17.11.2017, 8°C
  • 10.11.2017
  • von Simone Reber

Künstler Julius von Bismarck: Ganz nah dran am Donnerwetter

von Simone Reber

Konfrontationskurs. Julius von Bismarck in seinem Atelier. Foto: Agnieszka Budek

Spagat zwischen Outdoor-Abenteuer und Großrauminstallation: Julius von Bismarck erhält den Wolfsburger Kunstpreis.

Da sitzt er vor seiner Versuchsanordnung und sieht aus wie ein moderner Leonardo da Vinci. Der lange Patriarchenbart lenkt ab von den jungen, hellwachen Augen. Neben Julius von Bismarck ist ein rund geschliffener Granit in den Schraubstock eingespannt. Eine Assistentin hat begonnen, exakte Kreislinien auf den Stein zu zeichnen. Anschließend soll der Findling gesprengt werden.

„Gewaltenteilung“ nennt Julius von Bismarck seine Ausstellung in der Städtischen Galerie Wolfsburg. Sie ist Teil des mit 10 200 Euro dotierten Kunstpreises „Junge Stadt sieht Junge Kunst“, der am 11. November verliehen wird. Dazu gehören auch eine Publikation und der Ankauf eines Werkes.

Sein weitläufiges Atelier in der Malzfabrik am Südkreuz teilt sich der Künstler mit Kollegen und Mitarbeitern. Im Büro wuchern Grünpflanzen als Sichtschutz. Die Tür zur Feinwerkstatt wird halb automatisch mithilfe eines aufgehängten Farbeimers geschlossen. Mit seiner robusten Statur passt Julius von Bismarck ebenso gut in die historische Industriearchitektur wie in den Regenwald. Mit diesem Spagat zwischen Outdoor-Abenteuer und Großrauminstallation trifft er den Nerv der Zeit. Gerade nimmt die Karriere des 34-Jährigen volle Fahrt auf.

Furchteinflößende Schönheit

Bei „Gewaltenteilung“ geht es um die Konfrontation mit Naturgewalten. Für die Ausstellung in der Autostadt ist Bismarck auf Hurrikan-Jagd gegangen, hat Wetterextreme beobachtet, die als Folgen des Klimawandels vom Menschen verursacht sind. Die vergangenen Wochen hat er mit Irma in Florida und mit Ophelia in Irland verbracht.

In den Vereinigten Staaten begegnete er nicht nur dem Wirbelsturm, sondern auch unzähligen Medienvertretern, die in Naples den Landfall, den Aufprall des Windes vom Wasser aufs Land, filmen wollten. Der Künstler und sein Team waren immer dabei. Sie nächtigten in dem einzigen noch offenen Hotel in der evakuierten Stadt – ohne Klimaanlage bei tropischen Temperaturen. Sie mischten sich unter die Reporter, bekamen Benzin vom Fernsehsender ABC, der gleich mit einem Tanklastzug angereist war. Und sie staunten über die „Ästhetik der Gewalt“.

Anders als die Journalisten filmte Julius von Bismarck den Sturm mit einer Kamera, die Sekunden auf Minuten ausdehnt, nicht als Katastrophe, sondern als einen Augenblick furchteinflößender Schönheit. „Plötzlich schaut man in die Ästhetik dieses Sturms“, sagt er. „Man sieht wie Pflanzen von dem Sturm gestreichelt werden. Es entsteht etwas ganz Zartes, etwas sehr Schönes, ein Tanz der Bäume mit dem Wind.“

Die Gewalt nutzt Julius von Bismarck als Gegengift gegen die Romantisierung der Natur. In der frühen Arbeit „Punishment“ aus dem Jahr 2012 peitschte der Künstler Berggipfel und Meereswellen. Der persische König Xerxes diente ihm da als Vorbild. Der Legende nach ließ dieser den Hellespont geißeln, nachdem ein Sturm seine Brücken zerstört hatte. Bismarck ironisiert in seinen Projekten die Mischung aus menschlicher Kleinlichkeit und Größenwahn.

Zwischen Bastelei und hohem Ton

Ursprünglich wollte er Wissenschaftler werden. Sein Großvater war Sonnenforscher, sein Vater arbeitete als Geologe in Saudi-Arabien. Als Kind erlebte er Natur in der Wüste und im Berghäuschen der Familie in den Schweizer Alpen. Während der Schulzeit prägten ihn die Straßen von Berlin mit ihrer Härte und den ritualisierten Auseinandersetzungen am 1. Mai. Die Erfahrung floss in seine Installation „Polizei“ ein. Da stellte er 2015 in der Ausstellung „Fire and Forget. On Violence“ den Besuchern der Kunst-Werke eine Phalanx martialisch gerüsteter Polizeipuppen entgegen. Zu dieser Zeit hatte Julius von Bismarck bereits sein Studium als Meisterschüler von Olafur Eliasson abgeschlossen. Von ihm lernte er, „wie ich es kommuniziere, dass die Sachen, die ich mache, auch Kunst sein können“.

Seine „Sachen“ siedeln in einem Zwischenreich. Zwischen Bastelei und hohem Ton, zwischen Forschung und Fantasie, zwischen Poesie und Brutalität. Eine Residency im Cern, dem Europäischen Kernforschungszentrum mit Sitz in der Schweiz, prägte sein Naturverständnis. Dort konnte er zwei alternative Vorgehensweisen der Forscher beobachten. Die einen entwickelten ein Denkmodell auf dem Papier, die anderen wiesen im Versuch kleinste Teilchen nach, aus denen sich die Welt zusammensetzt. Für seine Kunst nutzt Bismarck die Spannung zwischen Theorie und Experiment.

Für die Wolfsburger Ausstellung verwandelt er jetzt die Kraft des Windes in ein industrielles Produkt. Eine Sturmwelle aus Irland ist mit Stahldraht als 3-D-Modell in Lebensgröße nachgebogen. 300 Meter Draht lassen das Wasser zu einem Monument erstarren. Der Mensch ist ein Außenseiter in diesem antagonistischen System, voll Verachtung, voll Verehrung für die Natur. In einer Zeit ohne Glauben wird sie zu einer Art Ersatzreligion, meint Julius von Bismarck. „Die Naturgewalt ist ein Punkt, bei dem wir plötzlich ganz nah dran sind an der neuen Gottheit, an unserem Naturglauben. Da schlägt die Natur zurück.“

Städtische Galerie Wolfsburg, bis 3. 6.; Di 13– 20 Uhr, Mi bis Fr 10– 17 Uhr, Sa 13 – 18 Uhr, So 11– 18 Uhr.

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