passt zu einem Wettbewerb, der durchweg extreme Filmsprachen und mutige Narrative versammelte. Die Favoriten in der Publikumsgunst, "Transit" von Christian Petzold, "In den Gängen" von Thomas Stuber und Gus Van Sants "Don't Worry, He Won't Get Far On Foot" gingen leer aus.

Adina Pintilie, die Regisseurin, holt ihre Darsteller auf die Bühne, bedankt sich unter anderem bei Laura Benson und Christian Bayerlein. Ihr dokumentarischer Filmessay lotet die Möglichkeiten und Grenzen der Intimität aus, zeigt unter anderem Schwerstbehinderte, Menschen in einem Swingerclub, Transsexuelle, einen Sextherapeuten. Alle Figuren geben sich Blößen, ohne dass der Film sie bloßstellt oder gar vorführt.

Pintilie gewinnt auch den Preis für den besten Erstlingsfilm, der nicht von der internationalen Jury unter Vorsitz des Regisseurs Tom Tykwer vergeben wird, sondern von einer anderen Jury. Der Erstlingspreis ist mit 50 000 Euro dotiert. Pintilie bedankt sich für das Vertrauen des Festivals und der Jury und vor allem bei ihren Schauspielern für den Mut vor der Kamera.

Auch der Dokumentarfilm-Preis geht an eine Filmemacherin. "Waldheims Walzer" von Ruth Beckermann aus Österreich gewinnt den mit 50 000 Euro dotierten Glashütte-Preis. Beckermann wird politisch bei ihrer Dankesrede. Ihr Film zeige, wie man mit Populismus, Rassismus, Antisemitismus Wahlen gewinnen kann. Was vor 30 Jahren bei Kurt Waldheim passierte, sei heute leider noch genauso aktuell, mit Politikern wie Orbán, Trump und den Österreichern Kurz und Strache.

Als Tom Tykwer und seine fünf Mitstreiter bei der Internationalen Jury auf die Bühne kommen, sagt Tykwer zu Moderatorin Anke Engelke: "Uns geht's gut. Wir haben spektakulär unterschiedliche Filme gesehen."

Der Silberne Bär für eine Herausragende Einzelleistung wird von US-Kritikerin Stephanie Zacharek verkündet: Ausstatterin Elena Okopnaya gewinnt die Auszeichnung für ihre Arbeit im russischen Wettbewerbsbeitrag "Dovlatov". Sie ist die Ehefrau des "Dovlatov"-Regisseurs Alexey German Jr., der vom Leben des Schriftstellers Dovlatov unter den Bedingungen der Zensur erzählt.

Das beste Drehbuch gibt Chema Prado bekannt. Die Auszeichnung geht an den mexikanischen Beitrag "Museo". Regisseur Alonso Ruizpalacios hat selber das Drehbuch über einen spektakulären Kunstraub nach einer wahren Geschichte geschrieben. Immerhin mal ein Preis für einen Mann.

Den Darsteller-Preis erhält erstaunlicherweise der Protagonist von "La Prière", Anthony Bajon. Der französische Film war in den Kritiker-Rankings nicht sonderlich hoch bewertet worden. Offenbar wollte die Jury einen besonders jungen Schauspieler auszeichnen. Die Deutschen hatten auf Franz Rogowski gehofft, der in gleich zwei Wettbewerbsfilmen die Hauptrolle spielte. Schade.

Beste Darstellerin wird Ana Brun, die stille, starke Heldin in "Las Herederas" aus Paraguay. Der Erstlingsfilm gehörte in den letzten Festivaltagen zu den Favoriten auch für den Hauptpreis. Ana Brun hat Tränen in den Augen. Schon bei ihrer Pressekonferenz hatte sie geweint. Sie widmet den Preis den Frauen ihres Landes und besonders ihrer Mutter, die ihr beigebracht hat, die Kunst und die Poesie zu lieben.

Der Alfred-Bauer-Preis für einen Film, der neue Perspektiven eröffnet, geht ebenfalls an "Las Herederas". Es ist der erste Spielfilm von Marcelo Martinessi, der mit der Emanzipationsgeschichte einer älteren Frau eine Welt der Frauen in der paraguayischen Hauptstadt Asunción zeigt. Er bedankt sich bei seinen Darstellerinnen, dass sie seine Charaktere wirklich zum Leben erweckt haben.

Bill Murray nimmt den Preis für die beste Regie entgegen, stellvertretend für "Isle Of Dogs"-Regisseur Wes Anderson. Der Hollywoodstar sorgt für den größten Lacher bei dieser Bärengala: "Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal als Hund arbeiten würde und dann einen Bären mit nach Hause nehme", sagt Murray, der in dem Animationsfilm einem der Hunde seine Stimme leiht. "Ich bin ein Berliner Hund", fügt er hinzu. Den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) freut das.

"Moonlight"-Produzentin und Oscargewinnerin Adele Romanski verkündet den Großen Preis der Jury, mit dem der polnische Wettbewerbsbeitrag "Twarz" ausgezeichnet wird. Auch das der Film einer Frau, Malgorzata Szumowska geht darin leichthändig und dennoch unmissverständlich kritisch mit der katholischen Kirche ins Gericht. "Ich freue mich sehr, dass ich Regisseurin bin", sagt sie.

Erstes Fazit: In der Tat passen die Jury-Entscheidungen zu einem Festivaljahrgang, in dem der Wettbewerb heftig polarisiert hatte. Die Kritik an der Berlinale, sie zeige in der Königsdisziplin des Bärenrennens lauwarme, mittelmäßige Filme, hat sich nicht bewahrheitet. Tykwer und Co. geben ein unmissverständliches Statement für Filme ab, die ins Risiko gehen. für Filme von Frauen und von jungen Regisseuren.

Sieben von zwölf Goldenen und Silbernen Bären gehen in diesem Jahr an Frauen, eine echte Premiere. Mit dem Goldenen Bär für Adina Pintilie wird außerdem zum zweiten Mal in Folge eine Frau mit dem Hauptpreis gewürdigt. Letztes Jahr gewann Ildikó Enyedi aus Ungarn für "Körper und Seele". Adina Pintilie ist damit die fünfte Regisseurin in der Geschichte der Internationalen Filmfestspiele Berlin, die einen Goldenen Bären gewinnt. Damit ist die Berlinale Frauenquoten-Siegerin vor Cannes und Venedig.

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