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  • 14.12.2017
  • von Sandra Luzina

Premiere mit Mette Ingvartsens: Stellungskrämpfe an der Volksbühne

von Sandra Luzina

Die Choreographin Mette Ingvartsen verausgabt sich körperlich in ihrem Stück „21 Pornographies“ FOTO: JENS SETHZMAN

Sinnsuche in der Ära Dercon. Der Tanzabend der dänischen Choreografin Mette Ingvartsens an der Volksbühne ist Pipikram, aber nicht jugendfrei.

Kann jetzt nur noch der Sex die Volksbühne retten? Eine Altersempfehlung von 18 Jahren wurde für die „Red Pieces“ von Mette Ingvartsen ausgegeben. Die dänische Choreografin hat sich nach „69 Positions“ (2014) und „7 Pleasures“ (2015) weiter mit den Ausdrucksformen körperlicher Lüste beschäftigt. Manche Themen verlangen halt nach einer vertieften Auseinandersetzung. Dabei ist sie auf Marquis de Sade gestoßen – die härteren Spielarten der Pornografie. Bei ihrem Volksbühnen-Debüt kombiniert sie nun das neue Stück „21 Pornographies“ mit „To Come (Extended)“, einer erweiterten Version ihrer Choreografie von 2015. „Freude ist eine feministische Strategie des Widerstands“, lautet die Losung. Auf dem Weg dahin muss man erst mal die Höllenkreise der Lüste durchmessen. „21 Pornographies“, das klingt ein bisschen nach Supermarkt. Hier ist denn auch alles im Angebot: Sexsklaven, Erniedrigung, Missbrauch – und Schokolade.

Mette Ingvartsen im weißen Hemd und schwarzer Hose gibt die Erzählerin. „Stell dir vor“, sagt sie mit einer Stimme, als wolle sie die Zuschauer in eine Märchenwelt entführen. Doch bald schnallen die Versierten, dass sie Szenen aus Pasolinis Skandalfilm „Die 120 Tage von Sodom“ schildert. Wenn davon die Rede ist, dass die Lady in Black den alten Säcken ihre „besten Teile“ zeigt, lässt auch die Performerin kurz die Hose runter und streckt den Zuschauern ihren Po entgegen.

Gewaltporno oder ekstatisches Happening?

Das – englische – Nacherzählen von Filmen verbindet sie mit illustrierenden Gesten. Berichtet sie davon, wie Soldaten auf Tote urinieren, dann pinkelt auch die Performerin auf die Bühne. Dabei lässt sie die Zuschauer im Unklaren, auf welche Filme sie sich bezieht – Gewaltpornos oder ekstatische Happenings aus den Sechzigern. Um de Sade genießbar zu machen, gibt’s noch eine Schoko-Praline. Die finden die Zuschauer unter ihrem Sitz.

Doch es wird auch deutlich, dass Ingvartsen keine Haltung hat zu de Sade. Verstörend ist ihr Stück nicht. Ärgerlich dafür der Schluss, wenn sie sich mit schwarzer Kapuze um die eigene Achse dreht und dabei eine Neonröhre in die Höhe hält: eine Anspielung auf das Foltergefängnis Abu Ghraib. Doch hier findet nur eine Ästhetisierung von Gewalt statt. Infernalische Musik und Lichtblitze machen die Szene fürs Publikum zu einer Tortur.

Sex im Ganzkörperkondom

In der Pause kann man sich dann Vaginas anschauen. Im Sternfoyer und Roten Salon werden experimentelle Filme gezeigt, etwa von Valie Export und Carolee Schneemann. „To Come (Extended)“, nun für 15 Tänzer konzipiert, bietet noch mehr Stellungen. Die Performer sind entpersonalisiert; sie stecken in blauen Trikots, Ganzkörperkondomen. Das Stück wirkt wie eine Blaupause für eine Orgie. Jedes Körperteil kann sich mit jedem verbinden – zu sehen ist eine gut geschmierte Körpermaschine. Sinnlich ist die kombinatorische Fantasie nicht.

Anders als in der Originalfassung müssen die Performer nun blankziehen. Sie setzen sich Kopfhörer auf und simulieren stöhnend einen multiplen Orgasmus. Der ausgelassene Nackttanz zu Swing-Musik soll zum Schluss dann pure Lebensfreude demonstrieren. Eine Choreografie als verkappte Sextherapie.

Aber es gibt ja noch die Lust am Denken. Der Vortrag über „Wet Aesthetics“, den die belgische Philosophin Petra Van Brabandt zu später Stunde hält, ist nach den ermüdenden Bühnenpraktiken wirklich anregend. Das Fazit dieses zwiespältigen Lustexperiments lautet: Die Volksbühne steht immer noch am Scheideweg.

Volksbühne: bis Sa 16.12., jeweils 19 Uhr

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