18.12.2017, 2°C
  • 07.12.2017
  • von Silvia Hallensleben

Türkisches Drama „Clair Obscur“: Zwei Frauen kämpfen um Freiheit

von Silvia Hallensleben

Sehnsucht nach Nähe. Die Psychotherapeutin Şehnaz (Funda Eryiğit). Foto: Real Fiction

Yeşim Ustaoğlu erzählt in „Clair Obscur“ die Geschichte zweier türkischen Frauen, die gegen männliche Unterdrückung aufbegehren.

Ein sozial und kulturell tief gespaltenes Land. Tobende Elemente und Emotionen. Und zwei junge türkische Frauen im Sog missbräuchlicher Männerbeziehungen. Das sind die Grundelemente von Yeşim Ustaoğlus jüngstem, in einer Parallelbewegung elliptisch erzählten Film. Dabei treffen Elmas (Ecem Uzun) und Şehnaz (Funda Eryiğit) in sehr ungleicher Position aufeinander. Die eine als junges Opfer von elterlicher Misshandlung, Zwangsverheiratung und Gewalt. Die andere arbeitet als Psychotherapeutin in einer Provinzklinik und versucht nach Elmas’ Einlieferung, die Ursachen ihrer Traumatisierung herauszufinden und zu behandeln.

Die Inszenierung stellt die soziale Differenz der beiden Frauen fast holzschnittartig aus: Şehnaz pendelt zwischen ihrem karg möblierten Dienstapartment am Meer und einer luxuriös ausgestatteten Istanbuler Villa, wo ein begehrender Ehemann (Mehmet Kurtuluş) mit leckerem Essen in der Designerküche wartet. Elmas dagegen schleicht in der engen Mietwohnung von den täglichen Diensten an der missgünstigen diabetischen Schwiegermutter zu nächtlichen am grobschlächtigen Ehemann – einziges kleines Aufbegehren sind die Zigaretten, die sie heimlich auf der Loggia raucht. Eines Tages wird sie genau dort halb erfroren und verstört von der Feuerwehr aufgefunden und landet im Krankenhaus. Ehemann und Schwiegermutter, das erfahren wir nach und nach, starben in dieser Nacht.

Die 1960 geborene Regisseurin Yeşim Ustaoğlu  ist seit ihrem Roadmovie „Reise zur Sonne“ 1999 die wichtigste Regisseurin der Türkei und mit Themen wie der Situation der Kurden oder der Vertreibung der Griechen („Wolken stehen am Himmel“) auch politisch eine vernehmbare Stimme. In „Pandoras Box“ setzte sie die Demenz einer alten Frau gegen die neuen AKP-kapitalisierten Verhältnisse. Doch der Humor, der dort noch eine wichtige Rolle spielte, war schon bei „Araf“ mit einem tragisch scheiternden Ausbruchsversuch reiner Bitterkeit gewichen.

Therapeutischer Exorzismus

„Clair Obscur“ endet nicht im Desaster. Dennoch verdüstert sich Ustaoğlus Palette noch einmal sichtbar. Denn nicht wirklich überraschend offenbart sich bald auch Şehnaz’ zuerst fotoromanhaft scheinende Beziehung als ähnlich fremdbestimmt wie die provinzielle Zwangsehe. Während dies vor allem in ausgiebigen Sexszenen erzählt wird, gipfelt die Begegnung der beiden Frauen in einem therapeutischen Exorzismus, der von Uzun grandios gespielt ist, inszeniert aber – im Unterschied zu den bisherigen Filmen der Regisseurin – so überdeutlich und grell wie die anfängliche Prämisse. Da scheint der deutsche Verleihtitel „Clair Obscur“ ästhetisches Programm, während das türkische Original „Tereddüt“ (so viel wie „Unschlüssigkeit“) fast konträr den labilen Seelenzustand der Heldinnen bezeichnen könnte.

Vielleicht geht das ja derzeit nicht anders, und frau muss wenigstens im Kino laut schreien in einem Land, dessen Vizeregierungschef seinen Bürgerinnen gerne das Lachen verbieten würde. So liest sich „Clair Obscur“ am schlüssigsten als Symptom der politischen Verhältnisse. Gewürdigt wurde dies jedenfalls von den internationalen Jurys der Filmfestivals von Antalya und Istanbul, die Ustaoğlu beide für die beste Regie und die zarte Ecem Uzun als beste Darstellerin auszeichneten.

OmU: Eiszeit, fsk, Hackesche Höfe, Il Kino, Lichtblick

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