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  • 09.01.2018
  • von Bernhard Schulz

Historienmalerei des 19. Jhdt.: Helden ihrer Zeit

von Bernhard Schulz

Uniformknopf-Maler? Anton von Werners „Etappenquartier vor Paris (14. Oktober 1870)“, 1894, hängt in der Alten Nationalgalerie Berlin. Der deutsche Maler wurde zu Lebzeiten eher geringgeschätzt. Als Meister des Historien-Genres galten die Franzosen. Foto: SMB/Jörg P. Anders

Die Erfindung der nationalen Identität auf den Staffeleien des 19. Jhdt: Der Kunsthistoriker Matthias Eberle legt mit „Im Spiegel der Geschichte“ ein profundes Buch über die Historienmalerei vor.

Die Gegenüberstellung zweier Gemälde, mit der das Buch beginnt, ist schlagend. Dargestellt ist beide Male Napoleon, wie er im Jahr 1800 auf dem Italienischen Feldzug die Alpen überquert. Nur reitet einmal ein Feldherr in Gardeuniform, mit der rechten Hand vorausweisend, auf einem munteren Schimmel, das andere Mal trottet er im grauen Feldmantel und mit bedrücktem Gesicht auf einem müden Maulesel. Das ältere Bild stammt von Jacques Louis David aus dem Jahr 1801, das jüngere von Paul Delaroche von 1848.

Dasselbe Ereignis, doch im Abstand von einem halben Jahrhundert zwei unterschiedliche, ja gegensätzliche Interpretationen. Dieser Kontrast macht die Spannweite des Genres deutlich. Die Historienmalerei – verstanden als die Abbildung realgeschichtlicher Ereignisse, im Unterschied zur Darstellung biblischer historiae – will eben nicht einfach „bloß zeigen, wie es eigentlich gewesen“ ist, um das berühmte Wort Leopold Rankes über die Aufgabe des Historikers zu zitieren. Sie interpretiert, sie ergänzt, verdichtet, verfälscht; je nachdem, aus welcher Perspektive und in welchem zeitlichen Abstand man sie betrachtet.

Die Renaissance der Geschichte

Die hohe Zeit der Historienmalerei ist das 19. Jahrhundert, und darin ganz besonders die Spanne zwischen 1830 – nach dem Abklingen der Verwerfungen, die die napoleonischen Kriege über ganz Europa brachten – und 1900, als sich das neue Jahrhundert von der Fixierung auf die Vergangenheit frei zu machen begann. Dieser Zeitspanne hat der Berliner Kunsthistoriker, langjährige Professor an der Kunsthochschule Weißensee und Experte für das Œuvre Max Liebermanns, Matthias Eberle, ein umfangreiches Buch gewidmet: „Im Spiegel der Geschichte. Realistische Historienmalerei in Westeuropa 1830 –1900“.

Weltliche Historienmalerei hatte es seit Jahrhunderten gegeben. Die Kunst der Renaissance ist voller Verherrlichungen zeitgenössischer Ereignisse, man denke nur an die großen Gemäldezyklen in Florenz oder Venedig. Aber erst das 19. Jahrhundert, das zu Beginn den Umsturz aller politischen Verhältnisse erlebt hatte, verstand historische Ereignisse als Fakten, die es in allen Dimensionen auszuleuchten galt. Eberle weist auf den historischen Roman hin und dessen großen Meister, Walter Scott, der das Mittelalter für eine zeitgenössische Leserschaft anschaulich machen konnte. Überall wurden nun historische Romane geschrieben, von Victor Hugo bis James Fenimore Cooper. Die Maler folgten. Der erste, international bedeutende Historienmaler war Paul Delaroche, der mit seinen Themen der englischen Geschichte gerade in England Erfolg hatte. Im neu gegründeten Staat Belgien, aber auch in der „verspäteten Nation“ Deutschland diente die Malerei der Schaffung einer nationalen Identität, die sich auf ihre jeweilige heroische Vergangenheit berufen konnte.

Die Historienmalerei ging mit dem Siegeszug des Nationalismus einher

Eberle berücksichtigt in seinem knapp 500 großformatige Seiten starken Buch in erster Linie Frankreich, daneben Deutschland und Großbritannien. Der kunsthistorischen Einordnung in nationale „Schulen“ fügt er er die Darstellung grenzüberschreitender Beziehungen hinzu, insbesondere derjenigen zwischen Frankreich und England. 220 Farbabbildungen machen das Buch zu einem Kompendium der Historienmalerei, wie es seit dem Katalog der Kölner Ausstellung von 1987, „Triumph und Tod des Helden“, nicht mehr zu finden war.

