27.05.2018, 26°C
  • 15.12.2017
  • von Rolf Brockschmidt

Ausstellung im Kraftwerk Berlin: Kunst aus Katar zeigt gesellschaftlichen Wandel

von Rolf Brockschmidt

Provokant. Die Skulptur „Hmmm…“ basiert auf einer Performance der katarischen Künstlerin Hana al Saadi. Foto: Rolf Brockschmidt

Das Emirat Katar präsentiert im Kraftwerk Berlin mehr als 300 zeitgenössische Kunstwerke von über 70 Künstlern und Künstlerinnen.

Ein wunderbares Spiel aus Farben und Ornamenten bietet sich dem Betrachter, ein riesiger Teppich, sechs mal 13 Meter groß. Doch bei näherem Hinsehen entdeckt man das Profil einer Schuhsohle darauf, und rasch wird klar: Das ist kein Textil, sondern ein Kunstwerk aus gefärbtem Sand. Das Publikum staunt und zögert, trotz Einladung der Künstlerin Emilina Soares, das Werk zu betreten. Die Besucher bewegen sich, als gingen sie auf rohen Eiern. Soares erzählt von ihren indischen und portugiesischen Wurzeln, geboren aber ist sie in Doha. 300 Kilogramm Sand hat die Künstlerin mit Textilfarben nach indischer Tradition eingefärbt und innerhalb von vier Tagen den riesigen „Teppich“ aus Sand gelegt. „Die Muster stammen aus den drei Kulturen, die mich prägen,“ erklärt Soares „Wenn die Menschen sich trauen, komme ich auf dem Teppich mit ihnen ins Gespräch.“

So geht es zunächst vielen Besuchern der Ausstellung „Zeitgenössische Kunst – Katar“ in den riesigen Betonhallen des alten Kraftwerks in der Köpenicker Straße, wo der nationale Museumsverbund Qatar Museums auf 7500 Quadratmetern mehr als 300 Kunstwerke von über 70 Künstlern zeigt: die größte Ausstellung moderner Kunst des Landes überhaupt. Sie bildet das Gegenstück zur Schau, die gerade in Doha zu sehen ist und das deutsch-katarische Kulturjahr abschließt. Manch einer mag zögern angesichts der Schlagzeilen, die das Emirat zurzeit macht: die Lage der ausländischen Arbeiter, die Blockade durch die saudische Initiative wegen der angeblichen Unterstützung des islamistischen Terrorismus. All das wird in der Ausstellung nicht angesprochen, allenfalls unterschwellig berührt.

Wer sich dennoch auf die Werke einlässt, wird überrascht. Im Erdgeschoss dominieren Fotografie und Video, katarische Künstler und ausländische Gastkünstler zeigen ihre Sicht auf das Land. In ihren Bildern dominieren die Ölförderanlagen, die seltsam surreale Strukturen in der Wüste bilden, die Wüste selbst, die glitzernde Skyline von Doha. Katar bedeutet vor allem Gegenwart. Und doch zieht sich eine Sehnsucht nach dem Ursprünglichen durch viele der Arbeiten.

Bauen als großes Thema in Katar

Der in London lebende Fotograf Abdullah al Khalaf hat in Berlin, München, Füssen und anderen deutschen Städten Straßenszenen fotografiert, Geschichten in Schwarz-Weiß. Für ihn muss der deutsche Alltag exotisch wirken. „Es gibt keine roten Linien,“ sagt er über seine Arbeit. „Unsere Generation geht ihren Weg.“ Ähnlich formuliert es Manar Yousef, die in Berlin Fotografie studiert und in der Ausstellung Lichtboxen deutscher Kulturgüter zeigt, wie etwa das Treppenhaus der Hamburger Kunsthalle oder das nebelverhangene Schloss Hohenschwangau.

In den Hallen des ehemaligen Kraftwerks ist nicht immer leicht zu identifizieren, welche Arbeit aus Katar und welche von einem Austauschkünstler aus dem Ausland stammt. Genau das haben die Kuratoren von Qatar Museums intendiert. Auf der zweiten Ebene des gewaltigen Baus präsentieren die französischen Schwestern Brigitte und Marian Lacombe Porträts arabischer Sportlerinnen, die sie für die Olympischen Spiele 2012 geschaffen haben. Die Ausstellung dokumentiert den Wandel, der die katarische Gesellschaft erfasst: Mehr mehr als die Hälfte der Künstler sind junge Frauen, bei der Eröffnung waren auch so gut wie keine Kopftücher zu sehen.

Auf der dritten Ebene sind künstlerische Positionen aus Katar zu sehen, darunter Werke, die sich mit dem Bauboom beschäftigen. Eine Installation aus gestaffelten transparenten Acrylscheiben zeigt das Verschwinden der alten Gassen zugunsten enger Hochhausschluchten, Spielzeugfiguren werden zu Betonfiguren. Bauen ist ein großes Thema in Katar.

Experimentelles neben Tuschezeichnungen

Provokant müssen für katarische Verhältnisse zwei Skulpturen wirken: eine sitzende Tänzerin, die eine Abaya, das lange traditionelle Gewand der Golfregion trägt. Darunter schauen Ballettschuhe hervor. Hana al Saadi hat zu dieser Figur „Hmmm…“ eine Performance an der Corniche von Doha aufgeführt, bei der sie über der Abaya ein Tutu trug und tanzte, um die Reaktionen der Passanten zu testen. Leider bleibt der performative Aspekt des Werks in der Ausstellung unerwähnt. Mutig ist auch die Figurengruppe „Religiöse Eitelkeit“ von Othman M. R. Khunji. Sieben schwarze Figuren aus dem 3-D-Drucker beten auf einer Marmorplatte einen silbernen Würfel an. Eine Anspielung auf die Heilige Kaaba in Mekka.

Überhaupt das Digitale. Nicht nur 3-D-Drucker werden benutzt, auch digitalisierte und verpixelte Bilder, 3-D-Gebirge, die die Tonhöhen einer klassischen arabischen Zither wiedergeben. Es wird experimentiert, aber auch mit Tusche auf Papier gezeichnet. Die Ausstellung zeigt ein Land im Umbruch. 2018 wird ein Museum für Moderne Kunst von Jean Nouvel eröffnet, es will junge Künstler fördern, um sie fit für den Kunstmarkt zu machen. Stipendienprogramme für Auslandsaufenthalte können hier helfen, denn durch den internationalen Austausch entstehen neue Ideen und Gedanken.

Kraftwerk Berlin, Köpenicker Str. 70, bis 3. 1.; So bis Do 10 – 21 Uhr, Fr / Sa bis 23 Uhr. Geschlossen am: 24.,25.,31.12. und 1.1.

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