Der Autor verwendet große Sorgfalt darauf, die literarischen Quellen der Gemälde und die Umstände ihrer Entstehung darzulegen, doch steht die Beobachtung und Interpretation jedes einzelnen Bildes im Zentrum. Da erweist sich Eberle ganz als Kunsthistoriker alter Schule. In all dem Detailreichtum geht bisweilen der Blick dafür verloren, dass die Blüte des Historienbildes mit dem Siegeszug des Nationalismus einhergeht. Die Vergegenwärtigung der eigenen Geschichte diente der Legitimation der gegenwärtigen Staatsform. Das gilt naturgemäß für die an öffentlichen Orten angebrachten Werke.

Übrigens könnte man fragen, inwieweit die zahlreichen der Antike entnommenen Darstellungen überhaupt „realistisch“ genannt werden können. Es ist dies, ob bei Gérome oder Rochegrosse, ein Kostüm-Realismus, der mehr mit der Grand Opéra zu tun hat als mit dem Studium der Antike. Die Grenzen der Historienmalerei werden mehr als einmal berührt; so wenn Eberle die in der römischen Antike angesiedelten Gemälde von Lawrence Alma-Tadema, „Die Skulpturengalerie“ und „Die Gemäldegalerie“, als ironische Kommentare auf den Kunstbetrieb entschlüsselt.

Auch die Gegenwart wurde zum Gegenstand der Malerei

Aktuelle Ereignisse beeinflussten fortwährend die Historienmalerei, vor allem die in mehreren Ländern Europas aufflammende Revolution von 1848. An die Stelle vergangener Taten trat die Schilderung von Tagesereignissen, wie bei Adolph Menzel, der die Aufbahrung der Opfer malte. Als sich die politischen Verhältnisse nicht besserten, zog sich Menzel auf die Darstellung – und Idyllisierung – des preußischen Königs Friedrich des Großen zurück.

In Großbritannien hingegen konnten sich die Künstler mit Ereignissen befassen, die unmittelbar zur Größe des Landes und seines Parlaments geführt hatten. Eberles Darstellung der britischen Historienmalerei fällt aus der üblichen kunsthistorischen Abfolge mit der Dominanz der französischen Malerei heraus. In Großbritannien verschränken sich die Berufung auf mittelalterliche und frühneuzeitliche Ereignisse und die Bearbeitung der aktuellen Probleme der Industrialisierung. Die detailversessene Interpretation von Ford Madox Browns 1863 vollendetem Hauptwerk „Arbeit“ als „Bild zur Lage der Nation“ überzeugt durchaus. Auch wenn das Gemälde kein konkretes Ereignis, sondern einen Zustand schildert, so wie später Menzels grandioses Industriebild „Eisenwalzwerk“ von 1875.

Matthias Eberle holt auch vergessene Maler hervor

Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 bot erneut eine Fülle von Sujets für die Historienmalerei. Zugleich aber spielten Themen der Kirchengeschichte eine große Rolle: Frankreich war über Jahrzehnte damit beschäftigt, den Einfluss der katholischen Kirche zurückzudrängen. Mit Jean-Paul Laurens stellt Matthias Eberle einen der heute weitgehend vergessenen Maler vor, die zu ihrer Zeit prägend waren und großen Erfolg genossen; Laurens galt bald als „der letzte große Vertreter der Historienmalerei in Frankreich“.

Die deutsche Historienmalerei reichte, nicht zuletzt mangels entsprechender Aufträge, nur selten an das Niveau des französischen Vorbilds heran. Eine Ausnahme ist der heutzutage als „Uniformknopf-Maler“ verachtete Anton von Werner, der unter anderem mit der in drei Versionen ausgeführten „Proklamation des Deutschen Kaiserreichs am 18. Januar 1871“ ein zeitgenössisches Historienbild par excellence geschaffen hat.

Faszinierender wie fundierter Überblick

Mit dem Aufkommen erst der Fotografie und dann des Films verlor die Historienmalerei ihren Rang und ihr öffentliches Interesse. Schon Édouard Manet hatte sich mit der „Erschießung Kaiser Maximilians“ von 1869 zum einen über die historische Genauigkeit hinweggesetzt, zum anderen teilweise nach fotografischen Vorlagen gearbeitet. Mit dem Siegeszug des Films – und mit dieser Pointe schließt Eberles monumentales Buch – dienten Historiengemälde bisweilen als Vorlage für Kinobilder. Die Schaulust des Publikums richtete sich nicht länger, wie einst in Paris, auf den „Salon“, sondern auf die bewegten Bilder im Kino.

Dem heutigen Leser bietet das Buch von Matthias Eberle einen ebenso faszinierenden wie fundierten Überblick über eine Gattung, die ganz zu Unrecht über ein Jahrhundert lang ein Schattendasein hatte führen müssen. So lange, bis Museen wie das Pariser Musée d’Orsay deren Gleichberechtigung mit der bis dahin bevorzugten Moderne erkannten.

Matthias Eberle: Im Spiegel der Geschichte. Realistische Historienmalerei in Westeuropa 1830 – 1900. Hirmer Verlag, München 2017. 495 Seiten, 242 Abb., 69 €.

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